Magische Orte der Kontemplation?

Zur weiteren Überarbeitung der Westpark-Planung

Winterliche Ortsbegehung

Unsere Kritik der Schieflage zwischen institutionalisierter oder formeller (Quartiersmanagement und -räte) und informeller BürgerInnenbeteiligung (BIs) am Beispiel der Gleisdreieckwestpark-Planung vermöge der unterschiedlichen materiellen Ressourcen und auch Interessenlagen (Schaffung von Sportflächen im Rahmen des Konzepts der „Sozialen Stadt“) hat erwartungsgemäß einigen Widerspruch provoziert [Kommentar]. Uns wurde gar unterstellt, wir hätten von einer direkten Bezahlung der Quartiersräte gesprochen bzw. bewusst den Anschein, dass es so sei, aufkommen lassen, und unsere gegenteiligen Versicherungen weggewischt.

Am gestrigen Dienstag (21.12.) nun tagte die PAG zum „Schwerpunkt-„, sprich: strittigem Thema des Pilotprojekts „Gärten im Garten“, womit nicht nur die zu begrüßende Integration der glücklicherweise erretteten Kleingartenkolonie POG konkret ausgestaltet, sondern auch die sehr kontrovers diskutierte Lage, Ausdehnung, Beschaffenheit und Funktion des sog. Marktplatzes sowie die Durchwegung der „Oefelein-Bauten“ in Richtung Nelly-Sachs-Park verhandelt werden sollte.

Zwischen U1 und Landwehrkanal

Beräumung des Westparks zwischen U1 und Landwehrkanal

Die Begehung der zwei Baumreihen entlang der beiden Wege durch bzw. entlang der Kleingärten fiel trotz empfindlicher Kälte nicht aus, und angesichts der im Auftrag Grün Berlins längst in gewohnter Manier mit Planierraupen beräumten Geländes [siehe Foto] und gewissermaßen zur Kompensation verständigten sich die PAG-Mitglieder mehrheitlich darauf, dass im Bereich der Gärten so wenig wie nur möglich in den Vegetationsbestand eingegriffen und nur in wenigen Ausnahmen mal ein allzu schief gewachsener Baum gefällt wird. − Die Baum- und Strauchreihe entlang des Logistikgleises sind nämlich schon restlos verschwunden, da ja das Gelände unbedingt eingeebnet werden musste.

Nur ein Mitglied der „Naturschutzfraktion“ nahm teil

Die Vertreterinnen eines möglichst weitgehenden Erhalts wertvoller Ruderalvegetation im allgemeinen und der am vorgesehenen Ort im besonderen − mit seiner in wärmerer Jahreszeit artenreich blühenden Wildblumenwiese, einem Insektenhotel als zusätzlichem Anschauungsmaterial für Naturpädagogik und -erleben der Kinder aus der Nachbarschaft −, diese Vertreterinnen also sind mit einer, übrigens ganz zufälligen, witterungsbedingten Ausnahme, dieser PAG-Sitzung jedoch ferngeblieben. Sie halten das fortgesetzte Mobbing seitens einiger Quartiersräte, denen die Moderation offenbar tatenlos zusieht, nicht länger aus und wollen andererseits dem Versuch, sich ihrer mittels einer ausgerechnet von Seiten der QRs eifrig betriebenen Neuwahl der AnwohnerverteterInnen in der PAG endlich zu entledigen, zuvorzukommen, um sich außerhalb dieser Arbeitsgruppe und ihrer erpressten Konsense ihrem Anliegen, dem größtmöglichen Schutz des Bestands und der vorhandenen Ruderalvegetation, umso freier widmen zu können.

Die Befürchtung, dass bei der Verhandlung der verbliebenen Streitpunkte, damit die Menschen, die sich seit Jahren für eine naturnahe Planung des Gleisdreieck-Parks engagieren, dem Trend zum Aktivitäts-, Sport- und Halligalli-Park widerstehen und, wie schon anderwärts ausgeführt, damit gerade die Mehrheitsmeinung der anrainenden Bevölkerungsgruppen vertreten, zumindest innerhalb des offiziellen Beteiligungsprozesses mundtot gemacht zu werden drohen, ist jedoch insofern unbegründet, als die Zusammensetzung der PAG, zumal was besagte Bürgervertreterinnen angeht, allein schon im Interesse personeller Kontinuität inzwischen fest beschlossen worden ist.

