Gleisdreieck: Führung übers Westpark-Gelände

Bürger kompensieren organisatorisches Desaster

Treff

Treff Kurfürsten-/ Dennewitzstraße

Ein Schwung von 2.500 Einladungsflyer in Holz war an die Haushalte der Umgebung verteilt, auf einschlägigen Seiten im Web wiederholt drauf hingewiesen worden, schon zur Auftaktveranstaltung im November der Festsaal der Elisabeth-Klinik übergequollen und nun noch strahlender Frühlingssonnenschein: So kamen denn auch über 250 Interessierte (manche schätzen noch deutlich mehr), um an der Führung übers Gelände des ehemaligen Potsdamer Güterbahnhofs teilzunehmen, wo die senatseigene Grün Berlin GmbH nach dem Sieger-Entwurf des Atelier Loidl den Westteil des „Parks auf dem Gleisdreieck“ errichten will.

Da sich bei jener ersten Bürgerversammlung zahlreiche Konfliktpunkte zwischen den Vorstellungen der Planer und jenen der zukünftigen NutzerInnen vernehmlich zeigten und sich bspw. wettkampfgerechter oder wenigstens informeller Fußball mit dem Fortbestand der interkulturellen Kleingartenkolonie POG einerseits, der Parkplanung andererseits als unvereinbar erwies [siehe auch hier], hatten Mitglieder des Quartiersrat Schöneberger Norden und der AG Gleisdreieck vorgeschlagen, die Loidl-Planung per Flatterband und anderer Markierungen zu visualisieren, damit sich die vielen Interessierten während einer Führung vor Ort selber einen Eindruck verschaffen sollten.

Verständigungsprobleme

Ausnahmsweise hatte sich Grün Berlin mal eine Idee der BürgervertreterInnen zueigen gemacht, allerdings deren Vorschlag, schon angesichts der zu erwartenden TeilnehmerInnenzahl die Menge aufzuteilen und kooperativ in Gruppen zu führen, brüsk zurückgewiesen: das schaffe man schon alleine. Als sich nun die Hundertschaften um Grün-Berlin-Vertreterin Regina Krokowski drängten und sie nicht einmal, wie ausdrücklich angeraten, ein Megaphon mitgebracht hatte und die Menschen in den hinteren Reihen fragten, wonach man denn hier anstehe, hieß es jedoch, mit so einem Ansturm habe ja niemand rechnen können. Ein Glück für Frau Krokowski, dass wenigstens Felix Schwarz von Loidl sie unterstützte (die ebenfalls gekommene Senatsvertreterin Ursula Renker sagte kaum ein Wort, derweil Loidl-Planer Joosten mit Basecap und Fliegerbrille den die Planung verteidigenden Bürger gab − seine Stunde kam aber in der Diskussionsrunde im Anschluss an die Begehung!) −, doch wenn droben die Hochbahn der U1 vorüberbretterte, drang auch Schwarzens Stimme kaum mehr durch. Da unter diesen Umständen alles „Lauter! Lauter!“-Rufen nichts fruchten konnte, schrumpfte die Menge schon in der ersten Stunde um mehr als die Hälfte.

Bescheidene Visualisierung

Westparkplanung kommentiert

Westparkplanung kommentiert (zum Vergrößern anklicken)

Die „Visualisierung“, die eine halbe Stunde vor Beginn der Begehung noch hastig durch eine einzige Flatterleine zur Kennzeichnung der asphaltierten Multifunktionsfläche vervollständigt wurde, ansonsten aber nur aus in den Boden gesteckten farbigen Pflöcken bestand, erschloss sich nur den mit der Materie schon sehr Vertrauten. Wenigstens verteilte ein Mitglied von Quartiersrat Schöneberger Norden und AGG eine Planskizze, in der sorgfältig und übersichtlich alle Konfliktpunkte eingezeichnet waren. Sie fand ebenso reißenden Absatz wie die Kopien der BUND-Pressemitteilung zur millionenschweren Zweckentfremdung von Ausgleichsmitteln, die es via dpa sogar in die BZ geschafft hatte. Anhand einer Fotodokumentation zum aktuellen Stand auf dem Ostpark konnte Interessierten das dortige Desaster plastisch vor Augen geführt werden.

