Sanierung der Puschkin-Platanen

Seit Montag wird Unterwuchs gerodet

Gartendenkmal Puschkinallee

Puschkinallee Richtung Nordwest

Man sollte sich den Anblick noch mal einprägen, riet die Mopo, denn wie auch in Funk, Fernsehen und zahlreichen andern Berliner Blättern angekündigt, geht es nach Jahren des Abwägens verschiedener Gutachten-Varianten, wie mit den berühmten denkmalgeschützten, aber kränkelnden Platanen entlang der Puschkin-Allee in Treptow zu verfahren sei, nunmehr seit Montag (18.10.) mit der Säge zur Sache. [Siehe auch das Update am Schluss!]

Gartendenkmal Puschkinallee

Noch 600 Platanen in zwei Doppelreihen

Am vergangenen sonnigen Wochenende und noch gestern waren denn auch etliche BerlinerInnen mit der Kamera unter dem einzigartigen, noch immer gut belaubten Baldachin zugange, den die weit ausgreifenden Äste der über 130jährigen Bäume über die vielbefahrene Straße wölben, doch noch bleibt ein bisschen Zeit, bis eine bis zu vierzigprozentige Kroneneinkürzung damit Schluss macht: Die Umsetzung des von Professor Balder von der Beuth-Hochschule für Technik Berlin für jede Platane individuell entwickelten Kronenpflege-Konzepts wird erst im Mai nächsten Jahres in Angriff genommen, und der Auftrag ist noch gar nicht ausgeschrieben.

Fällung der 300 ab November

Gartendenkmal Puschkinallee

Puschkinallee Richtung Südost

Auch mit der Fällung der dreihundert Nicht-Platanen, also der aufstrebenden Ahorne, Robinien und Eichen, die die alten Platanen bedrängen und ihnen das Leben schwer machen, soll es laut Frau Plietsch vom Grünflächenamt Treptow-Köpenick, die das ganze Projekt begleitet, erst ab Anfang November losgehen. 172 der Fällkandidaten stehen unter der Baumschutzverordnung (BaumSchVO), messen also 80 cm Umfang in 1,30 m Höhe, und auch sechzig vom Massaria-Pilz zu sehr geschwächte Platanen werden darunter sein; die restlichen Bäume sind „untermaßig“, also noch jünger, dünner und vogelfrei. Als Ersatzpflanzung reichen die geplanten hundert neuen Platanen schon von rechtswegen natürlich nicht aus; bei einer Gesamtsumme von einer Million Euro für die Sanierung sollte es schon  erheblich mehr Neupflanzungen geben!

Bislang vorbildliche Partizipation

Platanen-Individualschnitt

Platanen-Individualschnitt

Seit gestern beseitigt die Frischke Landschaftspflege GmbH aber zunächst mal zwischen Biergarten Zeller und Elsenbrücke Strauchwerk und Unterholz. Dass diese Maßnahmen insgesamt nötig sind, haben Umweltstadtrat Michael Schneider (Linke) zufolge auch die von Anbeginn in die Planungen mit einbezogenen VertreterInnen von NABU, BUND und der BI Treptower Park akzeptiert. Schneider berichtet von mehreren Bürgerversammlungen, die veranstaltet worden seien, um die im Balder-Gutachten benannten Varianten abzuwägen, und findet die Handhabung der BürgerInnenbeteiligung durch seine Behörde vorbildlich, was auch die genannte BI bestätigt. − Als Alternative bliebe nur, dass Gartendenkmal für den Verkehr zu sperren und zum Urwald werden zu lassen.

Dass die Beteiligung von Naturschutzverbänden und BürgerInnen an der Planung von Baum- und Grünpflegemaßnahmen die Mitarbeiter der Fachämter entmutigt und demotiviert, wie Hartmut Balder auf dem letzten Berliner Baumforum beklagte, lässt sich also wenigstens in diesem Fall nicht belegen.

Individuelle Pflege

Ehrenmal-Spalier

Ehrenmal-Spalier

Da die Kronenpflege des Baumbestands auf dem Areal des Sowjetischen Ehrenmals als beispielhaft dargestellt wurde, was uns einigermaßen beunruhigen musste, wurden doch die dort parallel der Platanen-Reihen stehenden Linden alles andere als individuell behandelt, sondern von der Firma Bollmann mit einem brutalen Façonschnitt bedacht, so konnte uns die Grünamtsmitarbeiterin dahingehend aufklären, dass dort einzig die Platanen in den Genuss einer individuellen Pflege gekommen seien.

