Viertes und „abschließendes“ Werkstattgespräch zum Nord-Süd-Grünzug?

BürgerInnen fordern Beginn echter Beteiligung

Zum hoheitlich von der Bezirksverwaltung Tempelhof-Schöneberg verkündeten Abschluss der sogenannten Werkstattgespräche [siehe unserer Berichte zu den vorangegangenen hier, hier und dort] war der „Goldene Saal“ im Rathaus Schöneberg letzten Donnerstag (18.11.) erneut wohlgefüllt, wobei freilich wiederum weniger als die Hälfte der rund sechzig Anwesenden „einfache“ BürgerInnen waren. PlanerInnen, Bezirksverordnete und auch etliche Senatsangehörige saßen im Publikum, aber nur eine Mitarbeiterin von der senatseigenen Grün Berlin beteiligte sich an den Diskussionen.

4. Werkstattgespräch

4. "abschließendes" Werkstattgespräch zum Nord-Süd-Grünzug am 18.11.10

Die VertreterInnen von Bezirksamt, Grün Berlin GmbH und den Planungsbüros Atelier Loidl und Thomanek Duquesnoy Boemans (TDB) freuten sich über die vielen bekannten Gesichter, und auch optisch hatte sich ein Kreis geschlossen, indem zur Sitzordnung der Auftaktveranstaltung − Publikum vorm Podium − zurückgekehrt worden war: ein der vorhergehenden Veranstaltung geschuldeter Zufall, wie sich Moderatorin Pütz zu versichern beeilte. − Da sich die Art der Dokumentation, mit der die gute Moderation eines Partizipationsprozesses steht und fällt, nur unwesentlich verbessert hat, versteht sich das folgende denn (auch) als eine aus kritischer BürgerInnensicht kommentierte Dokumentation. [Die Präsentationen finden sich am Schluss des Beitrags. Fotos zum Vergrößern anklicken.]

Die nächste Gelegenheit, sich in die aktuellen Planungen einzubringen, bietet sich am kommenden Donnerstag, 25.11., wenn die BI Eylauer Str. im Viktoriakiez um 18:30 Uhr zur Informationsveranstaltung über die Auswirkungen des geplanten Bauvorhabens zwischen Monumenten- und Kolonnenstraße (B-Plan 7-1) in die Aula der Norbert-Blum-Schule in der Kolonnenstraße 21 einlädt. — Also kommt zuhauf!

Umweltstadtrat dankt abschließend für Sensibilisierung

Für unsern Geschmack etwas zu salbungsvoll eröffnete Umweltstadtrat Oliver Schworck (SPD) den Abschluss dieser auf „Anregung der BVV“ veranstalteten Werkstatt, die sehr gut angenommen worden sei, begrüßte die zahlreich erschienenen Bezirksverordneten im Auditorium , namentlich auch die von der CDU, und übermittelte den ausdrücklichen Dank der BVV [!].

Nicht nur in vordergründig landschaftsplanerischer und naturschutzfachlicher, sondern auch in städtebaulicher, stadtökologischer und sozialer Hinsicht seien auf Vorschläge der verschiedenen Bevölkerungsgruppen hin eine Menge Prüfaufträge ergangen und bzgl. engerer Vernetzung der Wohnquartiere, besserer Versorgung mit Grün, naturnaher Erlebnisräumen usw. alles dokumentiert und vieles berücksichtigt und eingearbeitet worden.

Eine Revitalisierung des stadthistorisch bedeutenden Raums sei aus dem normalen Haushalt nicht zu finanzieren, doch nun mit den Geldern aus dem Förderprogramm Stadtumbau West bis 2015 [!] umzusetzen.

