AnwohnerInnen machen mobil

Widerstand gegen Kreuzberger Sommerfällungen

Linde 34 danach

Linde 34 danach

[Update vom 23. Juni: Gestern löste Lothar Frank vom Fachbereich Naturschutz und Grünflächen des F’hain-Kreuzberger Bezirksamts seine gegenüber Anwohnern gemachte Zusage ein („von mir aus kann der Baum auch stehn bleiben“) und ließ das Fällkommando nur sämtliche belaubten Starkäste der einst stattlichen Silberlinde Nr. 34 in der Reichenberger Straße 36 amputieren. Statt Blätterrauschen, Vogelgezwitscher, kühle und sauerstoffreiche Luft gibt’s für die AnwohnerInnen nun durch Kopfsteinpflaster verstärkten Verkehrslärm.

Auch in diesem Fall lassen sich an den großen Schnittflächen und dem am Ort verbliebenen Schnittgut keinerlei Faulstellen ausmachen. In einem zweiten Schritt wird der Torso dann wohl im nächsten Sommer gefällt werden. − Um auf unserer Seite für Rechtsklarheit zu sorgen, stellte eine Bezirksamtsmitarbeiterin im persönlichen Gespräch auch noch einmal fest, dass das Amt überhaupt keine Fällgenehmigung brauche [es müsste sie sich ja ohnehin selber ausstellen] und Bäume jederzeit und so auch in der Brut- und Vegetationsperiode fällen lassen könne. Hier brauche auch keine Verkehrsgefährdung oder Gefahr im Verzug vorzuliegen. Die betreffenden Bäume müssten vorweg lediglich auf Brut- und Niststätten hin untersucht werden, welche Aufgabe einer weiteren Amtsmitarbeiterin obliegt. − Wie das im konkreten Fall vom Boden aus zureichend geschehen konnte, ist uns zwar schleierhaft, aber wir sind ja auch nur gemeine BürgerInnen. Dennoch werden wir an diesem exemplarischen Fall einmal die Einhaltung von Recht und Gesetz überprüfen lassen. Dass BürgerInnen-Information, geschweige denn BürgerInnen-Beteiligung entgegen öffenlicher Verlautbarungen der Dienstherrin besagten Grünflächenamts mal wie üblich jeder Beschreibung spottete, ist hoffentlich hinreichend deutlich geworden und sicher nicht dazu angetan, bürgerschaftliches Engagement zu ermutigen und zu fördern.]

Görlitzer Str. 1

Görlitzer Str. 1

[Update vom 22. Juni: Heute fiel ein Baum in der Görlitzer Straße 1 (vor der Shell-Tankstelle), der im Winter ohne erkennbaren Grund schon mal einen drastischen Kronenrückschnitt erfahren hatte (bei zweimaliger Anfahrt der  Schnitter bekommt das Amt sicherlich Rabatt) sowie jener in der Urbanstraße 38, der für die AnwohnerInnen, die ihn vorher noch mit einem weißen Band markierten, keinerlei Krankheits- oder gar Standunsicherheitssymptome aufwies und dessen Schnittgut [siehe Foto] ebenalls nichts dergleichen erkennen lässt.

Urbanstraße 38

Schnittgut von Baum 100, Urbanstraße 38

Anrufe im Amt wurden entweder mit Besetztzeichen, der Gewünschte ist in einer dringenden Besprechung oder gar mit der Auskunft, „Sie glauben ja nicht, wie viele Anrufe von Bürgern wir bekommen, wonach wir Bäume aus Gründen der Verkehrssicherheit fällen sollen…“ quittiert. Wir haben inzwischen die Presse informiert und von einer Bezirksverordneten der Grünen die Zusage erhalten, sie wolle nachher im Umweltausschuss bei der Baustadträtin, Frau Kalepky, nachhaken und sich erkundigen, warum es nach wie vor auf der Bezirksamtsseite im Netz noch nicht mal eine aktuelle Fällliste gibt. Bürgernahe Verwaltung à la Friedrichshain-Kreuzberg!]

Wie berichtet, sind heute und morgen (22./23.6.)  zwei verschiedene Gartenbaufirmen beauftragt, mitten in der Vegetations- und Brutperiode ein halbes Dutzend Baumfällungen in Kreuzberg durchzuführen. Bei einigen Bäumen erschließt sich nicht mal, dass sie überhaupt gefällt werden müssen, geschweige jetzt. So z. B. im Fall der großen Linde vor der Reichenberger Straße 36 (Baumnr. 34).

Anrufe bei der Baustadträtin Jutta Kalepky wie im Fachbereich Naturschutz und Grünflächen blieben unbefriedigend: die angeforderten Mails mit Auflistung der btr. Bäume unbeantwortet; der für Baumfällungen auf öffentlichem Straßenland zuständige Mitarbeiter, Lothar Frank rief bislang nicht zurück, soll aber einem Anwohner gesagt haben, von ihm aus könnten die Bäume auch stehen bleiben.

