Hijacking einer Anhörung

Sportlobby sieht sich auf dem Gleisdreieck ausgetrickst

Auf Antrag der Grünen kam es am vergangenen Montag (6.9.) im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr des Abgeordnetenhauses zu einer Anhörung über den aktuellen Stand der Planung für den Westteil des Gleisdreieck-Parks.

Anlass des vom umweltpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion, Stefan Ziller, noch vor der Sommerpause eingebrachten Antrags war die Sorge, dass die senatseigene Grün Berlin GmbH die Ausgleichsmittel für die Eingriffe in Natur und Landschaft am Potsdamer Platzes in einem viel zu hohen Grad für Versiegelung oder die Anschaffung von Spiel- und Sportgerät missbrauche: für die Anlage von breit asphaltierten mehrspurigen Wegetrassen und Promenaden oder überdimensionierten Multifunktionsflächen für Asphaltsport und Event −, und dass vor allem auch die BürgerInnenbeteiligung am Planungsprozess unzureichend sei.

Daraufhin waren während der Parlamentsferien auch die anderen Oppositionsfraktionen aktiv geworden, hatten das Thema Sport auf die Tagesordnung gehievt und dazu gleich drei VertreterInnen eingeladen: die für Sport zuständige Stadträtin Angelika Schöttler aus Tempelhof-Schöneberg, Uwe Hammer, Präsidiumsmitglied des LSB und Joachim Uffelmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Friedrichshain-Kreuzberger Sportvereine e.V.. Fachkundige Vertreter der Naturschutzseite saßen derweil ohne Rederecht im zahlreich erschienen Publikum. Die Akteurslandschaft spiegelte sich in keiner Weise wieder.

Christoph Schmidt, Geschäftsführer von Grün Berlin, blieb es vorbehalten, die angesichts der starken Kritik von BürgervertreterInnen und Naturschutzverbänden am früheren Planungsentwurf die im letzten halben Jahr unter verbesserter Zusammenarbeit modifizierte Planung den Ausschussmitgliedern vorzustellen. Sie bezieht nun auch den südlichen Teil des Gebiets mit Anschluss an die Bautzener Straße ein, sieht bspw. die Fällung von nur noch sieben Bäumen vor, denen aber 467 Neupflanzungen gegenüberstünden, und die Wegeführung berücksichtige nun die 76 Parzellen der interkulturellen Kleingartenkolonie POG südlich und nördlich der U2. Deren Erhalt rechtfertige allein schon der große Beitrag zur Integration, den die Kolonie leiste.

Versiegelungsgrad

Auf der Bahnbrache, die zwischenzeitlich als Logistikfläche diente, habe man bereits einen hohen Versiegelungsgrad vorgefunden, im Ostpark bis zu 1,50 m dicke Tragschichten abräumen müssen. Nunmehr sei dort die Arbeit der Beteiligungsgremien und Planungsforen, nachdem „viele viele“ der von Bürgerseite eingebrachten Aspekte berücksichtigt worden seien, erfolgreich abgeschlossen, wie eine abschließende Begehung gezeigt habe.

Der Versiegelungsgrad im neuen Park werde 24 Prozent betragen; der sog. Aktionsrahmen um die beiden zentralen Wiesenflächen böte, wie natürlich auch diese selbst, mannigfache Möglichkeiten an sportlicher Betätigung, an deren Auswahl und Ausstattung der KiJuRa beteiligt worden sei.

Statt Diskussion der Verwendung von A&E-Millionen Lamento über Stadion-Mangel

Gleichwohl blickte Stadträtin Schöttler „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ auf  die finale Planung, erkennt zwar das schöne, familienfreundliche Miteinander von Ruhe- und Aktivitätszonen auch für die Bevölkerung des Schöneberger Nordens durchaus an, doch angesichts der Unterversorgung des Bezirks mit wohnungsnahen Sportanlagen (viele Familien hätten kein Auto, berichtete die Frau Stadträtin allen Ernstes!), dem Jahrzehnte alten Vorhaben, diesem Zustand, also dem Fußballplatz-Mangel, abzuhelfen und den festen Zusagen namentlich des Bürgermeisters des Nachbarbezirks, dies auf dem Gleisdreieck und dem Gelände der 60 Jahre alten Kolonie  zu tun, welche Zusagen dann jedoch einfach zurückgezogen worden seien, fühle sie den Nutzungskonflikt zwischen Sport- und Kleingartenverein, die doch längst für den Fußball, konkret: Türkiyemspor entschieden gewesen sei, einseitig zu dessen Ungunsten revidiert. − Dass am Runden Tisch, den Franz Schulz zur Konfliktbearbeitung einberief, auch Vertreter des Sports und des Bezirks Tempelhof-Schöneberg (Manfred Sperling) saßen, wurde da einfach unterschlagen.

Nachdem die Sportlobbyisten diese Version wortreich variiert und eine immense Bedeutung des Vereinsfußball für Integration und Menschwerdung der Jugendlichen behauptet hatten, war es Matthias Bauer, Quartiersrat Schöneberger Norden und zugleich Mitglied von BI/Verein AGG, der aus der Perspektive der Bürgerbeteiligung den Kompromiss lobte und darauf hinwies, dass doch, selbst wenn die POG geopfert worden wäre, wettkampftaugliche Sportfelder dort nicht hätten realisiert werden können, nicht zuletzt weil der LSB sich mit FIFA- und UEFA-Maßen nicht zufrieden gäbe, sondern in Länge und Breite noch je zwanzig Meter draufschlägt, der Mindestabstand zur angrenzenden Wohnbebauung so oder so unterschritten worden wäre. Einzig nördlich der U2 wäre ein Feld denkbar gewesen, doch sei dies als mit dem Parkcharakter nicht vereinbar, von der Mehrheit der Beteiligten abgelehnt worden, und die SenatsvertreterInnen hatten als Alternative die Schaffung von vier bis sechs wettkampftauglichen Stadien auf dem Tempelhofer Feld in Aussicht gestellt. Auf dem Dach des künftigen Hellweg-Baumarkts aber werde es einen Fußballplatz nach Fifa-Maßen geben.

