Umweltausschuss tagt vor Ort

Zunächst keine weiteren Fällungen/Kappungen im Volkspark Friedrichshain

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Baustadträtin Kalepky erklärt

Der Einladung zur außerordentlichen Sitzung des Friedrichshain-Kreuzberger BVV-Ausschusses für Umwelt, Verkehr und Wohnen (UMV), die gestern im Volkpark F’hain open air stattfand, folgten zu wenige Mitglieder, als dass eine Beschlussempfehlung formuliert noch sonst eine weiterreichende Entscheidung gefällt werden konnte. Dafür waren aber nicht nur sachverständige Vertreter von BUND wie NABU sowie Mitglieder von BI/Verein BaL und BfK gekommen, sondern auch JournalistInnen und ein Aufnahmeteam der rbb-Abendschau. Weitere Fällungen/Kappungen soll es zunächst nicht geben, doch das bedeutet weiträumige Absperrung der angeblichen Gefahrenzone.

Konkret ging es diesmal um jene zusätzlichen elf Fällungen über die bislang achtzig im Volkspark F’hain hinaus, der im mit Grün am ärgsten unterversorgten Bezirk sehr beliebt ist. 14,3 Mio. Euro seien seinerzeit in seine Umgestaltung geflossen, vor allem in die Anlage von Teich und Kaskade, Spielplätze etc., bedauerlicherweise aber nichts davon für die Baumpflege abgezweigt worden, so Hilmar Schädel, Leiter des Fachbereichs Naturschutz und Grünflächen im F’hain-Kreuzberger Umweltamt, und das räche sich jetzt. Auf den beiden aus Kriegsschutt errichteten Bunkerhügeln seien in Hanglage stehende Pappeln kürzlich bei Starkwind umgestürzt, eine Robinie sogar auf eine glücklicherweise gerade unbesetzte Bank gefallen.

Umfassender Gehölzumbau geplant

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FB-Leiter, BzV und Gäste lauschen

Das veranlasste den Bezirk sogleich, ganze Bereiche der Hügel als Gefahrenzone abzusperren und dort, wo überm großen Teich ein regelrechter Windbruch entstanden ist, die Fällung bzw. zunächst Kappung zehn weiterer Pappeln zu planen, da diese jetzt − einer höheren Windlast ausgesetzt und infolge ihrer Wuchsform (zu hoch im Verhältnis zur Dicke) − ebenfalls umsturzgefährdet seien. Mittel- bis langfristig aber müsse ein umfassender Gehölzumbau erfolgen und die gesamte Pappelpopulation, also etwa achtzig Prozent des gesamten Baumbestands, sukzessive verschwinden. Die großen Wurzelteller der flach wurzelnden Pappel, die vermöge der besonderen Elastizität ihres Weichholzes bei Windbewegungen stark schwingen, würden die dünne Erdschicht auf dem Schutt zusätzlich destabilisieren. Für diese komplexe Maßnahme solle aber unter Hinzuziehung von Fachleuten ein Konzept erarbeitet werden. Bislang sei noch gar nichts konkret in Planung, sondern nur eine Reaktion auf eine Notsituation erfolgt.

Jetzt aber müssten jedenfalls auf Grund von Gefahr im Verzug zehn durchaus gesunde Bäume gefällt bzw. gekappt werden. Gegen dieses Ansinnen, von dem wir eher en passent erfuhren − die Fällliste für den Ortsteil F’hain wird seit nunmehr knapp sechs Wochen einfach nicht aktualisiert − haben BaL und BfK nachdrücklich protestiert und konnten, liegt’s am Gendarmenmarkt oder am Sommerloch, jetzt sogar die Abendschau interessieren.

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Der technische Leiter erläutert die Lage

Die Einberufung einer Sondersitzung des UMV-Ausschusses noch während der Sommerpause (ein Umstand, wogegen ein CDU-BzV sogleich mit dem Argument protestierte, wenn das Amt Fällungen für erforderlich halte, gehe er davon aus, dass sie auch berechtigt seien und wolle damit nicht in der sommerlichen Sitzungspause behelligt werden) halten sich verständlicherweise Baustadträtin Kalepky und Fachbereichsleiter Schädel zugute, während wir darin eher eine Flucht nach vorn sehen, nachdem sich die Medien, schon seit Sommeranfang von BürgerInnen immer wieder darauf aufmerksam gemacht, nun endlich auch für die mehr als 250 Fällungen in F’hain-Xberg mitten in der Brut- und Vegetationsperiode zu interessieren beginnen [siehe auch die betreffenden Artikel-Links in unserm Pressespiegel]

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Sonderumweltausschusssitzung vor Ort