Auf beiden Seiten habe der Informations- und Diskussionsprozess eine größere Sensibilität erzeugt, für welche Erfahrungen der Stadtrat dankte, doch nun müsse der Prozess abgeschlossen werden, um in die Phase der Ausführungsplanung und Bauausführung einzutreten, denn: „Wir wollen sagen, wir haben etwas Gutes für den Bezirk erreicht.“

Daraufhin erläuterte Moderatorin Pütz, die, so Schworck, „auch die letzten Male die Diskussion so gut geleitet hat“, die Tagesordnung: In drei Referaten sollten nunmehr die Ergebnisse des gesamten Prozesses vorgestellt und dabei die Liste mit den Anregungen und Prüfaufträgen Punkt für Punkt durchgegangen und diskutiert werden. Eine Diskussion über diese Tagesordnung jedoch, die in dieser Form vorab überhaupt nicht vorlag, oder über das „Dokumentation“ genannte geschönte und verkürzte Protokoll der vorangegangenen „3. Werkstatt“ am 23.9.10 oder gar über die Frage, wie denn das BA diese vierte eigenmächtig schon mal als die abschließende bezeichnen könne, wurde nicht zugelassen. Der Leiter des Stadtplanungsamts, Siegmund Kroll, stellte in Beantwortung der letzten Frage [und wohl schon in Kenntnis eines möglicherweise drohenden Eklats] noch eine weitere „Informations- und Präzisierungsveranstaltung“ in Aussicht, dazu auch eine Fortsetzung der Bürgerbeteiligung während der Phase der Ausführungsplanung.

Positive Modifizierungen und noch viel Ungelöstes

Unbestritten sei, dass es einige positive Modifikationen der Planungen gegeben hat, doch schon das Eingangsreferat von Martin Schwarz vom Planungsamt machte deutlich, dass es noch allerhand ungelöste Probleme gibt: Wie die kürzlich vom Nachbarbezirk organisierte Infoveranstaltung mit dem Investor Hellweg gezeigt habe, seien die Zugänge in den westlichen und östlichen Gleisdreieckpark von Süden her über die Yorckbrücke 5 und das Discounter-Dach sowie ebenerdig von Yorck- und Katzbachstraße her gesichert: die hiesige BVV müsse dem Bebauungsplan noch zustimmen [siehe auch hier], und erste Gespräche darüber gebe es zum Monatsende.

Was das an die Fa. Schroeder veräußerte Gelände der sog. Bautzener Brache betreffe, so sei über die geplante Nutzung noch immer nichts Genaueres bekannt, aber ein Gespräch mit dem beauftragten Architekten habe ergeben, dass „Wohnbebauung mit eingestreuter, nicht störender gewerblicher Nutzung“ beabsichtigt sei. Auch von dieser Seite werde eine öffentliche Zuwegung über Brücke 5 und Yorckstraße sowie die Freihaltung des südlichen Teils des Grundstücks von jeglicher Bebauung zugesichert und sogar eine Kontaktaufnahme mit der AIF angestrebt. Deren Vertreterin, Marlies Funk, beharrte indessen darauf, dass es auf der Bautzener Brache, da Außenbereich, überhaupt kein Baurecht gebe und plädierte für eine Radwegeführung weg von der Hangkante und entlang der S 21. [s.u.]

Zur Optimierung der Führung des berühmten Fernradwegs Kopenhagen – Leipzig, besonders was zum einen die Überwindung der 6m-Hürde der zu querenden Monumentenbrücke, zum andern die Umfahrung des Bahnhofs Südkreuz angehe, seien verkehrstechnische Untersuchungen in Auftrag gegeben, die Anfang 2011 aufgenommen würden. Schwarz sprach vage von einer Unterquerung der Ringbahn und Überquerung von Naumannstraße und Hildegard-Knef-Platz. − Auch zur Beantwortung der Frage nach der Verkehrsführung durch die Bautzener Straße müsse erst das Ergebnis einer verkehrlichen Studie abgewartet werden. − Da sind die AnwohnerInnen natürlich gespannt!