Flottwellstraßen-Verdichtung wiederholt Fehler der Vergangenheit

Die klimatische Funktion der Grünanlage wird durch die dichte, hohe Bebauung der Flottwellstraße ohnehin schon enorm beeinträchtigt, der Luftaustausch gebremst und damit werden die Fehler der Vergangenheit, von denen sich kürzlich eine Senatsvertreterin in Beziehung auf den Potsdamer Platzes öffentlich distanzierte, eben doch wiederholt, so Bauer. Der entsprechende Bebauungsplan des noch der VIVICO gehörenden Geländes sieht eine sehr hohe Geschossflächenzahl (GFZ) von 3,0 vor, was den Bau von Mietskasernen oder Bürotürmen erlaubt und setzt sich hier einfach über die Vorgaben des Städtebaulichen Rahmenvertrags von 2005 zwischen Senat, Bezirk und Eigentümerin hinweg, worin ausdrücklich Grünfläche vorgesehen war.

Keine Angaben über Rodung untermaßiger Bäume

Erst im Laufe der Diskussion stellte sich übrigens heraus, dass es sich bei den sieben Bäumen um nach der Berliner Baumschutzverordnung geschützte handelt, die also in 1,20 m Höhe 0,80 m Umfang aufweisen, während Christoph Schmidt nicht angeben konnte oder wollte, wie viel untermaßige Bäume dran glauben sollen. Die seien nicht eingemessen und dies auch sehr schwierig. Wir verweisen aber auf das Flechner-Gutachten für den Ostpark, das durchaus Bäume mit StU von 0,30 m berücksichtigt hatte; für den Westpark fehlt tatsächlich eine solche Kartierung.

Partizpation auch in Umsetzungsphase sicherstellen!

Sodann erklärte sowohl Schmidt als auch die Senatsvertreterin Ursula Renker im persönlichen Gespräch, dass selbstverständlich die Beteiligung der BürgerInnen sowie der Naturschutzverbände auch in der Umsetzungsphase fortgesetzt werden müsse, an der Erstellung des Pflanzkonzepts für die Vegetationsinseln [über die bezeichnender Weise an keiner Stelle gesprochen wurde und die doch naturschutzfachlich das zentrale Element sind, um die zerstörten Biotope und Habitate wenigstens rudimentär zu regenerieren!] wie auch an der Erarbeitung des Pflegekonzepts −, doch ob die extern moderierte Arbeit auf Basis der PAG weitergeht, wurde ausweichend beantwortet. Erneut blieben auch Nachfragen offen, wie viel von den Ausgleichsmillionen noch in der Kasse sei −, aber für eine Brücke über die Fernbahn sollte (und kann es auch) keinesfalls verwendet werden!

Auf den Vorschlag, für den Fall, dass unvorhergesehene Umstände vor Ort eine Modifizierung der Planung erfordern − eben im Sinn noch stärkerer Eingriffe in den Bestand − eine Art von zeitnaher Rückkopplungsroutine zu installieren, die eine Beteiligung der PAG-Mitglieder gewährleistet und solch schlimme Überraschungen wie auf der Osthälfte, die seinerzeit selbst Bezirksamtsmitarbeiterinnen überrumpelten, tunlichst verhindert −, auf diesen, sich an Vereinbarungen im laufenden Mediationsverfahren „Zukunft Landwehrkanal“ orientierenden Vorschlag wurde leider nicht eingegangen. Angesichts der regelrecht traumatischen Erfahrung 2009  sollte aber nach unserer Meinung möglichst bald eingebracht und diskutiert werden − die Bagger rollen schon.

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2 Kommentare

  1. jürgen julius irmer said,

    8. September, 2010 um 22:46

    …ich kenne die lage da vor ort nicht weiter.heute allerdings waren wir eher zufällig via möckernstraße mal kurz auf das gelände bis zu den zäunen rundum vorgedrungen und blickten erstaunt auf diese ganzen geradeausplattenschneisen und mittendrin den albernen „naturerfahrungsbereich“ für kinder.
    die ich nur bedauern kann dafür,daß sie die natur à la hundeauslaufgebiet „erleben“ dürfen.

    was mich in dem text oben allerdings etwas aufbringt ist dieses herabwürdigen von sportanlagenbedarf und insbesondere die zeile „…integration und menschwerdung der jugendlichen…“
    ich bin seit langem im breitensport zugange und mußte mich bisher nicht um die „menschwerdung“ der menschen mit denen ich zu tun hatte kümmern.
    suppt da vielleicht der sarrazin durch?

    • BaL said,

      8. September, 2010 um 23:38

      Na, wir hoffen doch nicht, beziehen uns bloß etwas sarkastisch auf die schon nachgerade metaphysische Bedeutung, womit die herbeigeeilten Lobbyisten wortreich den Vereinsfußball auf wettkampfgerechtem Feld aufluden, um daneben die Rolle von Brachlandschaften, interkulturellen Gärten und Naturerlebnisräumen für die Entwicklung und Integration von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als vernachlässigbar erscheinen zu lassen.

      Wir sind nicht gegen Sport, nicht gegen Fußball, auch nicht gegen Fußballvereine, sondern gegen ein Fußballstadion auf Kosten des Gleisdreieck-Parks -, aber diese Debatte ist ja zum Glück ausgestanden.


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