Frau Krokowski pries zunächst das „Pilotprojekt Garten im Garten“, die Integration der Kleingartenkolonie POG in den Park, also von privater in öffentliche Fläche, als sei solches deutschlandweit einzigartig. Man erwartet dafür eine Öffnung der Gärten für die ParknutzerInnen und Entwicklung zu einem Ort, „an dem unter der sozialen Obhut der ansässigen Kleingärtner schöpferische und gärtnerische Tätigkeiten für alle Interessierten möglich werden“. − Dass Kleingärten auch ökologisch von weit höherem Wert sind als die geplante große Rasen-Weite mit „einzigartigem Blick“ auf den Potsdamer Platz, wovon Felix Schwarz so zu schwärmen weiß, interessiert die Planer naturgemäß weniger, sonst würde z. B. ihr geplanter westlicher Sechs-Meter-Asphaltweg mit einer „langsamen und einer schnellen Spur“ und seiner sich an der Luftbild-Ästhetik orientierenden Verschwenkung nicht auf Kosten wertvollen Baumbestands mitten durch die Kolonie führen. Und die Menschen, so gaben AnwohnerInnen gleich zu bedenken, werden weiterhin den kürzeren Weg nehmen, der dann halt über den Rasen führt.

Die nördlich der U1 sich erstreckende Wiese wird − nicht nur durch Umwandlung in strapazierfähigen Rasen − einen völlig anderen Charakter annehmen, denn fast mitten durch verläuft die Grenze zu den westlich liegenden Vivico-Baufeldern, die bei einer zulässigen GFZ von 3,5 zweiundzwanzig Meter hoch bebaut werden dürfen: ab dem frühen Nachmittag läge der schmale Zipfel auch noch im Schatten.

Planung und Streitpunkte unverändert

Plakate

Plakate

Ob die geplante multifunktionale 6000m2 -Fläche unter der Hochbahn − dort, wo sich die Wege zahlreich kreuzen sollen − asphaltiert werden muss (und sei’s auch in Grün), um Freizeitaktivitäten der Jugend dienen zu können, wurde vielfach bezweifelt; die Idee eines Freiluftkinos auf der nebenan geplanten Eventfläche erregte angesichts des Hochbahnlärms, der alle zwei Minuten kaum das eigene Wort verstehen ließ, allgemeine Heiterkeit; und dass der Errichtung von Holzterrassen als Sitzstufen für ein Strandcafé samt Aufschüttung von Sand eine komplette Baumreihe geopfert werden soll, stieß mindestens auf Unverständnis, zumeist aber entschiedene Ablehnung. VertreterInnen der AGG hatten Birken, Weiden und Holunder mit Schildern drapiert, worauf der vielfältige ökologische Wert eines Baums in Zahlen verdeutlicht wurde, und Plakate und Transparente angebracht mit Slogans wie „Artenvielfalt statt Asphalt!“ und „Stoppt die rot-rote Naturvernichtung!“

Baumdaten

Ökologische Quantifizierung

Fragen kamen nach der Art der Zuwegung von der tiefer liegenden Flottwellstraße, den aus Gründen der Barrierefreiheit erforderlichen Rampen, nach der Abgrenzung der Rasenfläche von den Baufeldern, der Verbindung von Ost- und Westpark via Generalszug (suboptimal, da die ursprünglich geplante Brücke zu teuer), dem Datum der Fertigstellung (Ost voraussichtlich 2011, West 2013) und vielem mehr, und trotz der schlechten Akustik wollten immer wieder Debatten aufflammen, doch Regina Krokowski − „Ich will hier nur informieren!“ − verwies genauso oft auf die anschließende Diskussionsveranstaltung im POG-Vereinshaus.