Bezirksverordnete von Grünen, Linken und der SPD sahen sich außerstande, die Hypothese einer Instabilität der Bunkerberge ad hoc zu überprüfen und weigerten sich, dem Bezirksamt mal eben einen Freibrief für weitere Fällungen auszustellen. Und auch wir fordern neben dem Fällstopp in der Vegetationszeit, also bis mindestens 30. September, und der fachkundigen Überprüfung der Bäume auf Brut- und Niststätten, was nicht abermals der Fällfirma überlassen werden darf, eine unabhängige Expertise, ob die Instabiliätsthese überhaupt zutrifft, denn wenn der Boden tatsächlich unter einer nur zwanzig Zentimeter dünnen Humusschicht wie ein Streuselkuchen aussieht, erinnern wir uns doch gleich an die Situation am Landwehrkanal, wo die Gegenthese, dass Baumbestand die Stabilität einer porösen Böschung vielmehr stabilisiert, empirisch, wenn auch nur exemplarisch, gut bestätigt worden ist. Andererseits lässt ein solcher Untergrund doch auch Niederschläge schnell versickern, weshalb es schon erstaunlich ist, dass Flachwurzler wie die Pappel so gut gedeihen, während sich Herz- oder Pfahlwurzler kaum behaupten können. Dieses Phänomen könnten z. B. Aufgrabungen einiger Stubben schon gefällter Pappeln aufhellen.

Und was die langfristigen Pläne eines Gehölzumbaus angeht, stellten Ausschussmitglieder zu Recht die Frage, welche Baumarten denn stattdessen gepflanzt werden sollen. Vor allem ist zu erwarten, dass, wenn nicht bis in eine gewisse Tiefe der gesamte Boden ausgetauscht werden soll, beim sukzessiven Umbau immer wieder eine Vielzahl von Pappel- und Robinenschösslingen zu entnehmen sein dürften, die nun mal in unserem städtischen Raum Pionierfunktion haben, ihre Zurückdrängung also einen zeit- und kostenintensiven Pflegeaufwand bedeuten.

Christian Hönig, einer der für Bäume zuständigen Mitarbeiter des BUND Berlin, insistierte darauf, dass viel früher pflegerisch hätte eingegriffen werden müssen, um solch eine Situation gar nicht erst entstehen zu lassen, eine Weisheit, die schon im ersten Semester Forstwissenschaft gelehrt werde, und erhielt zur Antwort, dass der Fachbereich Naturschutz und Grünflächen leider über keine Forstwissenschaftler oder Waldbauer verfüge.

Der Baumexperte des NABU-Landesverbands, Frank Külske, aber empfahl „auch auf die Gefahr, dass ich mich jetzt bei einigen unbeliebt mache“, tatsächlich noch mehr gesunde Pappeln zu fällen als das Bezirksamt ohnehin vorhat, um bspw. schmächtigen  Ahornbäumen bessere Chancen zu geben, traf hier aber auf Widerspruch des Baumgutachters Nicolas Klöhn, der neben den schlechten auch die guten Aspekte der Pappeln hervorhob: Sie böten den auf Grund des Konkurrenzdrucks ebenfalls „risikoreich“ sehr schlank und schräg Richtung Licht gewachsenen Bäumen Windschutz; man habe hier ein ausbalanciertes Gefüge vor sich, dessen Struktur man nicht ungestraft zerstören könne.

Ansätze naturnaher Parkpflege

Robinienstubben als Biotopholz

Robinienstubben als Biotopholz

Wenn denn gekappt werde, zeigte sich Hilmar Schädel aus Artenschutzgründen bereit, verkehrssichere Hochstubben als Biotopholz stehen zu lassen, um Höhlenbrüter, Fledermäusen, Kleintieren und Pilzen Lebensraum zu bieten bzw. zu erhalten. Im urbanen Raum sind gerade Parkanlagen dafür prädestiniert, solch naturwaldähnlichen Gegebenheiten zuzulassen, die sich außerhalb der Städte ja nur noch in Naturschutzgebieten, nicht aber in Wirtschaftswäldern finden, und der Fachbereichsleiter führte den Ausschuss und seine Gäste im einsetzenden Nieselregen noch zu einigen Beispielen, wo im Interesse der Biodiversität Hochstubben z. B. von Linden stehen bleiben dürfen. − Umso weniger können wir verstehen, warum der alte Ahorn Nr. 83 auf der Fontanepromenade in Kreuzberg, der (wie übrigens auch seine Nachbarbäume) zahlreiche Höhlungen aufwies, vor wenigen Tagen gefällt wurde, obwohl hier nach unserer Meinung keine Gefahr im Verzug bestand und wir den begründeten Verdacht hegen, dass eine vorherige fachkundige Untersuchung des Baums etwa auf Wochenstuben von Fledermäusen höchstwahrscheinlich abermals unterblieb.

