Grün Berlin lässt übers Gleisdreieck führen

Wie das Löschen kulturgeschichtlicher Spuren einen Arbeitsplatz schafft

Ungeachtet der eher nasskalten Witterung fanden letzten Sonntag (11.4.)  rund siebzig Interessierte den Weg aufs Gleisdreieck, um sich einer von Grün Berlin bestellten professionellen Führung über das Gelände anzuvertrauen, wo seit nunmehr anderthalb Jahren unter der Regie dieser senatseigenen Unternehmung viele Millionen Ausgleichsgelder dafür verwandt werden, die einst erstaunlich artenreiche Brachlandschaft mit ihrem unverwechselbaren Flair durch Bagger, Planierraupe und Kettensäge in einen nutzbaren Aktivitäts- und Freizeitpark zu verwandeln, wie ihn sich angeblich die Bevölkerungsmehrheit sehnlichst wünscht. Solche Führungen soll es künftig im zweiwöchigen Rhythmus geben, die nächste also am Sonntag, 25. April.

Gleisdreieck Panorama 04

Häuflein in Mondlandschaft | zum Vergrößern anklicken

Der Guide von conTour, versiert und nicht unsympathisch, hielt sich bei seinen Erläuterungen zu Vergangenheit und Zukunft des Gleisdreiecks natürlich strikt an die Vorgaben seiner AuftraggeberInnen, mühte sich also tapfer, selbst im Angesicht beklemmender Ödnis und akribisch getilgter natürlicher wie kultureller Spuren, wenigstens vor dem geistigen Auge seines Publikums blühende Parklandschaften hervorzuzaubern und zugleich diese selbst in Berlin wohl beispiellose, noch dazu mit Ausgleichs- und Ersatzmitteln finanzierte Vernichtung wertvoller Stadtnatur und vielgestaltiger Ruderalvegetation mitsamt pittoresk überwucherter bahnhistorischer Relikte auch noch als Erfolgsstory zu verkaufen: Dass nämlich unbeschadet der gefährlichen Hinterlassenschaften einer katastrophenreichen Stadtgeschichte, auf gewissermaßen vermintem Gelände also, ein Park für alle entstünde, grenze doch wirklich an ein Wunder!

Gleisdreieck-Panorama 01

Frisch gepflügt für Raseneinsaat

Folgerichtig wies der Guide die Schar seiner ZuhörerInnen wiederholt auf die Gefahren hin, welche bspw. von ungesicherten Bäumen ausgingen, die sich doch „nur an den alten, verrosteten Schienen festkrallten“ und deshalb schleunigst hätten gefällt werden müssen. Im Übrigen würden ja neue Bäume gepflanzt! Auf die Frage wie viele, sandte der Guide hilfesuchende Blicke gen Himmel, um, als der nur nieselte, freundlich einzugestehen: „Ich habe die genauen Zahlen nicht.“ Dort aber, wo der sog. Generalszug, mit dem weiland Lenné Kreuz- und Schöneberg verbinden wollte, das Wäldchen quert (nur um abrupt an der Fernbahntrasse zu enden), ist im Baumbestand schon eine breite Schneise rot markiert. Auch paar Hundet Meter asphaltierten Fernradweg Berlin − Leipzig gibt’s zu bewundern, der sich allerdings nördlich und südlich irgendwie verliert. Auch bei Nachfragen zu dieser Art von Planungs-GAU muss der freundliche conTour-Mann passen…

Fernradweg Berlin - Leipzig

Ein Stückchen Fernradweg

Essentials der Delegierten nach und nach kassiert

Derweil mussten BürgervertreterInnen bestürzt feststellen, dass einige der so hart erkämpften sog. Vegetationsinseln, kümmerliche Restbestände einstiger Vielfalt, schon stillschweigend umfunktionert oder gleich ganz unter den Stabilizer gefallen sind, ohne dass in der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe (PAG) darüber ein Wort verloren worden wäre: Aus der Vegetationsinsel Nr. 2 nördlich der „Grünen Villa“, (dem als Einsatzzentrale dienenden Baucontainer nahe Möckernstraße), wurde ein „Kinderzimmer“ benannter Spielplatz von 1.900 qm Fläche; Insel 3 geht in der übermäßig breit und durchgängig versiegelt konzipierten „Möckernpromenade“ unter; und Insel 4 ist schon auf dem Plan vom April 2009 nicht mehr erkennbar, was in all dem unablässigen Hin & Her erst jetzt aufgefallen ist. Alles nur Beispiele, wie die Planungen permanent verändert werden, ohne dass die BürgervertreterInnen in der PAG auch nur auf dem Laufenden gehalten, geschweige nach ihrer Meinung gefragt oder gar beteiligt würden. Sie haben einzig und allein beratende Funktion. Ihre Anregungen werden zuweilen aufgegriffen, meistens aber eben nicht.

