Schützt unsere Bäume vor dem Denkmalschutz!

In der Britzer Hufeisensiedlung sollen 30 gesunde Hainbuchen fallen

Die Hainbuchen der Hufeisensiedlung

Die Hainbuchen © BUND

Bezirkliche Natur- und Denkmalschutzbehörde gegen Fällung

Ein Vertreter des Neuköllner Grünflächenamts konnte im Sommer unsere Kritik daran nicht verstehen, dass die als Baudenkmal ins Weltkulturerbe aufgenommene Britzer Hufeisensiedlung quasi handstreichartig und hinter verschlossenen Türen nun auch noch den Status eines Gartendenkmals zuerkannt bekommen hat.

Das sei doch durchaus nichts Ungewöhnliches. Und unsere Besorgnis unbegründet, dass dies nur dem Zweck dienen solle, neben der Sanierung der Wohngebäude auch die vernachlässigte Grünanlage der Siedlung gegen den Willen der AnwohnerInnen im Wortsinn radikal neu zu gestalten, also erstmal tabula rasa zu machen − schließlich sind mal wieder Millionen von Steuermitteln aus diversen Fördertöpfen zu verausgaben − und bei dieser Gelegenheit, nachdem vor Jahresfristschon ihrer 17 gerodet wurden, auch noch weitere 30 völlig gesunde Hainbuchen zu fällen. Dies nämlich betreibt die Eigentümerin der Siedlung, die Deutsche Wohnen AG, schon länger und will, nachdem die UNB die Genehmigung verweigerte, seit einiger Zeit ihr Ansinnen auf dem Klageweg gegen den Bezirk durchsetzen.

Derselbe Mitarbeiter, der seinerzeit im Neuköllner Grünflächenamt die Fällung der Hainbuchen nicht genehmigt habe, sei aber, so unser Gewährsmann, mittlerweile zur Unteren Denkmalschutzbehörde (UDB), also ins bezirkliche Denkmalamt gewechselt und werde auch dort sein Einvernehmen verweigern.

Dass sich aber in aller Regel die UDB der Sichtweise der übergeordneten Fachbehörde bei der Senatsverwaltung, also der Obersten Denkmalschutzbehörde und damit des Landesdenkmalamts anschließt, haben wir im Rahmen der Landwehrkanalsanierung gelernt. − Das LDA jedenfalls hat inzwischen die Fällung besagter Bäume genehmigt. Wir sind gespannt, wie sich im konkreten Fall die kommunale Selbstverwaltung bewährt. Zudem sind diese Bäume ja erst der Anfang [vgl. auch unsern Bericht]: Elf begrünte Hochbeete, 1,4 km Hecken nebst Vogelschutz-Vegetation und womöglich Hunderte „unpassender“ Bäume in den MieterInnen-Gärten sollen beräumt werden, und der Teich, auf dem die Krebsschere überhand genommen hatte, wurde nicht etwa als gewachsenes Biotop behutsam saniert, was ohne große Probleme möglich gewesen wäre, sondern wird derzeit erstmal rigoros zerstört, um ihn dann neu anzulegen. Das ist eben die noch immer vorherrschende Praxis im Garten- und Landschafts-Bau.

BürgerInnen- und naturferne Denkmalpflege

Hainbuchen-Stubben

Hainbuchen-Stubben © BUND

Die AnwohnerInnen, von all diesen Plänen so gut wie nicht bzw. falsch informiert, haben sich in einer BI Grünes Hufeisen organisiert und mit Unterstützung des BUND immer wieder gegen diese Kahlschlag-Sanierung protestiert. Die von uns vielzitierte, 2006 vom Abgeordnetenhaus beschlossene Lokale Agenda 21 schreibt  im Interesse zukunftsfähiger Stadtentwicklung nun mal die BürgerInnenbeteiligung gerade bei der Gestaltung ihres Wohnumfelds vor; doch wenn die Denkmalpflege erst das Heft des Handelns in Händen hält, sind ökologische, natur- und artenschutzfachliche Belange sekundär und ernst gemeinte BürgerInnenbeteiligung, da kein Bestandteil des gesetzlichen Auftrags, off topic.