Frau Ziemann von Grün Berlin betonte für den Flaschenhalspark − ein Glied in der Perlenkette von Grünanlagen vom Mendelson-Bartholdy-Park bis zum Südgelände, die der Fernradweg verbinde − noch einmal die Zielstellung einer naturnahen Parkgestaltung. Mit der Radwegeplanung seien auch die SenStadt-Abteilungen 7 und 10 befasst, ein Büro zur Prüfung der Erhaltenswürdigkeit baulicher Relikte betraut, zur Vertiefung der naturschutzfachlichen Planung die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft der Naturschutzverbände (BLN) einbezogen und darüber hinaus noch eine ganze Reihe anderer Fachabteilungen mit ins Boot geholt worden.

Zur Planung Flaschenhalspark

Über die modifizierte Flaschenhals-Parkplanung gemäß der entsprechenden Prüfaufträge referierte wieder Frau Mühlbauer vom Atelier Loidl: Die Pattsituation zwischen Für und Wider hinsichtlich der beiden Eingangsvarianten von der Yorckstraße her wurde erwartungsgemäß zugunsten der weiträumiger in die Böschung eingreifenden, nur einmal gewendeten Rampenlösung entschieden, die aber jetzt ebenfalls die Relikte das alten Ringlokschuppens und seine Wartungsgräben unangetastet lasse. Zwar müsse mehr von der [dicht und malerisch bewachsenen] Böschung abgetragen werden, doch diese Lösung füge sich „landschaftlicher“ ein und ließe auch mehr Raum für Nachpflanzungen. − Fürwahr eine seltsame Logik!

Die weniger Böschung verbrauchende Variante 2, eine gleichfalls behindertengerechte, aber mehrfach gewendelte Auffahrt nur im Bereich des ohnehin auszukoffernden, weil tief kontaminierten Geländes der ehemaligen Fettanstalt würde mit ihren notwendigen Handläufen, Podesten und Betonstützmauern ein bauliches Monstrum, sei durch den dreifachen Richtungswechsel unübersichtlich, nicht nutzungsfreundlich, biete zudem weniger Platz für Neupflanzungen von Bäumen und Sträuchern und kein „Fenster“ von der verkehrsreichen Yorckstraße aus in den Park [aber ebensowenig umgekehrt, sei hinzugefügt]. Und auch in diesem Fall würden 420 m² Fläche neu versiegelt gegenüber 430 m² bei Variante 1.

Vierfache Parallel-Durchwegung

Vier Typen von Wegen sollen dann den Flaschenhals nach Süden „erschließen“: vom zunächst direkt an der westlichen Böschung verlaufenden 3,90 Meter breit asphaltierten, beleuchteten Fernradweg plus einem parallel laufenden Fußweg aus Ortbeton über einen 1,40 Meter breiten Mulchweg zum Joggen durch Stadtwald und Offenfläche bis zu einem abermals 3,90 [warum eigentlich nicht vier?] Meter breiten Ortbetonweg entlang der Waldkante zum Platz vor dem Stellwerk. Hinzu kommt die fünf Meter breite Yorckpromenade, die um fünf Meter nach Süden verlagert werden soll, um mehr Baumbestand zu erhalten.

Warum es vier Wege braucht und nicht auf einen verzichtet werden könne, wurde damit erklärt, dass sie sich doch auf dem Gleisdreieck-Ostpark fortsetzen würden. − Ja, dann…

Frau Mühlbauer berichtete von einer Begehung mit Vertretern der Naturschutzverbände, des Naturschutzbeauftragten des Senats und der Unteren Naturschutzbehörde, als deren Ergebnis u.a. die Planung des Radwegverlaufs etwas nach Osten Richtung Museumsbahn verschoben wurde, um ein wertvolles, gesetzlich besonders geschütztes Trockenrasen-Biotop nicht zu tangieren. − Gerne hätten auch BürgervertreterInnen an dieser Begehung teilgenommen oder wenigstens eine Art Protokoll darüber erhalten, auch um die Abwägung zwischen Natur- und Umweltschutz nachvollziehen zu können.

