Fördermittel zur Zerstörung von Stadtnatur

Beispiel Hufeisensiedlung Britz

Schon seit dem Frühjahr setzt sich eine AnwohnerInnen-Initiative mit Unterstützung des BUND gegen die im Namen des Denkmalschutzes geplante Rodung von 25 Bäumen, einer Vielzahl von Büschen und Hecken, Zerstörung von Hochbeeten sowie der Umpflügung von Wildblumenwiese in der Großsiedlung Britz ein, besser bekannt als „Hufeisensiedlung“.  [Update vom 23.09.: Hier der aktuelle BUND-Flyer zum Thema…]

Hufeisensiedlung

Hufeisensiedlung | © Landesdenkmalamt

[Update vom 23.8.: Die Geschehnisse um die Britzer Hufeisensiedlung sind noch um eine Umdrehung verzwickter als unten geschildert, worauf uns dankenswerterweise ein Vertreter aus gut unterrichteten Kreisen inzwischen hinwies:
Auf Betreiben der Deutsche Wohnen AG, die 3,2 Mio. Fördermittel (evt. aus dem Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“?) hauptsächlich für die Gebäudesanierung erhielt, wurden gegen den Willen des Bezirks bereits 17 Hainbuchen gefällt; die Fällung von dreißig weiteren sowie Hochbeete und kilometerweise Hecken will die Wohnungsbaugesellschaft auf dem Klageweg erzwingen (siehe auch hier), doch für diesen Rechtsstreit wurde noch immer kein Gerichtstermin angesetzt.
Die hingegen aus dem Investitionsprogramm „Nationale UNESCO-Welterbestätten“ von der BBSR dem Bezirk für 2010−13 bewilligten 3,4 Mio. Euro haben damit nichts zu tun (Ähnlichkeiten der Summen sind rein zufällig!) und sollen nur der „Sanierung“ der Grünflächen dienen. Dabei sind, wie berichtet, eine Million allein für Roden und Umpflügen intakter Grünanlagen mit anschließendem Wiederaufbau vorgesehen. Auch die Mittelverwendung für andere Maßnahmen − etwa Aufstellung von 940 Luxus-Schützbügeln entlang der Parchimer Allee − wird von Fachleuten als weitgehend sinnfrei beurteilt. − Die gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung der anerkannten Naturschutzverbände wird in den BPU zwar behauptet, ist aber zu keinem Zeitpunkt erfolgt.]

Hufeisensiedlung 01

Grünanlage Hufeisensiedlung im August 2010 | © BUND

Diese nach Plänen des Bauhaus-Architekten und Stadtplaners Bruno Taut und des damaligen Stadtbaurats Martin Wagner zwischen 1925 und 33 errichtete Reformsiedlung, eins der ersten Beispiele sozialen Wohnungsbaus der Berliner Moderne und Alternative zur grauen Tristesse feuchter Hinterhausquartieren in den berüchtigten Mietskasernen, sollte den Arbeiterfamilien „Licht, Luft und Sonne“ bringen, durch die charakteristische Form eine soziale Funktion erfüllen und das Gemeinschaftsgefühl stärken. − Zusammen mit fünf weiteren Berliner Reformsiedlungen wurde die Britzer Hufeisensiedlung 2008 ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. − Die von den namhaften Gartenarchitekten Migge und Wagler gestalteten Grünanlagen sind gleichwohl kein Gartendenkmal (wenn auch ganz davon abgesehen, die Ziele von Gartendenkmalpflege und Naturschutz mitnichten zueinander im Widerspruch stehen *, sondern im Gegenteil gemeinsame Wurzeln haben, insofern der Gedanke des Naturschutzes zunächst als der des Naturdenkmalschutzes der dt. Romantik entstammt.)