Wir haben da eine ganze Liste von Beispielen: vom Kleistpark und Lauenburger Platz über − immer wieder − den Tiergarten bis zur Bruno-Taut-Siedlung in Prenzlauer Berg, wo, um diese als gut vergleichbar herauszugreifen, 2004 aller Protest inklusive mehrerer Demonstrationen der BewohnerInnen mit Unterstützung des NABU Berlin*, wirkungslos verhallte und den Menschen Baum- und Vegetationsbestand ihres unmittelbaren Wohnumfelds ohne Rücksicht auf dessen kaum zu überschätzenden Beitrag zur Wohn- und Lebensqualität brachial dezimiert wurde − zynischerweise unter Berufung auf Bruno Tauts „Licht, Luft und Sonne“ und seine nun bald ein Jahrhundert zurückliegenden ursprünglichen Entwurfs- und Gestaltungsabsichten. Schon öfter mag er sich im Grab umgedreht haben…

Exkurs zum Luisenstädtischen Grünzug

Einen der seltenen Erfolge gegen eine solch dogmatisch starre, rückwärtsgewandte Auslegung des gartendenkmalpflegerischen Gesetzesauftrags konnte BürgerInnenprotest 2008 in Kreuzberg feiern: Mit Unterstützung vor allem der grünen und linken BVV-Fraktion und nicht zuletzt des Bürgermeisters gelang es, den Versuch, mit Geldern aus dem Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz den ehemaligen Luisenstädtischen Kanal (eLK) „denkmalgerecht zu rekonstruieren“, sprich: den in den 1980er Jahren unter BürgerInnenbeteiligung geschaffenen Grünzug auf Kosten von Baumbestand und Strauchvegetation so tief wie in den 1930er Jahren zu legen, erfolgreich abzuwehren, auch wenn dem Bezirk dadurch angeblich Millionen Euro verloren gingen, wie Kommunalpolitiker z. B. der SPD lamentierten. In ihrer übergroßen Mehrheit sahen die BürgerInnen für die Investition ihrer Steuergelder ungleich sinnvollere und dringlichere Projekte, doch solche Mittel sind bekanntlich zweckgebunden.

Kommenden Montag soll es nun ein erstes Vorgespräch zwischen VerwaltungsmitarbeiterInnen und KiezakteurInnen geben, ob und wofür F’hain-Kreuzberg Gelder aus dem genannten Programm für eine Qualifizierung des Abschnitts des eLK zwischen Wassertorplatz und Landwehrkanal beantragt, und wir hoffen, nicht vorschnell zu urteilen, wenn wir ein solches Vorgehen im Grundsatz als vorbildlich loben: Hier sollen die Anwohner- und NutzerInnen offenkundig frühzeitig informiert, einbezogen und beteiligt werden, und das allein ist die angemessene Weise, wie in diesen Zeiten kommunaler Verarmung und ökonomisch-ökologischer Krise die auch deswegen unabdingbare zivilgesellschaftliche Partizipation gewährleistet werden kann.

Landesdenkmalamt darf sich weder über Baumschutzverordnung noch Partizipationsgebot hinwegsetzen!

Die BaL und die BfK unterstützen deshalb voll und ganz die Forderungen der BI „Grünes Hufeisen“ und des BUND Berlin

  • nach einem sofortigen Stopp der Zerstörung wertvoller Stadtnatur in der Hufeisensiedlung,
  • dem Erhalt der Hainbuchen inklusive der Nadelbäume (die nach der novellierten Baumschutzverordnung keinen Schutzstatus mehr genießen) sowie der übrigen Vegetation der Grünfläche, vor allem aber
  • der Beteiligung von AnwohnerInnen und Naturschutzverbänden auf Augenhöhe, auch natürlich, was die Sanierung der fünf anderen Berliner Wohnsiedlungen angeht, die von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurden.

Um das LDA von seinen überall in der Stadt kritisierten bürgerInnen- und naturfernen Methoden der Gartendenkmalpflege abzubringen, bedarf es natürlich der politischen Unterstützung durch die für Natur-, Umweltschutz und BürgerInnenbeteiligung engagierten Bezirksverordneten in Neukölln bzw. den anderen betroffenen Bezirken, aber vor allem auch der Landespolitik, zumal sich die Senatsverwaltung schon 2008 in der Beantwortung einer Kleinen Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus folgendermaßen vernehmen ließ:

„Die Bewohner der Siedlungen haben mit ihrem Nutzungsverhalten und ihren Nutzungsanforderungen prägenden Einfluss auf den Zustand und die Entwicklung der Siedlungen sowie auf deren öffentliche Wahrnehmung. Sie sollen über die Befriedigung ihrer eigenen Beratungs- und Informationswünsche hinaus zu eigenen Erhaltungsbeiträgen motiviert und als Multiplikatoren gewonnen werden. Ihre partnerschaftliche Einbeziehung in ein denkmalbezogenes Management ist deshalb eine wichtige Voraussetzung für dessen nachhaltigen Erfolg.“

Teichbau

Statt Sanierung bestandszerstörender Teich-Neubau mit schwerem Gerät © BUND


*Leider sind die Berichte über diese Demonstrationen, an denen auch der damalige Geschäftsführer Dr. Baeseler teilnahm, von der Website des NABU Berlin verschwunden. Siehe also den seinerzeitigen Bericht im MieterMagazin.

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