Gemäß dem gemeinsam verabschiedeten Ergebnisprotokoll der PAG vom 18. August d. J. nahmen an der gestrigen Sitzung noch zwei weitere POG-Vertreter teil, was sich im Fall von Volkmar Wohlgemuth als überaus günstig erwies. Die ebenfalls beschlossene Beteiligung weiterer BUND-Mitglieder wurde zwar für diesmal von Grün Berlin mit dem schwachen Argument der dann nicht mehr gewährleisteten Arbeitsfähigkeit vereitelt, wird aber bei der nächsten Sitzung, wenn allererst Entscheidungen getroffen werden, definitiv erfolgen. Gestern ging es zunächst um eine Art Brainstorming.

Nur minimale Eingriffe befürwortet

Begehung der POG-Kolonie

Begehung der POG-Kolonie

Schon gleich zu Beginn der Begehung, als selbst Moderator Seebauer von der Notwendigkeit in regelmäßigen Zehn-Meter-Abständen durch Rodung herzustellender „Sichtfenster“ hin zur Lutherkirche auf dem Dennewitzpaltz überzeugt schien − er ist eben auch Sichtachsen-Planer −, votierten Volkmar Wohlgemuth und POG-Vorstand Klaus Trappmann, aber auch QR Matthias Bauer und Norbert Rheinlaender von der AG Gleisdreieck e.V. dagegen und sprachen sich desgleichen gegen eine gänzliche Rodung des Unter- und Jungaufwuchses aus. Lediglich eine moderate Auslichtung dürfe es hier geben, auch die Krautschicht müsse erhalten bleiben und zur Kontrolle, ob Grün Berlin diese Vorgaben auch einhalte, wurde der Bestand fotografisch dokumentiert. − Überhaupt gehe die Tendenz eindeutig in Richtung einer neuen Üppigkeit in der Gartenkultur und gegen Auf- und Ausräumung unterm Bann des rechten Winkels.

Naturerfahrungsraum

Im Fall des Naturerfahrungsraums sprachen sich die allermeisten für den Erhalt seines „wilden Charakters“ aus, den wiederum Projektleiterin Regina Krokowski von Grün Berlin auf Grund irgendwelcher zu beräumender Betonplatten im Untergrund am liebsten ganz ausgetilgt hätte. Demgegenüber schlug  Matthias Bauer vor, die Platten ganz einfach dort zu belassen, wo sie sind. − Wenn dies nur auch an anderen, angeblich metertief verdichteten Stelle beherzigt worden wäre!

Die Lage des „Marktplatzes“ und seine Funktionen − Anbieten von Gartenerzeugnissen, Ort der Öffnung der Kolonie und Kommunikation mit Anwohner- und BesucherInnen des Parks − wurden zwar nicht mehr in Frage gestellt, jedoch der Herstellung einer rechteckigen Form und Befestigung mit wassergebundener Decke eine klare Abfuhr erteilt: Im Gegenteil soll nun ein „intimer“, ja sogar „magischer Ort“ bestehen, die Wildblumenwiese und das Insektenhotel erhalten bleiben, allenfalls schmale Wege über das Areal führen und ein Wetterschutz in Form einer Laube entstehen.

Durchwegung

Die Eigentümerin GESOBAU hat sich nach Aussage von Frau Krokowski nun im Gegensatz zu früheren Verlautbarungen dieser Wohnungsbaugesellschaft für eine öffentliche Wegeverbindung zwischen Nelly-Sachs- und Gleisdreieck-Westpark ausgesprochen. Die MieterInnen wurden gleichwohl noch immer nicht befragt, was aber nachgeholt werden soll −, doch für Grün Berlin scheint das Ergebnis: Zustimmung, längst festzustehen. Auf keinen Fall, so die KleingärtnerInnen, dürfe aber der Weg durchs Birkenwäldchen geführt werden und müsse überhaupt so schmal wie möglich sein, könne allenfalls hinter dem Gehölz entlang, wenn nötig als Zick-Zack-Pfad, hin zum Marktplatz führen. − Die Bedenken von Quartiersrätin Gabriele Hulitschke in punkto Behindertengerechtigkeit ließen in diesem Zusammenhang nur die wenigsten gelten.

Streuobstwiese und Totholzhecke

In Richtung U2 soll die Kolonie durch eine Streuobstwiese abgeschlossen werden, und gegenüber wurde die Anlage einer Totholzhecke angeregt, was bei manchen nur auf geringes Verständnis stieß, doch solche sind, wie oben schon ausgeführt, als Winterquartier, Rückzugs- und Nahrungsraum im städtischen Raum hoch bedeutsam.

Begehung der POG-Kolonie

Begehung der Kleingartenkolonie POG am 21.12.2010

Gleisdreieckpark im Nord-Süd-Grünzug repetiert?

