Noch ein peinlicher Festakt

Einweihung der Lohmühleninsel-Erschließung

Bei jeder sich bietenden offiziellen Gelegenheit betont Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer die Wichtigkeit von Bürgerbeteiligung fürs Gelingen zukunftsfähiger Stadtplanung, so auch wieder am vergangenen Donnerstag (8.6.) anlässlich der Übergabe des südlichen Teils der Lohmühleninsel mit seinen drei fertig gestellten Bauabschnitten an die Öffentlichkeit.

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Kiez-Erschließung

Ein ehemals verwildert-verwunschenes, aber eben auch unzugängliches Gebiet sei nun endlich für Radler und Skater nutzbar und auch auf den Rollator angewiesene Senioren, die ebenfalls Anspruch darauf hätten, könnten es jetzt nutzen, denn: „Kiez ist dort, wo wir uns zu Hause fühlen“, so die Senatorin. Und um solche Dinge umzusetzen, bräuchten wir [genauer: die Bauindustrie] dringend Fördermittel wie die des Programms Stadtumbau West, sprach sie ins Mikrofon des rbb-Abendschau-Teams [Passage wurde gekürzt + Seite existiert inzwischen nicht mehr],  nahe der Flatow-Sporthalle vor dem Fußballkäfig und der sog. Blauen Welle aus Beton stehend (der zwei große Weiden geopfert wurden), am Ende einer öden Serie mehr oder minder rätselhafter, auf jeden Fall teurer Spielgeräte für Jung, aber auch Alt, deren Bedienung sich vielfach nur nach Studium der aufgeschweißten Gebrauchsanweisung halbwegs erschließt.

Nach der Bedienung dieser oder jener Gerätschaft befragte Kinder konnten sie zumindest nicht entschlüsseln, zuckten schließlich die Achseln und wandten sich mit einem „Langweilig!“ ab. − Unbedingt sollte gerade hier mal eine neutrale Evaluierung vorgenommen werden, in welcher Häufigkeit diese Installationen benutzt, in welchem Grad sie angenommen werden!

Bürgermeister Schulz gab sich demgegenüber ganz fasziniert von der Begeisterung, mit der sich Kinder und Jugendliche besonders der Fichtelgebirge-Grundschule und ihre Eltern an der Planung dieses sog. Sport- und Spielbands beteiligt hätten. − Wie aber frühere BesucherInnen, sofern sie überhaupt noch hierher kommen, sehr gut erinnern, gab es auch vorher schon − und zwar jahrzehntelang − einen beliebten Parcours von Spiel- und Sportgeräten, die aber freilich nicht so trendy, teuer und technisch waren, und überdies gab es durchaus auch die Möglichkeit, mit Fahrrad und sogar Rollator dort entlang zu fahren.

Die Senatorin aber bemüht immer den Rollator, wenn es ums Zähmen wilder, also spontan gewachsener Stadtnatur geht, nämlich ums Roden und Versiegeln, und kennt den vormaligen Zustand des Gebiets offenkundig überhaupt nicht. Dort gab es in der Tat eine wild mit Baum und Strauch bewachsene Uferböschung mit Lieblingsplätzen für solche, die ruhige, naturnahe Zonen schätzen, welche Böschung entlang des Flutgrabens jedoch u.a. aus Sicherheitsgründen brutal ausgelichtet und nun mit einer breiten Betontreppe „erschlossen“ worden ist, ohne dass die NutzerInnen vorher auch nur informiert, geschweige gefragt worden wären. Manche sind, wie gesagt, so entsetzt, dass sie gar nicht mehr herkommen. Und die angeblich beteiligten AnwohnerInnen hat’s hier nun mal nicht. − Insofern kam man durchaus auch hier von einer Verdrängung sprechen, gegen die Leute aus dem Kungerkiez mit Plakaten protestierten.

Partizipation fand nicht statt!

Nirgends bei der Gestaltung der Bauabschnitte einschließlich des dritten, welcher der „behutsamen Anbindung“ der Insel an den Görlitzer Park mit viel Beton und Pflastersteinen galt, gab es BürgerInnenbeteiligung, die den Namen verdient, dafür aber massive Proteste von AnwohnerInnen bspw. der Görlitzer Straße und von Initiativen wie BaL, BfK, AGG, AIF usw., worüber wir ausführlich berichteten.