Die 1924 als Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft gegründete GEHAG, deren Chefarchitekt Bruno Taut seinerzeit war, führte denn auch das Hufeisen, das viele seiner Wohnanlagen charakterisiert, im Firmenlogo, wurde jedoch nach der Jahrtausendwende privatisiert und versuchte 2007 im Zuge des Verkaufs der Siedlung den AltmieterInnen den Auszug schmackhaft zu machen, in manchen Fällen erfolgreich. Die heutige Eigentümerin, eine Management GmbH mit dem schönen Namen „Deutsche Wohnen“, aber hat in ihre Sanierungspläne erst am 28. Juni dieses Jahres in einer Mieterversammlung konkreter eingeweiht, nachdem sich der BUND Akteneinsicht nach dem IFG noch quasi erzwingen musste.

Hufeisensiedlung 03

Grünanlage Hufeisensiedlung im August 2010 | © BUND

Zweckentfremdung von Fördermitteln

Und woher stammen die Gelder? Im Auftrag des BMVBS hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) aus dem Investitionsprogramm für nationale UNESCO-Welterbestätten 3,4 Mio. EUR akquiriert, wovon eine Mio. in Planierung und Neugestaltung der naturschutzfachlich völlig intakten Grünflächen fließen sollen. Im Zuge dieser Neugestaltung sollen überdies die gleichen, doch angeblich nicht denkmalgerechten Baumarten wieder angepflanzt werden: „ein Schildbürgerstreich“, kritisiert Christian Hönig, Fachreferent Baumschutz beim BUND. Jetzt hat sich dessen Berliner Landesverband brieflich an die deutsche UNESCO-Kommission gewandt und um Überprüfung gebeten, ob sich die geplante Mittelverwendung im Einklang mit den Förderkriterien steht oder ob nicht vielmehr mit Geldern, die dem Schutz des Weltkulturerbes dienen sollen, dieses Erbe geschädigt wird.

Die Fälle sind Legion

Diese Art Missbrauch ist, wie wir wissen, leider kein Einzelfall, sondern hat im Gegenteil eher Methode. Wir erinnern bloß an die Wege-Zerschneidung des östlichen Tiergartens; die Pläne zur Rekonstruktion des Luisenstädtischen Kanals (wo die BI BfK mit Unterstützung der BaL durch Mobilisierung der AnwohnerInnen und schließlichen Überzeugung von Bürgermeister und BVV-Mehrheit dies 2008 gerade noch abwenden konnte); an die Verschandelung des östlichen Görli und − anlässlich des berühmten Namens − an die Bruno-Taut-Siedlung (bzw. Wohnstadt Carl Legien) in Prenzlauer Berg, wo aller Einsatz von BürgerInnen und NABU es 2006 nicht zu verhindern vermochte, dass zahlreiche Bäume gefällt und Mietergärten geschleift wurden, weil sie angeblich nicht denkmalgerecht seien, und in Verhöhnung der Ziele Tauts die Siedlung retrospektiv in den Zustand zurückversetzt wurde, den sie bei ihrer Einweihung aufwies. Damit aber wurde die Lebens- und Wohnqualität der MieterInnen durch erhöhte Immissionsbelastung, mikroklimatische Verschlechterung etc. erheblich reduziert und gegen ihren erklärten Willen ihr Wohnumfeld erheblich verändert, von der Stadtnaturzerstörung ganz zu schweigen.

Die Sanierungsplanung für die Grünanlagen der Hufeisensiedlung aber muss unter Beteiligung der AnwohnerInnen und der Naturschutzverbände völlig neu konzipiert werden, vor allem vom Bestand und seiner Erhaltung ausgehen und seine behutsame Ergänzung und Fortentwicklung naturschschutzgerecht konzipieren.

Hufeisensiedlung 02

Grünanlage Hufeisensiedlung im August 2010 | © BUND


* Siehe z. B. Ingo Kowarik et al. (Hg.), Naturschutz und Denkmalpflege − Wege zu einem Dialog im Garten (Zürich, 1998)

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