Stallschreiberblock

Vernichtung einer weiteren innerstädtischen Brachlandschaft

Wiedergewinnung von Stadt

In Umsetzung der Planungen von Herwarth + Holz zum bezirksübergreifenden Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK) bzw. Städtebaulichen Rahmenplan Luisenstadt scheint es bald zur Sache zu gehen. Anlässlich zweier Bürgerabende am 20.10.09 und 13.01.10 war, wie seinerzeit berichtet, der Bürgerbeteiligung wie so oft eher symbolisch Genüge getan worden. Jetzt hat auch die Xhainer BVV das rund 250 Seiten umfassende Konvolut als Vorlage zur Kenntnis erhalten, und demnächst soll dann bspw. der sog. Schwerpunktbereich Stallschreiberblock in Mitte zwischen Alexandrinen-, Stallschreiber-, Alte-Jakob- und Sebastianstraße durch eine sechsgeschossige Wohnbebauung mit Läden, Gastronomie und Dienstleistungen entlang der Alten Jakobstraße im Nordwesten nachverdichtet werden. Dabei geht’s natürlich auch ums Freihalten der Blickbeziehungen auf die ehemalige Luisenstädtische Kirche, vor allem aber um die Entwicklung einer vier- bis fünfgeschossigen Stadthausbebauung (Baugruppen) zur Aufwertung des ehemaligen Kolonnenwegs im Nordosten.

Stallschreiberbrache

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Das Elend der Bürgerbeteiligung

Etliche BürgerInnen aus Mitte und Kreuzberg, auch der jüngeren Generation, hatten auf beiden Veranstaltungen ihr Missfallen an dieser Art symbolischer Beteiligung deutlich gemacht, von den Verwaltungsdamen von SenStadt, aus Mitte und F’hain-Kreuzberg Gudrun Matthes, Kristina Laduch und Jutta Kalepky waren daraufhin am 13.1. allerlei Worthülsen verstreut worden von wegen, Interessierte könnten sich doch bei der Einzelplanung noch einbringen, und sogar der Einsatz der Neuen Medien ward in Aussicht gestellt, um online Vorschläge einzubringen. Am Rande verlautete derweil allerdings, alles sei doch längst gelaufen, teilweise seien bereits Baugenehmigungen erteilt etc., und die im Übrigen bloß optisch stark herausgehobenen Grünanlagen und Freiflächen wären um kein Deut gewachsen − im Gegenteil −, aber so habe halt der Planungsauftrag gelautet.

Desinteresse der F’hain-Kreuzberger BVV

Das fraktionsübergreifende Desinteresse der Xhainer Bezirksverordneten war jedenfalls beeindruckend: es spiele sich doch alles in Mitte ab, in dessen innere Angelegenheiten wir uns doch nicht einmischen können! − Als ob bspw. Biotopvernetzung oder Kleinklima an der Bezirksgrenze enden; als ob die historische Konnotation der Brachen entlang des ehemaligen Mauerstreifens, die nun mit townhouses im Wortsinn aufgewertet, versiegelt und damit zugleich enthistorisiert werden, Kreuzberg nichts anginge, vom Gentrifizierungsaspekt gar nicht erst zu reden. (Nur Antje Kapek und Ute Kätzel von der Fraktion der Grünen haben das damals ansatzweise moniert.) − BaL und BfK forderten vergeblich eine bezirksübergreifende Planung der Grünflächen mit einem vom Bestand, eben den Brachen und ihrer Ruderalvegetation (die ja auch eine Menge Bäume aufweist) ausgehenden Leitbild.

Fußweg durch die Stallschreiberbrache

Fußweg durch die Stallschreiberbrache

Versiegelung von Natur und Geschichte

Nach dem Gleisdreieck wird also die nächste wunderschöne Stadtbrache dran glauben, noch dazu an einem geschichtsgetränkten Ort, wo unsere christlich-abendländische Zivilisation so grandios scheiterte und sich in ihren zur wechselseitigen Ausrottung bereiten Ablegern derart in eine Pattsituation manövrierte, dass sozusagen die Natur wieder übernehmen konnte. Mit allen Spuren des grotesken Monuments menschlichen Versagens soll nun auch diese Natur der vierten Art (Kowarik), nämlich ökologisch und naturschutzfachlich wertvolle Ruderalvegetation und Habitat einer Vielfalt von Insekten, Vögeln und Kleinsäugern ausgetilgt werden, weil es angeblich „aus überwiegenden Gründen des Gemeinwohls notwendig“ ist.

