Kreative Grünflächenpflege im grünen Xhain

Fällungen gehen weiter − Strauchschnitt folgt

Die am 7.7. aktualisierte Fällliste des Fachbereichs Naturschutz und Grünflächen im Xhainer Bezirksamt wird so schnell abgearbeitet, dass wir in zwei Fällen und ausgerechnet, wo es um wertvolle Altbäume ging und erhebliche Zweifel an einer Gefahr im Verzug angebracht gewesen wären, wegen unserer urlaubs- und witterungsbedingt derzeit sehr begrenzten personellen Kapazitäten leider zu spät kamen.

So fiel schon am Montag (12.7.) eine sehr große Rosskastanie (Stammumfang 2,75 m) am Hohenstauffen- oder Zickenplatz, die keineswegs absterbend/abgestorben war, wie die Standardformulierung der Fällbegründung lautet, sondern zwar einen Nasskern, aber durchgängig noch ausreichend Restwandstärke hatte, wie sich anhand der enormen Masse an Schnittgut/Vielzahl von Schnittflächen belegen ließ. Auch die Holzversprödung infolge Pilzbefalls (der nicht einmal erwähnt wurde) war noch sehr begrenzt. Nach unserer Meinung hätte eine Einkürzung des auch für Niststätten geeignete Höhlungen aufweisenden mächtigen Baums vollauf genügt. Ein Vorliegen von Gefahr im Verzug konnte jedenfalls definitiv nicht behauptet werden.

Noch viel weniger bei einer Dienstag gefällten großen Linde (Stammumfang ca. 1,90 m) auf dem Mittelstreifen der Yorkstraße (ggü. Hausnr. 19, also unweit der Kreuzberger Dienstelle des Grünamts im ehem. Rathaus), deren Schnittgut kaum Schadsymptome zeigte, die aber dennoch wiederum als „absterbend/abgestorben“ gelistet wurde. Auch in diesem Fall bestand keine Gefahr im Verzug.

Die noch ihrer Fällung harrenden Bäume wie z. B. der Lederhülsenbaum Nr. 325 gegenüber dem Gesundheitsamt in der Urbanstraße 24 sind bedeutend jünger als die vorgenannten. Besagter Lederhülsenbaum ist gleichfalls nicht absterbend wie die Fällliste behauptet, sondern treibt im Gegenteil vielfältig frisches Laub an den Starkästen; nur einige Grob- und viele Feinäste sind im harten Winter erfroren. So ist hier lediglich eine Totholzentnahme angezeigt, aber keine Fällung vertretbar.

Im Innenhof des Gesundheitsamts, der als Parkplatz dient, aber gewiss nicht als „Grünfläche“, wie es in der Liste heißt, wächst ein Ahorn wohl seit fünfzehn Jahren dicht an der Hauswand. Wieso der Baum mit eben dieser Begründung ausgerechnet jetzt gefällt werden muss, bleibt unerfindlich. Mangelnde Standsicherheit wird mal ausnahmsweise gar nicht erst behauptet.

Und für die jüngere Linde Nr. 46, die nahe Tempelhofer Ufer 31 einem Bauvorhaben der U-Bahn im Weg steht, muss die BVG mindestens im Verhältnis 1:3 Ersatz leisten!

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Brandgefahr im Görlitzer Park, aber kein Grillverbot

Nach Auskunft des Fachbereichsleiters, Hilmar Schädel, wurde inzwischen der mit der Wässerung des Görli beauftragten Fremdfirma gekündigt. Die gesamte Trockenperiode, also über vier Wochen, ist sie ihrem Auftrag nicht nachgekommen mit dem Ergebnis, dass die Rasenflächen hinüber und viele jüngere Bäume in einem bedenklichen Zustand sind [siehe auch hier].

Nunmehr wird laut Amtsleiter der Görli, der ja immerhin über einen Tiefbrunnen verfügt, von eigenen Leuten gewässert. Richtig ist, dass seit letztem Montag (12.7.) wieder ein einziger Mitarbeiter dort zugange ist, der sich auch alle erdenkliche Mühe gibt und jedenfalls allein mehr zuwege bringt als die ganze Fremdfirma. − Die vom Bezirk eigenverantwortlich betriebene personelle Ausdünnung des Grünamts und Outsourcing der Grünflächenpflege aus Gründen der Kostenersparnis erwies sich auch hier wieder mal als Irrweg und kommt die Allgemeinheit letztlich teurer zu stehen.