Der Ausschuss ging auseinander mit der Verabredung, das Thema in seiner ersten regulären Sitzung nach der Sommerpause, nämlich am 21. September ganz oben auf die Agenda zu setzen und stimmte zu, dass etwa 500 Meter Bauzaun aufgestellt werden, um die ParknutzerInnen vor der Gefahrenzone zu schützen. Hierfür reichen Flatterband und entsprechende Hinweisschilder nicht aus, doch wir geben auf Grund der Erfahrung am Landwehrkanal [schwerer Unfall am LWK-Ufer nahe Prinzenbad] zu bedenken, dass solch ein Bauzaun, der ohnehin von der Bevölkerung großenteils missachtet wird, seinerseits eine Gefahrenquelle darstellt. Immerhin kommen die nicht unerheblichen Kosten für seine Aufstellung und Wartung nicht aus dem gleichen Topf wie die Unterhaltung der Spielplätze. − Bei der Erstellung des Konzepts für den Gehölzumbau forderte der umweltpolitische Sprecher der BVV-Linken, Mirko Assatzk, die Einbeziehung unabhängiger Sachverständiger sowie VertreterInnen von Naturschutzverbänden und BIs.

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2 Kommentare

  1. Manuel Keucht said,

    19. August, 2010 um 12:05

    Der von der Baustadfträtin Kalepky anberaumte vor-Ort Termin ist sehr begrüßenswert. Wir sollten alle davon ausgehen, dass nunmehr das mitunter eisige Verhältnis zwischen Bezirksamt und Bürger_inneninitiativen sich sukzessive entspannen und gegenseitiges Verständnis für die oftmals gegensätzlichen Sichtweisen und Positionen Platz greifen kann.
    Es ist zu bedauern, dass statt der vom Grünflächenamt vorgeschlagenen Kappung von 10 standgefährdeten Pappeln ein Bauzaun zur Absperrung des gefährdeten Bereiches aufgestellt wird, der mit ca. 7500 € zu Buche schlagen wird, weil, wie im Blogbeitrag erwähnt, die anwesenden Bezirksverordneten sich nicht spontan zu einer baumpflegerischen (Not)Maßnahme durchringen wollten. Hier ist natürlich zu bemängeln, dass das Grünflächenamt den Verordneten nicht im Vorfeld entsprechende Unterlagen zu der Gefährdungssituation zur Verfügung gestellt hat. Kaum vorstellbar, dass die kritische Situation auf dem Bunkerberg den Verantwortlichen nicht seit Monaten bekannt gewesen ist – Zeit genug, durch einige exemplarische Aufgrabungen das kritische Bodengefüge, das ja Ursache für die Standunsicherheit der Bäume ist, zu veranschaulichen. So wurden die Anwesenden erst vor Ort in die grundsätzliche Problemlage eingeführt und wurden vor die Wahl gestellt: „Entweder ihr stimmt den Kappungen jetzt sofort zu oder das Bezirksamt muß aus Gründen der Gefahrenabwehr einige Tausend Euro ausgeben, um einen Bauzaun zu stellen.“ Das hat dann schon etwas erpresserisches und ist auch vollkommen unverständlich, denn die Planungen im weiteren Verlauf sehen ohnehin vor, durch entsprechende Gutachten flankiert den sukzessiven Gehölzumbau zu flankieren. Warum also nicht im Vorfeld einige exemplarische Untersuchungen vorziehen und den Entscheidungsträgern als Grundlage zur Verfügung stellen?
    Immerhin: Die ausgestreckte Hand des Grünflächenamtes sollte nun festgehalten und der gegenseitige Austausch vertieft werden. Warten wir also gespannt auf das Angebot, einige ausgewählte Straßen- und Platzbäume, die auf der bezirklichen Fälliste stehen und deren beabsichtigte Fällungen von den Bürger_inneninitiativen mehrfach stark kritisiert wurden (wie z.B 3 knorrige Pyramidenpappeln auf dem Wassertorplatz) mit den bezirklichen Baumfachleuten noch einmal gemeinsam auf die (angeblich) festgestellten Schäden zu untersuchen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die nur noch notdürftig mögliche Baum- und Grünflächenpflege bereits jetzt schon nur dann einer Verwahrlosung und auch ökologischen Entwertung entkommen kann, wenn die einzelnen Maßnahmen von der Bevölkerung akzeptiert werden können.

    Es ist höchste Zeit für eine Transparenzoffensive des Grünflächenamtes – der vor-Ort Termin auf dem Bunkerberg könnte der Beginn dazu gewesen sein.

  2. Benni Blume said,

    20. August, 2010 um 15:12

    @Manuel Keucht & andere
    „Es ist höchste Zeit für eine Transparenzoffensive des Grünflächenamtes – der vor-Ort Termin auf dem Bunkerberg könnte der Beginn dazu gewesen sein.“

    Na, da warten wir doch mal, ob das und wie das was wird.

    😉 Benni Blume


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