Die rigorose Einkürzung der Linden aber sei auf Anforderung des Denkmalamts erfolgt, damit sie nicht die Sicht auf die Platanen verstellen könnten. Es seien hier zwischen Natur- und Gartendenkmalschutz jeweils schwiergige Abwägungen zu treffen, was wir nur bestätigen können. − Mag sein, dass es sich für das Ambiente eines solchen Orts schickt, wenn Linden im Spalier stramm stehen und mit Aststümpfen salutieren, aber wir hoffen doch dringend, dass die individuelle Kronen-Therapie, die jeden Baum als Persönlichkeit behandelt, sich außerhalb des Kriegerdenkmals auch auf nicht durchs Denkmalgesetz, sondern lediglich durch die BaumSchVO geschützte Nicht-Platanen erstreckt!

Kronenkappung als Anpassung an Erderwärmung?

Ehrenmal-Spalier

Ehrenmal-Spalier

Die im Tagesspiegel Barbara Jäckel vom Berliner Pflanzenschutzamt in den Mund gelegte Äußerung, wonach sich die BerlinerInnen auf Grund der Auswirkungen des Klimawandels künftig verstärkt auf eine, an südländischer Gartenbaukunst orientierte verstärkte Kronenkappung ihres Baumbestands einzustellen hätten, finden wir höchst erklärungsbedürftig (die These, dass sich wegen der Zunahme heißer Tage unter stickig-ungelüfteten Kronen mehr holzzersetzende Parasiten breit machen, halten wir in dieser Generalisierung für schlicht abwegig), doch konnten wir zwecks Stellungnahme Frau Jäckel bislang leider nicht erreichen. − Zur Puschkinallee zurückkehrend,  halten wir es ungeachtet der amtlichen Lobeshymnen auf die modellhafte Partizipation für überaus erforderlich, dass Vertreter von Naturschutzverbänden, BIs wie Bürgerschaft die Sanierung dieser spektakulären Berliner Allee aufmerksam verfolgen, um − ganz anders als Prof. Balder supponiert − die Fachkräfte zu möglichst baumschonendem Vorgehen zu ermuntern.

[Update vom 21.10.: Eine Rücksprache mit der Leiterin des Berliner Pflanzenschutzamts, Barbara Jäckel, hat inzwischen gezeigt, dass sie im Tagesspiegel falsch wiedergegeben worden ist. Sie habe Kroneneinkürzung (und schon gar nicht -kappung!) keinesfalls als generelle gartenbaupflegerische Maßnahme empfohlen oder in Aussicht gestellt, sondern nur die Puschkin-Platanen und ansonsten Weiden im Auge gehabt.
Davon abgesehen, müssten Straßenbäume aber nun mal erzogen, d. h. von klein auf beschnitten werden, und nicht erst, wenn die Bäume im Alter Zwiesel und ähnlich Bruchgefährdetes ausgebildet haben. „Es gibt in Berlin ein Defizit in der Jungbaumerziehung“, so Frau Jäckel, was viel mit den aktuell in den Gartenbauämtern fehlenden personellen und finanziellen Kapazitäten zu tun habe, welche Problematik aber nur durch politischen Druck zu lösen sei. − Angesichts des Hinweises auf die negative Baumbilanz unserer Stadt zitierte die Amtsleiterin das geflügelte Wort vom „Man kann sich nur leisten, was man verwalten kann“, d. h. es bringe nichts, immer wieder Neupflanzungen zu tätigen, die dann, unsachgerecht gepflegt, nach einigen Jahren absterben und wieder entfernt werden müssten.
Als positive Beispiele nannte die Expertin die Kastanien-Pflege in Wien, die von jung auf kleinkronig gehalten würden, oder den Formschnitt bei sog. Kastenlinden und verwies dabei auf die historische Gartenbaukunst. Mit Blick auf die gegenwärtig jedoch gewandelten Erfordernisse auf Grund zunehmend heißerer Sommer meinte ihr Hinweis auf den südeuropäischen Gartenbau wohl bspw. die gerade zum optimalen Schattenspenden dachförmig geschnittenen Platanen.
À propos Platanen: Die Massaria-Problematik habe sich entgegen früheren Befürchtungen glücklicherweise sehr entspannt, und es gäbe derzeit im Hinblick auf parasitäre Baumkrankheiten ganz andere, gewichtigere Probleme wie z. B. der eingeschleppte Citrusbockkäfer, der fast alle Laubbäume schädigt, um nur eins zu nennen.
Dort, wo allerdings der städtische Untergrund durch Medientrassen, U-Bahnschächte, Tiefgaragen oder auch durch langjährige Streusalzeinwirkung es nicht hergäbe und große Baumkronen einen immer höheren Totholzanteil aufwiesen, führe an deutlichen Rückschnittmaßnahmen in Richtung Bonsai wie z. B. am Ku’damm kein Weg vorbei, wenn man denn die betreffenden Straßen überhaupt grün erhalten wolle.]

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