Aus welchen Gründen auch immer war jener Mitarbeiter vorher wochenlang vom Görli abgezogen worden, so dass gärtnerisch im Park überhaupt nichts geschah und sich lediglich die Brandgefahr durch die fortgesetzte Grillerei täglich erhöhte. BesucherInnen teilten uns mit, dass mitunter glühende Asche auf Baumscheiben entsorgt wird. − Während bspw. im Großen Tiergarten das BA Mitte kürzlich das Grillverbot um vier Wochen verlängerte, scheut unsere Bezirksregierung offenbar hier vor unpopulären, paternalistischen Maßnahmen zurück.

Strauchschnitt: Aus Grün mach Braun

Doch zumindest am Pflegestillstand soll sich bis Ende dieses Monats noch einiges ändern, wenn auch Hitzeperioden für solche Maßnahmen wegen des zusätzlichen Flüssigkeitsverlusts über die zugefügten Wunden der denkbar ungünstigste Zeitpunkt sind à la Aus Grün mach Braun. Großflächig [siehe hier], aber „behutsam und unter Berücksichtigung des Vogelschutzes“ (Schädel) sollen nämlich mitten in der Hitze die Büsche zurückgeschnitten werden, um „zur Vermeidung/Minimierung von Gefährdungen im Görlitzer Park“ das Ergebnis einer „amtsübergreifenden Abstimmung“ zu vollziehen.

Die Kettensäge als Waffe im Drogenkrieg

Auch Bezirksverordnete konnten unsere Erfahrungen bestätigen, noch nie im Görli von Sträuchern angegriffen worden zu sein −, aber hier liegt natürlich auch gar nicht das Problem, sondern es geht vielmehr darum, nun auch kriminologische Aspekte in die Grünflächenpflege zu integrieren und mittels „minimal invasiven“ Strauchrückschnitts die (Weiche!) Drogenszene im Park gewissermaßen zu beschneiden, mit der ambitionierten Zielsetzung, sie dereinst ganz daraus zu verdrängen.

Ob und wenn ja, welche Überlegungen hinter dieser Maßnahme stehen, können wir nur mutmaßen, aber man scheint amtsübergreifend zu hoffen, dass transparentes Buschwerk den Platz für Drogendealer dergestalt unattraktiv macht, dass sie sich beim Bunkern ihrer heißen Ware beobachtet fühlen. (Weiterhin ist uns zu Ohren gekommen, dass Bänke, auf denen die Dealer am liebsten sitzen, entfernt werden sollen.) Inzwischen haben wir uns erlaubt, unsere Baustadträtin Kalepky und ihren Grünamtsleiter schriftlich darauf hinzuweisen, dass diese Strategie aller Voraussicht nach nicht einmal dann erfolgreich sein könne, wenn sie konsequent zu Ende gedacht und das gesamte Buschwerk im Görli (und natürlich auch in allen anderen Grünanlagen) gerodet würde, denn am Kottbusser Tor, wo sich bekanntlich die Haupt-Kleindealerszene des Bezirks befindet, gibt es keinen einzigen Strauch.

Konterkarierte BürgerInnenbeteiligung

Nun ist es im Görli, wie berichtet, ausgerechnet kurz vor der Brutperiode zu massiven Rückschnitten bspw. von Brombeersträuchern gekommen, die nicht zuletzt bei standorttreuen Nachtigallen, von denen es vorher dort fünf Brutpaare gegeben hat, als Nistplatz sehr beliebt sind. Unserer Kritik an diesem Vorgehen wurde mit dem Hinweis begegnet, nicht Grünflächenamtsmitarbeiter, auch nicht beauftragte Firmen, sondern unbekannte Dritte hätten die Büsche eine Handbreit überm Boden gekappt. Das mit Bürgerbeteiligung ausgearbeitete Gestaltungskonzept, dass den ökologischen Schaden vor allem der „behutsamen Anbindung“ des nordöstlichen Görli an den Straßenraum kompensieren soll, und der zugehörige Pflanzplan sehen nun vor, weitere dornenbewehrte Büsche, etwa Himbeeren, vor die Brombeeren zu pflanzen, um für Heckenbrüter wieder attraktive, einigermaßen vor Mensch und Hund geschützte Nistgelegenheiten zu schaffen und für Jung und Alt zur gegebenen Zeit eine zum Naschen.