BürgerInnen improvisieren Runden Tisch

Plakat

Plakat

Dort erwiesen sich alle Befürchtungen, die Anzahl der BesucherInnen nicht bewältigen zu können, als unbegründet, denn kaum fünfzig Personen waren noch übrig. Die KleingärtnerInnen aber hatten sich alle erdenkliche Mühe gegeben, die Gäste mit Würstchen, Kaffee und Kuchen gebührend zu empfangen und von dieser Seite aus war es ein rundum gelungener Einstand ins soziale Sich-Öffnen für die ParkbesucherInnen.

Als jedoch in der am runden Tisch unter knallblauem Frühlingshimmel streng mit Rednerliste und Redezeit-Begrenzung geführten Diskussion BürgerInnen ihrem Unmut darüber Luft zu machen begannen, dass trotz all ihrer schon im November geäußerten Kritikpunkte die Planung ein halbes Jahr lang um kein Jota verändert worden sei, sich daran nur wieder mal die Unzulänglichkeit der Bürgerbeteiligung zeige und von der Tragödie im Ostpark klagten, wurde es Frau Krokowski sogleich zu viel: sie habe genug von diesen ständigen undankbaren Behauptungen der Naturvernichtung und mangelnden Beteiligung! 43mal habe die PAG getagt, an so vielen Stellen − vom Erhalt von Vegetationsinseln bis zum Naturerfahrungsraum − sei man Bürgerwünschen entgegengekommen, doch nichts werde anerkannt, und sie könne diese Tribunalstimmung nicht länger ertragen, sprach’s und verabschiedete sich nach allenfalls zwanzig Minuten Diskussion ins Privatleben. Vorher hatte sie allerdings die unterbliebene Veränderung der Planung damit begründet, dass diese Veranstaltung abgewartet werden sollte, damit auch die Schöneberger bessere Gelegenheit hätten, sich stärker einzubringen. Will sagen, die Veranstaltung im Elisabeth-Krankenhaus und diese Begehung wurden als gleichrangig beurteilt.

Verantwortliche scheuen Diskussion

Diskussionsrunde am POG-Vereinshaus

Diskussionsrunde vorm POG-Vereinshaus

Dann aber wiegen die schlechte Organisation, die eine höhere Beteiligung einmal mehr verhinderte, und das Verweigern der eigentlichen Diskussion umso schwerer, von der mangelnden Dokumentation der wieder zahlreich geäußerten Vorschläge, Wünsche und Kritikpunkte der BürgerInnen ganz abgesehen. − Frau Renker war erst gar nicht zum Vereinshaus mitgekommen, ebenso wenig Felix Schwarz, der wohl sein Teil getan glaubte, und dass Frau Krokowski nicht die Galionsfigur der Senatsposition geben mochte, ist persönlich sicher nur allzu verständlich. Ihr unerschrockener Einsatz verdient jedenfalls Respekt.

Als einziger harrte Bernd Joosten aus, dessen demonstrativ zur Schau getragene Selbstsicherheit wenig Gutes ahnen lässt, was einschneidende Modifikationen der Planung betrifft. Er sieht sich tatsächlich zugleich als beteiligter Bürger, räumte aber, nachdem er unterwegs schon mal ein apodiktisches: „Der Bauherr entscheidet!“, verkündet hatte, nun überraschend ein, dass auch er die Bürgerbeteiligung für verbesserungswürdig halte. Ansonsten verteidigte er strittige Details mit ästhetischen und formalistischen Gründen und begegnete Vorwürfen mangelnder Flexibilität oder eindringlichen Mahnungen, doch mal raus zu gehen, weg von Computergrafiken und Luftbildern, um, wenn irgend möglich, den natürlichen und historischen Bestand in seine Planung zu integrieren, mit völligem Unverständnis. Der Auslobungstext für den Wettbewerb habe auf zweihundert Seiten ausgebreitet, was der Park alles enthalten solle, und man habe einen Kompromiss zwischen Freizeit- und Aktivitätspark, urbanem Aufenthalts- und Naturpark gefunden.