Der Prüfauftrag zum Vegetationskonzept ergab, das Offenflächen für Licht und Wärme liebende Arten erhalten bzw. durch Fällungen neu geschaffen werden sollten. Eine Offenfläche und eine mit Vorwaldbestand wurden daraufhin „getauscht“, jene im Süden situiert, wodurch nördlich ältere Bäume erhalten werden können. Insgesamt sollen wegen notwendiger Sanierung 34 unter die Baumschutzverordnung fallende Bäume und für die Wegeführung weitere 26 gefällt, aber 370 erhalten werden. Im Nordosten werden aus Naturschutzgründen (Offenhaltung) acht, im Süden nur zwei Bäume gefällt nach der Devise: Wo es schon offener ist, wird noch mehr geöffnet, während schon fortgeschrittene Sukzession unangetastet bleibt.

In der Diskussion ergänzte noch Planungsamtsleiter Kroll , dass der Treppenabgang vom Stadtbalkon an der Kreuzbergstraße unstrittig sei, aber eben nicht behindertengerecht. Für solche Zugänge müssten eine Rampe im Norden und Süden ausreichen, doch sei dies noch in Prüfung.  Eine Vertreterin des BUND verwies auf die hohe Pflegeintensität, die eine Offenhaltung mit sich bringt und fragte, wer dafür aufkomme, und so erhielten wir die Auskunft, dass wie schon im Gleisdreieckpark so auch hier wieder Grün Berlin zum Gärtner gemacht werden solle, doch sei wegen der Finanzierung noch die Abstimmung mit SenFin erforderlich, deren Ergebnis im ersten oder zweiten Quartal kommenden Jahres erwartet wird. Auch soll versucht werden, mit der DB, die aus betrieblichen Gründen die Trassen freischneiden muss, abzuklären, ob sie auch einen angrenzenden Streifen offen halten kann.

Schöneberger Schleife

Eva-Maria Boemans von TDB referierte über die Planungsmodifikationen zur Schöneberger Schleife, zunächst zu den Eingängen. Insgesamt werde ihre Anzahl nicht verringert − zwischen Großgörschen- und Kolonnenstraße sind deren sieben geplant, drei davon behindertengerecht −, aber die behindertengerechte Rampenanlage südlich der Kolonnenbrücke soll nun verkürzt und nach Norden Richtung der denkmalgeschützten Brücke verschoben werden, um auf diese Weise zwei Baumgruppen zu erhalten. Und nach den Baumaßnahmen werde der baumbestandene Böschungscharakter wiederhergestellt.

Der Vegetationsstreifen entlang der Bautzener Straße soll nun erhalten und nur im Bereich des zur Erweiterung des Bautzener Platzes geplanten Stadtbalkons und in Höhe des geplanten Spielplatzes durch zwei „Fenster“ durchbrochen werden, um Sichtbeziehungen herzustellen, sichere Räume zu schaffen und die soziale Kontrolle zu erhöhen. − Die überarbeiteten Visualisierungen zeigten gleichwohl nach wie vor einen völlig anderen Charakter des „Grünstreifens“, und die Anfang Oktober dort sehr unfachmännisch vorgenommen Eingriffe seitens des Grünamts, wovon sich inzwischen auch Mitglieder des BVV-Umweltausschusses gemeinsam mit BUND- und BürgervertreterInnen vor Ort ein Bild machten und daraufhin die Maßnahmen sehr kritisch beurteilten, kamen hier leider nicht zur Sprache −, dabei wurde deren Zielrichtung, eine „gärtnerische Aufwertung“ jetzt zumindest deutlicher.

Sport und Spiel

Das Spielkonzept mit seiner Zonierung blieb, was die tatsächliche inhaltliche Ausführung angeht, trotz der Angebotspalette weiterhin relativ unbestimmt. Die Situierung soll jedenfalls ausschließlich auf zu entsiegelnder Fläche erfolgen, ein einfach konstruierter Wasserspielplatz ist angedacht, doch gebe es noch einigen Abstimmungsbedarf mit der Spielplatzkommission. Damit kein „Babygrill“ entstehe, sei auch an Schatten spendende Elemente gedacht, womit Frau Boemans [siehe Abb.] nicht etwa Bäume meinte.