Zu Flaschenhals und Schöneberger Schleife

Eine aus A&E-Mitteln finanzierte, in hohem Maß stadtökologisch nicht nachhaltige, uniforme Art urbanen Parkbaus bei gelenkter BürgerInnenbeteiligung droht sich mit den gleichen Akteuren, wenn auch aus anderen Fördertöpfen gespeist, nach Süden hin fortzusetzen, also in den Flaschenhalspark und die Schöneberger Schleife! Und wenn’s nach dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg geht, ist der sog. Werkstattprozess bekanntlich bereits beendet und allenfalls noch eine bloße Infoveranstaltung drin.

BUND-Kritik

Deshalb hat der Landesverband des BUND in einem Schreiben an die Fraktionen der BVV gegen diese Art von Partizipation sowie die drohende Stadtnaturvernichtung im Gefolge unsensibler Planungsentwürfe entschieden protestiert. [Noch ehe wir die Einwilligung der Verfasser einholen konnten, erschien der Brief im Gleisdreieck-Blog.]Auch die Modifikationen, die das Atelier Loidl einerseits, Matthias Bauer vom QR Schöneberger Norden (Mitglied sowohl der AG Gleisdreieck e.V. als auch der gleichnamigen Gruppierung innerhalb der PAG) andererseits vorschlagen, ändern, soweit wir das beurteilen können, daran wenig bis gar nichts.

Raumgreifende Rampen

Die tief in den Böschungsraum eingreifende Zugangsrampe von der Yorkstraße her in die jetzt noch einzigartige, abgeschiedene, von Fuchs und Bussard bewohnte Bahnbrache * hat, was zu erwarten war, das Rennen gemacht, und noch fünf weitere solcher Rampen-Monster sollen die dicht bewachsenen Böschungen, deren Bedeutung für den Schutz der Artenvielfalt und die Biotopvernetzung kaum zu überschätzen ist, in einer Weise „erschließen“, dass wohl weniger Rollis, Rollstühlen oder Kinderwagen, sondern vor allem dem Schnellrad- und Radfernverkehr (Kopenhagen-Leipzig!) keine ausbremsenden Kurven in den Weg gebaut werden sollen. − Hier hatte Matthias Bauer im ersten Werkstattgespräch zum Flaschenhalspark noch den allzu wahren Hinweis gebracht, angesichts eines solch unerwartet naturnahen Geländes inmitten der Stadt sei die Notwendigkeit, das Rad auch mal zu schieben, mitnichten eine Zumutung, doch als die Loidl-Planerin in der zweiten Werkstatt den Erhalt der Lokschuppen-Ruine zusicherte, waren alle anderen Argumente, die gegen die ausladende Konstruktion sprachen, sogleich vergessen. − Wie Loidls jüngste Darstellung zeigt, wird unbeirrt auf die „Symmetrie der Geste“ zwischen Gleisdreieck- und Flaschenhalsparkeingang allergrößter Wert gelegt; dazu erhält die Rampe auch noch am entgegen gesetzten Ende einen asphaltierten Platz.

Der Vorschlag von Marlies Funk (AIF), als Natur schonende Alternative mittig zwischen Kolonnen- und Monumentenbrücke eine gewendelte Rampe zu schaffen und am besten in freistehender Konstruktion, galt, wie berichtet, schon durch den Hinweis mangelnder Ästhetik als durchgefallen. − Hier sei denn doch die Frage erlaubt, ob es nicht hohe Zeit ist, den Begriff architektonischer, städtebaulicher wie auch denkmalpflegerischer Ästhetik mit Nachhaltigkeitskriterien anzureichern. Der Funktionalismus der Neuen Sachlichkeit mit seinem Credo des „form follows function“ soll nicht etwa im Roll back einem Jugendstil-Revival mit vegetabilischer Ornamentik weichen, sondern bedarf schlicht einer Neuinterpretation dergestalt, dass er die gewandelten Anforderungen an Funktionalität reflektiert, indem er Erfordernisse des Klima-, Natur- und Artenschutzes in die Funktion integriert, und auch die ästhetische Dimension landschaftsgärtnerischer Gestaltung hat, überflüssig zu sagen, einen zeitlichen Index. Wie gesagt, lässt sich hier ein zeitgenössischer Trend zur Üppigkeit ausmachen, der für den Artenschutz von Igeln, Reptilien bis Insekten und Spinnen hochbedeutsam ist. Und im Hinblick auf Staubbindung, Schattenwurf, Kaltluftentstehung durch Verdunstung, Erosionsschutz und Humisierung des Bodens selbstredend auch für den Menschen und den Naturhaushalt insgesamt.