Doch jetzt wird uns schlagartig klar, dass wir bei der Ausarbeitung dieses Konzepts Angehörige des Drogendezernat sträflicherweise außen vor gelassen haben, und es deshalb einer Verschwendung knappster Haushaltsmitteln bedeuten muss, wenn im kommenden Herbst etwa im Bereich des Görli-Teichs ein möglichst blickdichter Bestand an Buschwerk geschaffen wird, nur um während der nächsten Brutperiode aus sicherheitstechnischen Erwägungen wieder ausgelichtet zu werden.

Grundsätzlich aber wird deutlich, wie viel Reflexion noch darauf verwendet werden muss und welch schwieriger, langwieriger Abwägungsprozess da auf uns zukommt, um den nachgerade gordischen Knoten und Zielkonflikt zwischen Klima-, Natur-, Artenschutz, Naturerleben und Umweltpädagogik sowie der aus all diesen Gründen von NaturschützerInnen erhobenen Forderung eines Zulassens von Wildnis im urbanen Raum auf der einen Seite − und der bitter nötigen Bekämpfung wenn nicht des Terrorismus’, so doch der Drogenkriminalität und der überfälligen Ermöglichung einer angstfrei-sicheren, überschaubaren, sozial kontrollierten Grünanlagen- und Stadtnaturnutzung auf der anderen Seite zu entschärfen, wenn nicht durchzuhauen.

Xhain vor!

Nicht nur in der praktischen Antizipation der Folgen des Klimawandels in der Neuen Kreuzberger Politik (NKP) und der kreativen Auslegung des Fällverbots während der Vegetations- und Brutperiode, sondern auch bei der Lösung dieses komplizierten Konflikts zwischen Natur- und Jugendschutz schickt sich unsere „grüne“ Bezirksregierung wieder einmal an, unerschrocken Neuland zu betreten und auch vor radikalen Lösungen nicht zurückzuscheuen, und sie muss ja auch achtgeben, dass ihr die Politik unserer Senatsverwaltung für Stadtversiegelung dabei nicht den Rang abläuft, die bereits an vielen anderen Stellen − vom Gleisdreieck- bis zum Flaschenhalspark, vom Großen bis zum Kleinen Tiergarten − unbeirrbar für größere Transparenz, Überschaubarkeit und verkehrliche Erschließung der Stadtnatur sorgt.

Aus dem Nachbarbezirk noch nachgetragen

Eine Anwohnerin des kürzlich noch vor sich hin verdorrenden Nelly-Sachs-Parks in Tempelhof-Schöneberg − mehrere der über 20 Jahre alten Eichen und Linden sahen aus, als würden sie bald auf der bezirklichen Fällliste stehen − hatte von MitarbeiterInnen des dortigen Grünflächenamts von einem Gießverbot erfahren und daraufhin in ihrer Nachbarschaft Unterschriften dagegen gesammelt. Noch letzten Freitag (9.7.) erhielt sie einen Anruf vom zuständigen Stadtrat, der sich um das Image des Bezirksamts sorgte und zunächst mal die Sache mit dem Gießverbot relativierte: Wegen der Haushaltssperre habe der Reparaturauftrag für die defekte automatische Beregnungsanlage nicht ausgelöst werden können.

Warum die MitarbeiterInnen zum Wässern auch den Hydranten nicht benutzen konnten, blieb indessen weiterhin im Dunkeln, und wir belassen es dort, denn schon am selben Tag konnte die Anwohnerin noch kurz vor Mitternacht zu ihrer freudigen Überraschung feststellen, dass alle zehn Düsen der Beregnungsanlage arbeiteten und sogar die Düse hinter dem Mietshaus, die jahrelang nicht mehr funktioniert hatte, wieder rauschte.

Sehr gerne erfüllte da die Schönebergerin die Bitte ihres Stadtrats, der sich dabei auf den Aufruf des Senats an die BerlinerInnen berief, beim Wässern besonders der jüngeren Straßenbäume zu helfen, und goss eine schon sehr bedenklich aussehende junge Eiche in der Bülowstraße… [Noch’n Nachtrag: Siehe auch einen aktuelleren Beitrag nebst einigen Hintergrundreflexionen.]

Und in Xhain?

