Fällungen zum Kreuzberger Sommeranfang

Keine Spur von Gefahr im Verzug, keine Information

Oranien 67, Ahorn Nr. 10

Oranien 67, Ahorn Nr. 10

[Update vom 20.6.: Völlig entgangen ist uns die Fällung des Straßenbaums Nr. 10 in unmittelbarer Nähe der unten geschilderten, ebenfalls ein großer Ahorn, der, jedenfalls nach dem Schnittgut und dem Stubben zu urteilen, auch nicht in absehbarer Zeit umgefallen wäre: Warum werden solche Bäume ausgerechnet jetzt in der Vegetations- und Brutperiode gefällt? − Zumindest wurde über die Fällung wie auch über alle anderen nicht informiert, und es ist fraglich, ob es eingehendere Untersuchungen zur Stand- und Verkehrssicherheit und eine zu dieser Jahrzeit zwingend vorgeschriebene faunistische Begutachtung gegeben hat. Stattdessen blieb beim Baum Nr. 18, obschon ein Seilkletterer in der Krone herumturnte und Totholz entfernte, ein bis über den Gehsteig ragender abgestorbener Ast unagetastet.

Reichenberger 36, Linde 34

Fällkandidatin Linde Nr. 34 in der Reichenberger Str. 36

Im Übrigen können wir AnwohnerInnen und Baumfreunde bei den ab Montag anstehenden weiteren Fällungen nur dringend auffordern, sich die btr. Bäume 1) anzusehen, im Bezirksamt F’hain-Kreuzberg (Fachbereich Naturschutz und Grünflächen) unter 90298 8014 (Hr. Frank) oder ~ 8024 (Vorzimmer Fr. Keller) anzurufen und um Aufklärung zu bitten. Es ist absolut fragwürdig, den Sommer mit Baumfällungen zu eröffnen, es sein denn, es drohte bei Verzug unmittelbare Gefahr!]

[Update vom 19.6.: Heute stellt die betreffende Gartenbaufirma in der Dieffenbachstr. 55 Schilder („Baumarbeiten“) auf, weil die dortige Platane Nr. 38 am Montag, 21., oder spätesten Dienstag, 22.6., gefällt werden soll und − weigert sich schon mal vorsorglich, dies zu tun, denn der Baum mache einen sehr gesunden Eindruck, ein Fällgrund sei nicht ersichtlich, und man befürchte Ärger, so ein Mitarbeiter.

Wir finden diese Skrupel im höchsten Maße begrüßens- und anerkennenswert! (Auch bei der Linde Nr. 75 in der Obentrautstr. 35, die gefällt werden soll, ist zwar viel Totholz zu entfernen, doch ihr Stamm weist keinerlei sichtbare Schäden auf; die schöne Linde Nr. 100 in der Urbanstr. 38 weist in 1,50 m Höhe eine ca. 0,35 m breite Wunde mit minimalem Pilzbefall sowie einen Schrägstand parallel zu Straße und Gehsteig auf: ein Fällgrund? Allein Baum Nr. 20 am Paul-Lincke-Ufer 35 ist schon lange absterbend; warum muss man ihn gerade in dieser Jahreszeit fällen?)

Was ist nur mit den für Naturschutz (!) und Grünflächenpflege im Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksamt Zuständigen los?! Haben sie inzwischen auch ihren gesetzlichen Auftrag privatisiert?]

Oranienstr. 67 (Nr.16)

Oranienstr. 67 (Nr.16, Acer)

Der hohe dicht belaubte Ahornbaum in der Oranienstr. 67 sei tot gewesen, erklärt der Mitarbeiter der mit der Fällung betrauten Gartenbaufirma am Telefon. So weit wollen die Kollegen vor Ort denn doch nicht gehen und verweisen nur auf Faulstellen im Stamminneren. Dass der Baum gleichwohl noch über weit mehr als die berühmten dreißig Prozent Restwandstärke verfügte und damit höchstwahrscheinlich vollkommen standsicher gewesen ist, andererseits in der derzeitigen Vegetations- und Brutperiode zumal der Baumschutzverordnung unterliegende Bäume ohnehin nur mit Ausnahmegenehmigung oder eben bei Gefahr im Verzug gefällt werden dürfen −, all solche Feinheiten sind dem Vorarbeiter des Fällkommandos unbekannt, er bedankt sich für die Auskünfte, beharrt aber darauf, dass akute Umsturzgefahr bestanden habe. − Anrufe im Bezirksamt unter den verschiedensten Nummern sind freitags ab 12 natürlich vergebliche Müh‘.