Dagegen „verwertetet“ Grün Berlin die Begehung des Geländes mit Naturschutzfachleuten von SenGUV und BLN im vergangenen November nun dahingehend, dass auch die Verbuschung entlang der östlichen Gleistrasse und des südlichen Abschnitts des Fernradwegs gerodet und die Fläche freigehalten wird, um die ökologische Wertigkeit für Laufkäfer und die [auch hier nicht nachgewiesene] Zielart Zauneidechse wiederherzustellen.

Echte Partizipation tut not!

Angesichts dieser durchwachsenen Ergebnisse sowohl im Hinblick auf den Beteiligungsprozess als auch die Naturverträglichkeit der Lösngsvorschläge ist nun die BVV Tempelhof-Schöneberg gehalten, 2011 dafür zu sorgen, dass die auch hier bekanntlich viel zu spät eingeleitete und eher symbolische BürgerInnenbeteiligung mit den nötigen Ernsthaftigkeit fortgeführt bzw. allererst begonnen und, zumal auch, was die durch den B-Plan 7-26 bedrohte Eylauer Straße [siehe auch hier] angeht, ernsthaft und kompetent organisiert wird. Hierfür muss bspw. endlich das vom Bezirk beauftragte Umweltgutachten allgemein zugänglich gemacht werden und die bei der Bürgerversammlung am 25.11. in der Norbert-Blum-Schule nicht nur von AnwohnerInnen, der BI Eylauer Straße im Viktoriakiez und Naturschutzverbänden, sondern auch vom Bürgermeister des Nachbarbezirks F’hain-Kreuzberg, Dr. Franz Schulz, geäußerte Kritik an einer rigorosen Nachverdichtung, noch dazu unter Überschreitung der zulässigen GFZ ernst genommen werden und in die Planung einfließen.


* so abgeschieden, dass sie tatsächlich manchen direkten AnwohnerInnen unbekannt ist − allein das kann und darf natürlich nicht sein: ein jeder Winkel muss behindertengerecht zugänglich sein und nächtens angstfrei ausgeleuchtet werden!

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1 Kommentar

  1. Edelgard Achilles said,

    22. Dezember, 2010 um 17:12

    Zur weiteren Überarbeitung der Westpark-Planung

    Der Text enthält einige Stellen, die der Ergänzung oder der Korrektur befürfen:

    1) Es trifft nicht zu, dass die Moderation gegenüber den aufgetretenen Spannungen zwischen einzelnen PAG-Mitgliedern tatenlos zusieht. Herr Seebauer hat sich um eine Konfliktlösung bemüht und deshalb verschiedene Gespräche mit den Betroffenen geführt. Er hat sich außerdem bereit erklärt, bei Bedarf neutrale Personen von außen zu benennen, die bei der Konfliktlösung helfen könnten, wenn die PAG-Mitglieder nicht selbst dazu in der Lage sind.

    2) Bei der gestrigen Begehung gab es zwar unterschiedliche Positionen zum Erhalt der Vegetation entlang der Baumreihen, aber auch die Planer sprachen sich gegen die gänzliche Rodung des dort vorhandenen Unterwuchses aus. Wie so oft trat hier der Gegensatz zwischen der Forderung nach typischen landschaftsgärtnerischen Stilelementen (möglichst viele „Sichtfenster“) und sozialen Gesichtspunkten („Transparenz“) und dem Wunsch der Bürger nach Erhalt der ursprünglichen und in Jahren gewachsenen Vegetation auf.

    3) Dass es Bedenken von seiten eines QRs wegen eines alternativen Zugangs vom Nelly-Sachs-Park zum Westpark gegeben hätte, trifft so nicht zu. Gabriele H. plädierte an anderer Stelle (beim Marktplatz) dafür, dass ein behindertengerechter und kinderwagentauglicher Weg eingerichtet wird, dem wurde auch nicht widersprochen.

    4) In der Sitzung wurde leider nicht geklärt, wie mit dem alten Vegetationsstreifen südlich der U2 (gegenüber der zukünftigen Streuobstwiese) umgegangen werden soll. In den Entwürfen von Atelier Loidl ist dieses Areal bereits baumfrei eingezeichnet.

    Die 51. projektbegleitende Arbeitsgruppe, erweitert durch zwei Vertreter der Kleingärtner, verlief aus meiner Sicht erfreulich positiv. Ich hoffe, dass unsere Vorstellungen von einer naturnahen Gestaltung der „Gärten im Garten“ tatsächlich Eingang in die Planung finden wird und dass diesem Areal das Schicksal der bisher „bearbeiteten“ Flächen auf dem Westpark erspart wird. Denn dort ist kein Stein auf dem anderen geblieben.

    E.A.


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