Reichenberger36, Linde 34

Reichenberger36, Linde 34

Die Linde in der Dieffenbachstraße 55 (Nr. 38) zögert sogar die beauftragte Firma zu fällen, weil sie den Baum, wenn nicht gesund, so doch  für standsicher hält. „Das gibt Ärger“, so ein Mitarbeiter. Auch Frau Kalepky bestätigte, dass es „nicht gut“ sei, Bäume in dieser Zeit zu fällen, dass sie aber, wenn doch, selbstverständlich sorgfältig und fachkundig auf Brut- und Niststätten hin untersucht würden. Über den Hinweis, dass entgegen ihrer Aussage anlässlich des bündnisgrünen Bezirkekongresses zur BürgerInnen-Beteiligung, die Fällliste von F’hain-Kreuzberg nach wie vor nicht aktuell sei, indem mit Datum vom 10. Juni 2010 nur 18 bereits erfolgte Fällungen verzeichnet sind, aber  von den noch ausstehenden keine Rede ist, stieß auf Verwunderung.

Reichenberger36, Linde 34

Von AnwohnerInnen markiert

Wie auch immer, die AnwohnerInnen in der Reichenberger haben ihren Baum schon mal mit Transpis drapiert, Flyer gemacht, verteilt und auch zum Mitnehmen an den Stammfuß gelehnt und im Übrigen vor, ein Gutachten erstellen zu lassen. Wenn der Baum auch nicht gesund sei − welcher ältere Berliner Straßenbaum ist das schon −, sind sie doch der Auffassung, dass um diese Jahreszeit eine offenbar schon länger geplante, aber bisher unterbliebene Fällung nicht einfach nachgeholt werden könne, es sei denn, es bestehe Gefahr im Verzug. Da die Linde 34 aber bereits auf der alten, inzwischen vom Netz genommenen Fällliste gestanden hat, darf das füglich bezweifelt werden. In der „aktualisierten“ Liste ist die Linde − wie auch all die anderen Bäume, von denen am Wochenende in der Oranienstraße (und zwar die Ahorne 10 und 16 unweit Moritzplatz) ja schon zwei gefallen sind −, wie gesagt nicht mehr enthalten.

Vor allem diese intransparente, irreführende Informationspolitik, wovon der Bezirk trotz aller Beteuerungen, Bemühungen und voreiliger Vollzugsmeldungen einfach nicht hinkriegt, wie auch die drohenden Verstöße gegen Berliner Baumschutzverordnung und Naturschutzgesetz sind es, welche die KreuzbergerInnen allmählich die Geduld mit dieser „grünen“ Kommunalverwaltung, Baum- und Grünflächenpflege verlieren lassen. Wir können nur die AnwohnerInnen und in der Nähe weilenden BaumfreundInnen aufrufen, die betreffenden Bäume ebenfalls (wengistens) mit weißen Bändern zu markieren, so wie es das bundesweite Bündnis Bürger für Bäume als allgemeines Symbol vorgeschlagen und selber schon praktiziert hat.

Flyer für Linde 34

Flyer für die Silberlinde 34

Natürlich könnt Ihr Euch auch gleich an den Leiter des Fachbereichs Naturschutz und Grünflächenpflege, Hilmar Schädel, unter 90298 8024 (Vorz. Fr. Keller) wenden. − Und hier noch mal die Aufzählung der übrigen Fällkandidaten:

  • Obentrautstr. 35, Nr. 75
  • Lindenstr./Franz-Klühs-Str., Nr. 70
  • Reichenberger Str. 36, Nr. 34
  • Paul-Lincke-Ufer 20, Nr. 35
  • Dieffenbachstr. 55, Nr. 38
  • Dieffenbachstr. 27, Nr. 17
  • Urbanstr. 38, Nr. 100
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2 Kommentare

  1. Anuschka Guttzeit said,

    25. Juni, 2010 um 14:42

    Berliner Naturschutzgesetz

    㤠29
    Allgemeiner Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen
    (1) Es ist verboten, (…)

    5. Bäume, Gebüsch, Ufervegetation oder ähnlichen Bewuchs in der
    Fortpflanzungszeit vom 1. März bis 31. August abzuschneiden,
    zu fällen, zu roden oder auf andere Weise zu beseitigen.“

    Quelle: Berliner Naturschutzgesetz
    http://j.mp/bVKnT2

  2. Brita Bredel said,

    29. Juni, 2010 um 20:55

    Ich war sehr erschüttert und tief betroffen diesen Artikel zu lesen, denn wenn bei der Vernachlässigung und dem Fall (im wahrsten Sinne des Wortes) unserer Silberlinde No.144 noch vermutet werden konnte, dass es sich um einen bedauerlichen Fehler des verantwortlichen Mitarbeiters Lothar Frank handelte, so ist doch spätestens jetzt klar, dass wir es hier mit unverantwortlicher und planmäßiger Zerstörung unseres Lebensraumes zu tun haben.
    Liebe Mitarbeiter des BA, wann werden Sie endlich begreifen und erkennen, dass die alten Bäume für uns überlebenswichtig sind. Und eine Neupflanzung ist kein Ersatz für einen 80-jährigen Baum.
    Eine Fällung ohne Fällgenehmigung, ohne Gutachten, ohne Verkehrsgefährdung mitten in der Vegetationsperiode das können Sie niemals mit ihrem Gewissen und mit dem Recht vereinbaren. Das ist einzig grobe Umweltzerstörung.
    Ich bin wirklich schockiert!


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