Das Vegetationskonzept unter der Überschrift „Schutz und Weiterqualifizierung“ sieht eine komplette Entsiegelung der versiegelten Flächen vor, das sind 15,5 Prozent der Gesamtfläche. Die Neuversiegelung aber wird 19,5 Prozent betragen, so dass die Bilanz von 80,5 Prozent unversiegelter Fläche auch die 84,5 Prozent benennen sollte, die momentan unversiegelt sind.

Die schraffierten Areale [siehe Abb.] würden „gar nicht angefasst“, machen nach unserer Schätzung aber allenfallls die Hälfte aus. − Im Süden gebe es, um die Vegetation zu schonen, keine Trennung zwischen Rad- und Fußweg, was z. B. auch im Hans-Baluscheck-Park gut funktioniere.

Durch die Modifikationen der Planung könnten 17 Bäume mehr erhalten werden, davon 11 unter BaumSchVO stehende, und schließlich würden 75 neue gepflanzt.

Frage und Antwort

In der folgenden Diskussion fragte Marlies Funk von der AIF, ob es wegen des Stadtbalkons und der massiven Eingriffe in Baumbestand und Strauchvegetation jemals eine Anwohnerumfrage gegeben habe, und eine Anwohnerin empfahl: „Gehen Sie hin und sprechen Sie mit den Leuten vor Ort!“ Frau Funk schlug erneut vor, den Radweg von der (noch) dicht bewachsenen Böschungskante weiter nach Osten zu verlegen, ihn damit auch einsehbarer zu machen sowie anstelle der gekreuzten, fast die gesamte Böschung verbrauchenden Rampen eine gewendelte Konstruktion zu wählen. Den letztgenannten Vorschlag verwarf Planerin Boemans sogleich mit dem Argument der optischen Scheußlichkeit einer solchen Konstruktion. Andere BürgerInnen fragten angesichts der hohen Kosten für insgesamt sechs ausladende Rampenbauwerke, ob neben den Zäunen entlang der Bahngeleise auch Steuermittel für Lärmschutz ausgegeben würden.

Eine andere Frage zielte auf die Alternativplanung für den Fall, dass sich bestimmte baumschonende Änderungen doch nicht umsetzen ließen: ob dann einfach zum kritisierten Ausgangsentwurf zurückgekehrt werde, doch Siegmund Kroll sah, was z. B. die Kolonnenbrücke anlange, aus denkmalpflegerischer Perspektive keine Probleme.

Protest

Bei all dem fiel auf, dass die Kritik aus dem Publikum im Unterschied zu den vorangegangenen „Werkstätten“ nicht mehr dokumentiert wurde, dass die Moderatorin mehr und mehr die in ihrer Rolle gebotene Neutralität vermissen ließ, indem sie immer unverhohlener Partei für die vorgestellten Entwürfe und Argumente der Planerinnen ergriff, was darin kulminierte, dass  sie, als ein Bürger, der ihr mit zwei ausführlich begründeten Fragen schon eine zuviel stellte, das einzige noch funktionstüchtige Mikrofon zu entwinden trachtete.

Ein Großteil der BürgerInnen mochte auch der Auffassung Baustadtrat Bernd Krömers (CDU) nicht folgen, dass es mit vier mal drei gleich zwölf Stunden „Werkstattgespräch“ nun aber sein Bewenden haben und jetzt endlich mit der Ausführungsplanung und dem Bauen begonnen werden müsse: „Sonst verfallen uns die Gelder, und es gibt gar keine Grünanlage!“ Vielmehr trat Matthias Seidenstücker von der Anwohnerinitiativ St. Matthäus Kiez ans Pult und verlas eine von insgesamt neun Initiativen und Mitgliedern zweier Quartiersräte unterzeichneten Resolution, worin u.a. der Beginn einer echten ergebnisoffenen und professionell moderierten Bürgerbeteiligung gefordert wird.