Besonders das Aufbrechen des ehemals lauschigen, ökologisch wertvollsten Teils des ansonsten hochgradig übernutzten Görli schmerzte. Weder Bürgermeister noch BVV waren darüber informiert, und Franz Schulz schob dann allerlei Erklärungen nach, bspw. dass die Öffnung des „abgehängten“ Bereichs um den Görli-Teich dessen Missbrauch als Hundebadestelle abhelfen könne, der den ökologischen Wert ja völlig zunichte gemacht habe. Die Mauerdurchbrüche, Wegeverbreiterungen etc. seien aber nur ein „erster Schritt“ zu seiner Wiederaufwertung, und Dr. Schulz forderte vor etwa einem Dreivierteljahr die Engagierten auf, Ideen einzubringen und sich an dem zu beteiligen, was diese Kompensation des entstandenen Schadens nannten, und Mitglieder von BaL, BfK und AGG sind dieser Aufforderung auch gefolgt.

Zur Gestaltung und Bepflanzung des Feuchtbiotops wurden in mehreren Treffen mit VertreterInnen des Fachbreichs Grünflächen, der beauftragten Firma Rehwaldt und unter Hinzuziehung des Naturschutzreferenten des BUND ein Kompromissvorschlag erarbeitet, der dann von BI-Vertretern am 18. Mai d.J. im Umweltausschuss vorgestellt und auf dessen Empfehlung von der BVV gebilligt wurde.

AkteurInnen nicht eingeladen

Ganz davon abgesehen, dass

  • als die Planung beim Görli-Familienfest im Juli der Bevölkerung vorgestellt und mit Interessierten diskutiert werden sollte, leider die betreffende Angestellte mit den überarbeiteten Plänen gar nicht erst erschien, so dass die BI-VertreterInnen nichts in Händen hatten, die künftige Teichgestaltung abstrakt erläutern mussten und auf diese Weise nur wenige für die Gestaltung zu interessieren vermochten;
  • wir erst kürzlich darüber informiert wurden, dass ein wesentlicher Teil des Kompromisses, nämlich der Verzicht auf Umzäunung wenigstens eines Teils des Teichufers, aus Sicherheitsbedenken und mit Schützenhilfe der bezirksamtlichen Rechtsabteilung kassiert werden soll,

sind die AkteurInnen doch reichlich darüber befremdet, keine Einladung zur Einweihungsveranstaltung erhalten zu haben. Eher zufällig bekamen Mitglieder verschiedener Initiativen (und zwar aus der Verwaltung des Nachbarbezirks!) einen entsprechenden Tipp, denn die Einladung „aller interessierten Bürgerinnen und Bürger“ via Web war auf der Seite von Stadtumbau West gut versteckt [und wurde inzwischen gegen eine Kurz-Hymne aufs wohlgeratene Werk ausgetauscht]. Deshalb beteiligten sich am sog. Fachspaziergang außer einigen, mit Stirnrunzeln „begrüßte“ Initiativenmitglieder denn auch nicht ein/e „normale/r“ BürgerIn.

So honoriert und ermutigt man bürgerschaftliches Engagement! Die Handhabung von BürgerInnenbeteiligung an dieser Maßnahme insgesamt war einmal mehr weder

  • transparent noch
  • kontinuierlich noch
  • verlässlich und schon gar nicht
  • auf Augenhöhe,

verstieß also gleich reihenweise gegen wesentliche Grundsätze einer gedeihlichen Partizipation und will offenbar jede Motivation, sich im Sinn der 2006 vom Abgeordnetenhaus verabschiedeten Lokalen Agenda 21 für die nachhaltige Gestaltung des Wohnumfelds zu engagieren, lähmen, entmutigen und ins Leere laufen lassen, um wie gehabt unbehelligt und ohne Einspruchsmöglichkeit die eigenen naturfernen, nutzungs-unfreundlichen Konzepte und partikularistischen Ziele in hoheitlichem Verwaltungshandeln durchzusetzen. − Das aber ist keine schlechte −, das ist überhaupt keine BürgerInnenbeteiligung! Damit haben sich zum xten Mal alle entsprechenden Bekenntnisse von Landes- und Bezirksregierung als wohlfeile Absichtserklärungen und hohle Phrasen bestätigt.

Zum „Fachspaziergang“

Die so breite wie steile Treppe vom Hauptweg herab und am Teich vorbei ging’s auf diesem „Fachspaziergang“ regelrecht im Laufschritt, vielleicht auch weil, obwohl doch gerade Gartenarbeiter mit Rasenmähen zugange waren, der das Teichufer säumende Müll aus Glas-, Plastikflaschen und -tüten, Dosen etc. nicht angerührt worden war.