Gesetz und Ausnahme

Im Entwurf zum Bericht „Städtebaulicher Rahmenplan Luisenstadt“ vom 06.11.09 heißt es zwar auf Seite 64f.: „Aufgrund des hohen privaten Investitionsinteresses auf den Brachflächen entlang des ehemaligen Mauerstreifens (Stallschreiberblock, Sebastianblock, Dresdener Straße / Waldemarstraße) sowie im Holzuferblock besteht die Gefahr einer hohen Versiegelung durch dichte Bebauung und die damit verbundenen Erschließungsflächen. Hier besteht planungsrechtlicher Regelungsbedarf zur Sicherung möglichst großer, gemeinsam nutzbarer Freiräume und einer umfassenden Begrünung sowie zur Sicherung öffentlich zugänglicher Bereiche (Mauerweg). […]
Gemäß Biotoptypen-Kartierung des Umweltatlas Berlin sind die vier brachliegenden Blockflächen nördlich der Kommandantenstraße sowie die Brachflächen im sog. Stallschreiberblock (südwestliche Blockhälfte sowie Fläche südöstlich der City-Grundschule) als Ruderalfluren einzustufen. Nach Einschätzung des Amtes für Umwelt und Natur besteht auf zwei der oben genannten Ruderalflächen nordwestlich und südöstlich der Neuen Grünstraße der Verdacht auf Vorliegen von geschützten Biotopen nach § 26a des Berliner Naturschutzgesetzes. Im Rahmen einer Begehung im Sommer 2009 wurden mehrere geschützte Pflanzenarten (Karthäuser-Nelke, Sedum-Arten) gefunden. Diese Pflanzen sind nach Auskunft der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung aus einer Saat entstanden. Das Vorliegen von geschützten Arten ist für die bauliche und freiräumliche Entwicklung der Flächen als kritisch einzustufen, da die Biotope grundsätzlich am Standort zu erhalten sind.“

Aber dann heißt es weiter: „Möglich sind jedoch Ausnahmen von dieser Regelung, wenn die Beeinträchtigungen der Biotope ausgeglichen werden können oder die Maßnahmen aus überwiegenden Gründen des Gemeinwohls notwendig sind. Bei der Zulassung von Ausnahmen sind Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen anzuordnen.“

Leinkraut am Radweg

Leinkraut am ehem. Kolonnenweg

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2 Kommentare

  1. jürgen julius irmer said,

    17. September, 2010 um 23:20

    …aus ahnung bin ich da in diesem sommer nicht mehr mit dem hund spaziert.
    die verstimmungen durch brutalbauerei(pläne) kann man nicht immer aushalten…
    diese schäbige pfennigfuchserarchitektur,die die herrliche mauerbrache (ecke dresdenerstraße/waldemarstraße) zersetzt hat,ist ein alptraum (aber die restaurantfuzzis aus barcelona, die da für € 150.000,- eine 70m2 wohnung für ein paar heiße tage im jahr gekauft haben finden das cool…bleibt ihnen auch unbenommen), wenn das aber alles ist, was rotrotgrüngelbschwarz zu bieten hat, dann bald exil (aber von vertreibung lebt das ganze ja!)…

  2. winnie said,

    4. Mai, 2013 um 11:27

    Der Turbokapitalismus hat Blut geleckt. Die Immobilienmafia mordet das letzte bischen innerstädtische Natur ab. Hurra, das ist Demokratie und wir alle gehen dafür zu Grunde.
    Erst die Bäume dann die Menschen…
    Wir sollten das Gelände besetzen solange dort noch nicht die Bauzäune stehen!
    Am Oranienplatz wurde auch schon wieder ein großer Baum gefällt (gegenüber vom Tauthaus)!


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