Einforderung echter Partizipation

Was wir nämlich bis dato erlebt haben, sind, wie es die Verwaltungsangehörigen auch selber öfters bezeichneten, bloße Bürgerinformations- und Diskussionsveranstaltungen gewesen, aber nicht das, was etwa nach der Lokalen Agenda 21 oder der Leipziger Charta als BürgerInnenbeteiligung gefordert ist: nämlich die umfassende Information und frühzeitige Einbeziehung der von der Planung Betroffenen auf Augenhöhe; die Ermittlung der unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse; die Berücksichtigung und Inanspruchnahme ihrer erfahrungsgestützten Expertise der Sach- und Problemlagen in ihrem Wohnumfeld und die Einbindung der zivilgesellschaftlichen Akteure in transparente Verfahrens- und Entscheidungsabläufe.

Nur ein solches, zugegebenermaßen aufwendiges, mitunter schwieriges, langwieriges und auch anstrengendes Vorgehen kann, zumal beim gegenwärtigen Problemstand der politisch-sozialen und ökologischen Entwicklung, noch gute, allseits akzeptierte Lösungen zeitigen, für deren nachhaltige Umsetzung sich dann auch alle Beteiligten gleichermaßen verantwortlich fühlen.

Stadtrat Krömer, die zu guter Letzt noch aufgekommene Schärfe sichtlich bedauernd, meinte jedoch, der bloße Verweis auf die Zahl der bisherigen Sitzungen der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe (PAG) zum Gleisdreieckpark (nämlich fünfzig!) reiche aus, um ein solches Beteiligungsverfahren von vornherein zu verwerfen − dabei hat es dort bekanntlich nur in den letzten fünf Sitzungen eine professionelle, und d.h. zuvörderst unparteiische Moderation gegeben, was mithalf, nach den schlimmen Erfahrungen mit Marginalisierung der BürgervertreterInnen, naturferner Planung und ihrer brachialen Umsetzung auf dem Ostparkgelände, bei der Planung des Westparks unbestrittene, wenn auch längst nicht ausreichende Fortschritte zu erzielen. − Auch hier muss allerdings gegenüber Grün Berlin (Vorhabenträger ist in diesem Fall ja nicht der Bezirk F’hain-Kreuzberg, sondern die Senatsverwaltung) eine Fortsetzung der BürgerInnenbeteiligung immer wieder aufs Neue eingefordert werden.

Auf echten Beteiligungsprozess zu verzichten, nur weil es „nie hundertprozentige Zustimmung“ geben wird, klingt aus dem Mund eines demokratischen Politikers jedenfalls befremdlich. Und was die sattsam bekannte Argumentationskeule vom Verfall der Fördermittel angeht nach dem Motto „Friss oder stirb: Entweder Ihr akzeptiert jetzt diese Planung oder kriegt gar keinen Grünzug!“, so ist es eben mitnichten „Quatsch!“ sondern schlicht zutreffend, dass die BVV-Fraktionen von SPD und Grüne gegenüber der Bezirksverwaltung von Tempelhof-Schöneberg seit 2006 alle Jahre wieder ein Bürgerbeteiligungsverfahren zur Gestaltung des Nord-Süd-Grünzugs anmahnten, wie ihn der Flächennutzungsplan gemäß der Ausgleichskonzeption des Landschaftsprogramms vorsieht, und erst im Frühling dieses Jahres war das BA diesem Ansinnen endlich, wenn auch widerstrebend gefolgt.

Wir appellieren an dieser Stelle also an die Bezirksverordneten der genannten Fraktionen, in Umwelt- und Stadtplanungsausschuss der BVV Tempelhof-Schöneberg beharrlich nachzuhaken, dass die Bezirksverwaltung endlich mit BürgerInnenbeteiligung ernst macht und den mehr schlecht als recht begonnenen Prozess qualifiziert fortsetzt! Lernen müssen hier alle Beteiligten.