Hastig skizzierte ein Mitarbeiter des Planungsbüros Rehwaldt die Konzeptidee, so dass gar nicht auffiel, dass ein Teil der neugepflanzten, geweißten Bäume schon wieder eingegangen ist. Buchstäbliches Schwergewicht dieses Konzepts bilde die schnelle Rad- oder Skaterverbindung [entschleunigt wird anderswo] aus Richtung Heilmannsteg den betonierten Uferweg entlang und die breit betonierte Böschung hinauf, dann über die relativ stark befahrene Straße hinweg in den Görlitzer Park −, dessen Tore übrigens in nacheilender Reue längst wieder verschmälert worden sind.

Klimatisch fatale Versiegelungen

Auf dem Betonufer, dessen Baum- und Strauchbestand massiv gerodet wurde, steht eine monströse, in einen lang hingestreckten Betonquader eingelassene Bank aus rechtwinklig angeordneten Bohlen vis-à-vis der Südspitze der Insel. Die auf der Rückseite des Kubus aufgepinselten weiß-blauen Fieberkurven sollen − darauf wäre nach eigener Aussage auch die Senatorin nicht gekommen − die Silhouette von Görlitz vorstellen, wohin die Bahn doch dereinst über die Brücke gefahren sei, zugleich aber das Aufbringen weiterer Graffitis verhindern, was den Verwaltungsmenschen unmittelbar einleuchtete. Ausgleich für die gerodeten seien jedoch die u.E. in preußischer Ordnung viel zu dicht gepflanzten Bäume auf der unversiegelten Restfläche, wobei der vortragende Planer offenbar nicht bemerkte, dass das Exemplar in seinem Rücken ebenfalls schon wieder eingegangen ist.

Über den Heilmannsteg ging’s auf dem dortigen Spielplatz kurz ans Landwehrkanal-Ufer, um eine dieser grotesken, denkbar überflüssigen Installationen zu besichtigen: eine knapp drei Meter hohe, orange-weiße Winkeranlage mit Aufschriften wie „Kanalpiraten“ oder „Schleusengehäuer“ [sic!] mitsamt orangefarbener Flüstertüte. − Immerhin sind aus dem mit EU- und Bundesmitteln gespeisten Topf ja 2,2 Mio. ins Heimischmachen der Lohmühleninsel geflossen…

Der Festakt

Im Bereich der schon erwähnten „Blauen Welle“ kam es dann zur offiziellen Einweihung mit Redenschwingen, Banddurchschneiden und Buffet (Geschirr ausschließlich auf müllintensiver Einwegbasis, wie in unseren öffentlichen Anlagen ja auch üblich), das, gesponsert von der Firma concept.PLAN, die das Planungsmangement über alle Stadtumbau-West-Projekte innehat, endlich auch ein paar BürgerInnen von der Schlesischen Straße lockte.

Nach dem offiziellen Teil wurden in perfektem Timing Kinder per Kastenwagen herangekarrt, ErzieherInnen an der Deichsel, Eltern im Schlepp, denn nun kam der immer wieder nervig lautstark angekündigte Höhepunkt des Events, die „Schiffchenregatta“ im Schafgraben, eine Paddelparade en minature, die dergestalt ablief, dass ein bedauernwertes Paar in Angleranzügen über den scheußlichen Metallic-Uferzaun hinweg ins bis zur Brusthöhe reichende Wasser stieg und dort die von Groß und Klein mehr oder weniger aufwendig gebastelten Bootchen und Flöße aus dem Plastikkorb vom Stapel ließ: Kleine und große ZuschauerInnen durften von hinter der Sicherheitsbarriere aus zuschauen, anfeuern und jubeln, als − oh Wunder! − das größte Schiffchen mit dem größten Segel namens „Schippe & Eimer“ als einziges in die gewünschte Richtung schwamm und somit gewann, aber prämiert wurde anschließend natürlich die Kreativität. − Der Anlass dieser Regatta hätte da nicht mal einen Trostpreis verdient…

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4 Kommentare

  1. jürgen julius irmer said,

    11. September, 2010 um 0:48

    …schöne fotos!
    frau junge-reyer (die weiß, daß ihr die felle davonschwimmen), frau kalepky, die im kiez „heißgeliebt“ ist und onkel dr. schulz, der vermutlich immer noch glaubt durch „stachel“-verteilen am schlesischen tor ein ganz lieber zu sein…
    schöne fotos, wie gesagt!

    • 11. September, 2010 um 14:43

      Ja, schönes Open-Air Fitness-Studio. Um den Eindruck so zu konservieren, sollte man die genannten Personen als Wachsfiguren zwischen ihre Geräte stellen.

      • Bernd Kuhn said,

        16. September, 2010 um 0:39

        Zu teuer! Am besten gleich die Originale hinstellen und einbetonieren

  2. Bernd Kuhn said,

    16. September, 2010 um 0:36

    Kurz gesagt: naturzerstörende, überflüssige, geldvernichtende Baumaßnahme


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