Huflattich

Huflattich

Auch die BürgerInnen-Meinung bildet nichts weniger als eine homogene Einheit. Manche fragten, von welchem Bestand denn da die Rede sei − „Da gibt’s doch nüscht! Da ist jetzt Wüste.“ − und vertraten das bekannte Argument, wegen des Bahnbetriebs sei doch alles kontaminiert, schwer belastet und müsse ausgetauscht werden. Zum Glück war ein Experte in Sachen Altlastensanierung zugegen und klärte auf, dass z. B. Herbizide von der Bahn erst nach dem Krieg intensiv auf Gleiskörper und Böschungen eingesetzt worden seien, als der Betrieb auf dem Gleisdreieck längst ruhte. Blieben noch Öle und Teere, doch hätten Untersuchungen ergeben, dass ein vergleichbares Belastungsniveau sich an vielen Stellen der Stadt finde und dort kein Mensch einen Bodenaustausch vorschlage. Dies sei vielmehr ein Totschlagsargument, um erst mal unter hohem Kapitaleinsatz tabula rasa schaffen zu können. Wertvolle Ruderalvegetation, seltene Trockenrasen-Biotope und auf solche Trockenstandorte spezialisierte Kleinlebewesen blieben in einer Zeit galoppierenden Artensterbens dabei auf der Strecke.

Aber auch die breite Asphaltierung von Wegen und Plätzen fand ihre BefürworterInnen mit dem Argument, Kinder müssten doch irgendwo Radfahren und Skaten lernen können −, doch lässt sich sagen, dass sich wieder einmal die übergroße Mehrheit für eine naturnahe Gestaltung aussprach. − Einzelnen war die Auseinandersetzung mit Grün Berlin und der Verwaltung auch schlicht zu konfrontativ.

Ein einsamer Volksvertreter

Mit am Tisch saß ein MdA der Grünen, Thomas Birk, der im Schöneberger Norden seinen Wahlkreis hat und erst einmal bedauerte, der einzige anwesende Politiker zu sein. Im ganzen Verfahren sei die Politik bislang schlecht vertreten gewesen. Als Sprecher der Verwaltungsreform setzte er sich auch gleich für ein Bezirksverwaltungsgesetz ein, dass in solchen Konfliktsituationen die Einberufung von Bürgerversammlungen zur Pflicht mache, und unterstützte die Forderungen nach einer grundlegenden Änderung der Verfahrens- und Entscheidungsstruktur in Richtung auf externe Moderation oder besser Mediation, gerade auch was die Beplanung des Flaschenhalses angehe.

Ein AGG-Mitglied forderte, dass schon bei der Bebauung der Vivico-Flächen, die ja ursprünglich als Ausgleichsflächen gedacht waren, bis sie ein städtebaulicher Vertrag zu Bauland erklärte, müsse echte Bürgerbeteiligung eine inakzeptable Verdichtung verhindern. Dass angesichts der geplanten fünf PAG-Sitzungen mit ihren unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten die Planung noch ganz offen sei, wie von Grün Berlin gelegentlich behauptet, glaubt indessen niemand. Wir erwarten allenfalls kosmetische Korrekturen.

Dennoch wurde die Diskussion (auch dank der professionellen Moderation!) als konstruktiv empfunden, den KleingärtnerInnen für die Gastlichkeit herzlich gedankt und Bernd Joosten Anerkennung fürs Durchhalten über die volle Distanz gezollt.

Wir laden an dieser Stelle noch einmal nachdrücklich dazu ein, am Donnerstag, 22. April, um 18 Uhr zum ersten Werkstattgespräch zum „Stadtumbau Südkreuz“ ins Schöneberger Rathaus (Theodor-Heuß-Saal) zu kommen und sich dort für ein ergebnisoffenes Beteiligungsverfahren einzusetzen, dass die Frustrationen der 43 PAG-Sitzungen vermeiden hilft.

Transparent

Transparent

Siehe auch Gleisdreieck-Blog und QM Schöneberger Norden

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1 Kommentar

  1. Zahnfee said,

    17. April, 2013 um 12:23

    Schade, dass es die Golfrange nicht mehr gibt.
    Da werde ich etwas wehmütig, bin doch recht gern mal Sonntag morgens an diesen idylischen Ort gegangen.

    LG von der wehmütigen Zahnfee


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