Oranienstr. 67 (Nr.16)

Der Stubben

Der Fällauftrag des Grünflächenamts sei Anfang der vorigen Woche erteilt worden −, bei tatsächlicher Gefahr mithin ein rund zehntägiger Verzug, was die Behauptung angeblicher Umsturzgefahr jedenfalls nicht überzeugender macht. Und noch fünf weitere Bäume sollen allein in Kreuzberg nächste Woche fallen1), dazu auch noch zahlreiche Kronenrückschnitte erfolgen − viel zu tun, man komme kaum nach. Und selbstverständlich seien die zu bearbeitenden Bäume vorher fachkundig auf Brut- und Niststätten hin untersucht worden. Die Botschaft hören wir wohl, allein es drängt sich der Verdacht auf, dass hier gegen Naturschutzrecht verstoßen und öffentliches Eigentum beschädigt wird.

Oranienstr. 67 (Nr.16)

Nachbarbaum

Gleich nebenan soll aus den Kronen zweier weiterer Bäume nur Totholz entfernt werden, doch dessen Anteil erscheint dem Vorarbeiter so hoch, dass er am liebsten auch diesen Baum gleich mit fällen will, aber nach Anruf in der Firma bleibt’s glücklicherweise bei der Totholzentnahme. Dabei wird freilich ein Starkast abgesägt, der sehr vital scheint und richtig: die große Schnittfläche weist so gut wie keine Fäule auf, bietet dafür aber nun Baumpilzsporen eine prächtige Angriffsfläche. Auch bei anderen Schnittmaßnahmen will sich die Begründung nicht erschließen.

Nach wie vor keine aktuelle Fällliste online

Oranienstr. 67

Verstümmelter Nachbarbaum

Anlässlich des bündnisgrünen Bezirkekongresses zur BürgerInnen-Beteiligung [siehe ausführlichen Bericht] hatte Baustadträtin Kalepky im Forum 5 „Wege zu mehr Stadtgrün“ eingeräumt, dass im Vergleich zu den elf anderen Berliner Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg im Online-Stellen seiner aktuellen Baumfällliste das Schlusslicht gewesen sei, aber nunmehr vor versammeltem Auditorium erleichtert Vollzug gemeldet. Monatelang hatten BaL-Mitglieder, die sich ehrenamtlich und meist unterstützt von Sachverständigen tatsächlich die Mühe machen, die Fällkandidaten selbst in Augenschein zu nehmen, diese zeitnahe Information durchs Web erfolglos angemahnt. Obwohl sehr überzeugend vorgebracht, erweist sich die Behauptung der Baustadträtin, wenn man den betreffenden Link anklickt, jedoch mal wieder als falsch. Die zur Fällung ausgeschriebenen Bäume finden sich jedenfalls nicht auf der ungewöhnlich kurzen Liste, die nur achtzehn bereits erfolgte Fällungen ausweist, dagegen keine einzige noch ausstehende.

Ohlauer Str. 03

Einer von zehn in der Ohlauer

Und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg habe immer abgelehnt, MAE-Kräfte zur Grünflächenpflege heranzuziehen, was freilich auch niemand behauptet hatte, jedoch die Klage, dass auf Grund des Personalmangels nicht zuletzt im Grünbereich Outsourcing betrieben werden müsse und dann oft die kostengünstigste Firma den Zuschlag erhalte, stammt von Bürgermeister Schulz höchstpersönlich. Und genau darum geht es: dass die Pflege eines so wertvollen öffentlichen Guts, wie es die Straßenbäume und das Stadtgrün nun mal sind, Billigfirmen mit 400-Euro-Jobbern anvertraut wird, die völlig unbeaufsichtigt zu Werke gehen. Die nicht fachgerechte Pflege aber rechnet sich allenfalls kurzfristig; mittelfristig erhöht sich der Pflegeaufwand infolge Pilz- und Bakterienbefall oder weil es durch radikale Kronenkappung infolge der nun höheren Windlast auf Nachbarbäume prompt bei diesen zu Astbrüchen kommt.

Ausgerechnet der grün regierte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zählt mit rund 16.000 Exemplaren berlinweit die wenigsten Straßenbäumen, Tendenz fallend, und so wird es auch bleiben, wenn es mit der Malträtierung des Baumbestands wie allenthalben und erst kürzlich wieder in der Ohlauer zu besichtigen, nicht endlich ein Ende hat.

Oranienstr. 67 (Nr.16)

Überreste eines Silberahorn


1) Obentrautstr. 35, Nr. 75 | Lindenstr./Franz-Klühs-Str., Nr. 70 | Reichenberger Str. 36, Nr. 34 | Paul-Lincke-Ufer 20, Nr. 35 | Dieffenbachstr. 55, Nr. 38 | Urbanstr. 38, Nr. 100  − Wir werden uns diese sommerlichen Fällkandidaten noch einmal anschauen und fordern natürlich auch weitere BaumfreundInnen dazu auf!

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