Die nächste Gelegenheit, sich in die aktuellen Planungen einzubringen, bietet sich am kommenden Donnerstag, 25.11., wenn die BI Eylauer Str. im Viktoriakiez um 18:30 Uhr zur Informationsveranstaltung über die Auswirkungen des geplanten Bauvorhabens zwischen Monumenten- und Kolonnenstraße (B-Plan 7-1) in die Aula der Norbert-Blum-Schule in der Kolonnenstraße 21 einlädt. — Also kommt zuhauf!

Die Präsentationen

[Fotos zum Vergrößern anklicken]


Siehe auch den Bericht über die Veranstaltung im Gleisdreieck-Blog, die offizielle „Dokumentation“  sowie die aktualisierte Stellungnahme der BLN zum B-Plan 7-1 vom 12.07.10.

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2 Kommentare

  1. Manuel Keucht said,

    23. November, 2010 um 12:59

    Zitat: „Vierfache Parallel-Durchwegung
    Vier Typen von Wegen sollen dann den Flaschenhals nach Süden „erschließen“:
    Das ist so nicht ganz richtig. In den Ausführungen wurde verdeutlicht, dass unterschieden werden muß zwischen dem Flaschenhals an sich (das ist das komplette Bahngelände zwischen Yorckbrücken und Monumentenbrücke) und dem „Flaschenhalspark“, jenes sich zu großen Teilen bereits im Vorwaldstadium befindliche Gelände zwischen der heutigen Fernbahntrasse und dem Museumsgleis. Die Erschließung mit 4 Wegen bezieht sich auf den Flaschenhalspark, was die Planung umso dramatischer macht, insofern die dadurch vorgenommene Zerschneidung diesen relativ kleinen Teilbereich betrifft, der aber ausgerechnet jener ist, der ein hohes ökologisches Potential aufweist. Unter Naturschutzaspekten ist diese Zerschneidung mit bis zu 4 Meter breiten Wegen abzulehnen und durch Mulchwege zu ersetzen. Der altbekannte Trick der Planenden, durch ein Wegeangebot zu verhindern, dass Menschen ungeordnet das Gelände erkunden, kann schon heute in den Bereich des Wunschdenkens verwiesen werden. Gerade ein überdimensioniertes Wegeangebot, noch dazu aus Beton, ist nicht dazu geeignet, bei den zu erwartenden Nutzerströmen die gebotene Sensibilität für diesen einzigartigen Teilbereich aufkommen zu lassen. Es sollten auch partielle Einzäunungen ernsthaft in Erwägung gezogen werden, um das Naturpotential insbesondere vor Hunden zu schützen.

    Dass auch in der planenden Zunft zuweilen regelrechte Komiker_innen auftreten, demonstrierte Eva-Maria Boemans von TDB bei der Vorstellung sog. „Schattenelemente“ – In der diesbezüglichen grafischen Darstellung (drittletztes Bild hier im Artikel – einfach anklicken) ist zu lesen:
    „Die ‚Schattenspender‘ thematisieren spielerisch den Kontrast zwischen Hell und Dunkel.“ na – wer hätte das je gedacht, dass Schatten etwas mit dem Kontrast zwischen hell und dunkel zu tun hat und gut, dass nun auch unseren Heranwachsenden mittels dieser ausgefeilten Elemente dieses bislang verborgene Geheimnis anschaulich – Verzeihung: SPIELERISCH muß es natürlich heißen – entgegengebracht werden kann. Diese außerordentliche Erkenntnis wird sicherlich ihren Niederschlag in den weiter zu entwickelnden pädagogischen Ansätzen der Postmoderne finden.

  2. A. K. said,

    23. November, 2010 um 14:47

    Die „Schattenspender“ sehen für mich aus wie Wartehäuschen in Billigst-Ausführung. Ich wüßte nur nicht, worauf man da warten sollte. Auf Geistesblitze seitens Planern und Politikern? Auf die könnte man warten, bis man selbst im Schatten schwarz wird.


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