Natürlich gießen auch hier AnwohnerInnen in den Abendstunden bspw. die Bäume auf dem Mittelstreifen der Wiener, in der Ratibor- oder in der Ohlauer Straße (um nur unsere Beobachtungen zu schildern). Ab und zu soll ja auch ein Sprengwagen vorbei kommen −, doch meist in der Mittagsglut. Und ähnliches berichtet auch eine Anwohnerin in der Reichenberger Straße, die mit dem Bezirksamt sogar einen Pflegevertrag über die vor ca. einem halben Jahr gepflanzte Linde vor ihrem Haus und die frisch bepflanzte Baumscheibe abgeschlossen hat. Obwohl die Kreuzbergerin seit vier Wochen Baum und Beet tagtäglich wässert, kreuzte nun unversehens das vorher nie gesehene Fahrzeug der Pflegefirma auf, um gegen jede gärtnerische Vernunft ebenfalls in der Zeit der größten Tageshitze die Pflanzen zu sprengen. Das in der Sonne ohnehin rasch verdunstende Nass verbrennt dabei die Blätter.

Im Fall von Baumpflanzungen ist es ja im allgemeinen so, dass die damit beauftragte Gartenbaufirma im Rahmen der Anwachsgarantie auch das regelmäßige Wässern übernimmt (zwei bis drei Jahre sind die Regel [siehe auch das Video hier etwa ab der Mitte] und dass Fachbereichsleiter Schädel in diesem Zusammenhang von nur sechs Wochen spricht, finden wir schon erstaunlich), aber ein Blick auf die Jungbäume im Bezirk zeigt, dass dies nur graue Theorie ist und Baumpatenschaften helfen müssen. Wenn aber dann eine solche übernommen wurde, sollte die Pflege auch tatsächlich allein Patentante oder -onkel überlassen bleiben, und wie die BSR auf solch einer Baumscheibe den Aufwuchs nicht irgendwann als sog. Unkraut beseitigen darf, sollten sich, noch dazu wenig qualifizierte, Firmen nicht nach Gutdünken in die Pflege einmengen.

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5 Kommentare

  1. Peter said,

    17. Juli, 2010 um 22:50

    Hallo,
    ich habe Eure Probleme mit BA und BVV erfahren und habe da eine Idee.

    Können wir uns treffen? Ich arbeite ehrenamtlich in X-Hain und habe so meine Erfahrungen.

    Gruß,

    Peter

    • BaL said,

      18. Juli, 2010 um 2:12

      Gerne können wir uns treffen, um unsere Erfahrungen auszutauschen, vor allem aber, um Wege aus dem derzeitigen Notstand zu finden −, wobei übrigens gleich betont sei, dass wir mit „der“ BVV weniger selber Probleme haben, als dass wir vielmehr deren Probleme mit einem sich zusehends von der Politik emanzipierenden Verwaltungshandeln sehr gut sehen.

      So werden beispielsweise die Mitglieder des Stadtplanungs- oder Umweltausschusses regelmäßig erst im Nachhinein über die Ergebnisse dieses Handelns informiert und mit seinen Auswirkungen konfrontiert.

      Momentan herrscht ohnehin eine in ihrer Länge angeblich dem Sparzwang geschuldete Sommerpause, welcher Umstand doch schön illustriert, wie sich, unbeschadet aller blamablen Desaster, auch auf kommunalem Level die Tendenz fortsetzt, Politik als parlamentarische Einflussnahme aufs Regieren mehr und mehr einzusparen.

      Hier können nur energisches BürgerInnen-Engagement und beharrliches sich Einmischen „von unten“ helfen, und dies muss − Steuerzahlen und verbriefte Pflichten hin oder her − in dieser Situation immer auch sich Beteiligen als Schadensbegrenzung sein, wird hier doch nachhaltig Gemeineigentum ruiniert.

  2. klimaschützer said,

    20. Juli, 2010 um 22:44

    Aufgabe der gewählten Politikerinnen und Politiker ist es u.a. die Verwaltung zu kontrollieren.

  3. Peter said,

    26. Juli, 2010 um 14:35

    Ich habe Frau Kalepky wegen der Baumfällungen schriftlich angefragt und das Problem an die Berliner Abendschau gemailt.

    Gruß,

    Peter

  4. klimaschützer said,

    28. Juli, 2010 um 12:54

    @ Peter

    SUPER!


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