Vegetationsinsel

Vegetationsinsel

Kommt zur Begehung des Westparks!

Am 17. April, also kommenden Samstag, wird es (ursprünglich auf Anregung der Quartiersräte Schöneberger Norden und Tiergarten Süd) eine von Regina Krokowski  (Grün Berlin) persönlich geführte Begehung des auf dem Gelände des ehemaligen Potsdamer Güterbahnhofs geplanten Westparks geben. [Hier der Einladungsflyer.] Das Angebot einer kooperativen Führung von seiten der Bürgerdelegierten − nicht nur zur Entlastung, sondern auch zum Zweck eines Perspektiven-Pluralismus − wurde höflich, aber bestimmt abgelehnt: Und wenn sie anderntags auch kein Wort mehr herausbrächte, besteht Frau Krokowski auf Alleinvertretung und Deutungshoheit!

Westpark-Begehung 17.04.10

Westpark-Begehung 17.04.10

Die umstrittenen Planungen – ein Sportfeld zwischen den beiden Hochbahnlinien in unmittelbarer Nachbarschaft der sechzehn Parzellen der interkulturellen Kleingartenkolonie POG; eine Wegeführung ohne Rücksicht auf Verluste an Vegetationsbestand; die Anlage eines Stückchen Strands nebst Bar auf einer wildblumenreichen Sukzessionsfläche usw. − sollen mittels Flatterleine visualisiert werden. Die massive Kritik nicht nur der BürgervertreterInnen, sondern auch zahlreicher TeilnehmerInnen an jenem 4. Planungsforum zum Gleisdreieck-Park am 5. November letzten Jahres im Elisabeth-Krankenhaus hat am ursprünglichen Entwurf kein Jota geändert, wie ein BürgerInnenvertreter resigniert feststellte.

Planungsbegleitung heißt eben nicht -beteiligung: Wann werden die BürgerInnen das endlich kapieren? Vom Fiasko auf dem Ostpark regelrecht traumatisiert, bestehen sie aber im Gegenteil darauf, dass die Entscheidungsstrukturen in der PAG endlich von Grund auf geändert werden, sind in ihrer Mehrheit nicht länger bereit, zeit- und kraftaufwendig um Details zu ringen, während die eigentlichen Entscheidungen dann außerhalb dieses Gremiums fallen und, wenn überhaupt, immer nur nachträglich zur Kenntnis gegeben werden.

Auf dem Ostpark ist nicht mehr viel zu retten, wenn wir mal vom sog. Wäldchen absehen, für dessen Schutz sich nun endlich auch die BVV F’hain-Kreuzberg stark macht. Umso hartnäckiger sollten jedoch die spontan aufgewachsenen Gehölz- und Strauchbestände auf dem Westpark verteidigt werden, der noch mehr als der Ostpark mit Sport und Spiel regelrecht zugeknallt zu werden droht; die wertvollen, weil immer seltener werdenden Trockenrasenbiotope mit ihren Gräsern, Kräutern sowie Populationen hochspezialisierter Insekten- und Laufkäferarten gilt es zu erhalten: nicht nur für unser Naturerlebnis, unsern Erholungsnutzen, sondern schon wegen ihres Eigenwerts!

Sodann aber kommt es auf die Verteidigung von lichtungsreichen Gehölzen geprägten Brachlandschaft auf dem sog. Flaschenhals südlich der Yorkbrücken an, zumal sich hieran ermessen lässt, was der Ostpark-Anlage bedenkenlos geopfert wurde. Auch den „Flaschenhals“ darf das Atelier Loidl beplanen, das doch nur den Gestaltungswettbewerb für den Gleisdreieck-Park (knapp!) gewonnen hat, und selbstredend abermals ohne lästige BürgerInnen-Beteiligung.

Einladung zum „Werkstattgespräch“ über den Flaschenhals

Entsprechend dürfte das „Werkstattgespräch Stadtumbau Südkreuz„, zu dem Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) am 22. April von 18 bis 20:30 Uhr ins Schöneberger Rathaus lädt [siehe hier], mit Blick auf die knapp bemessene Zeit als bloße Info-Veranstaltung intendiert sein. Gerade darum aber möchten wir an dieser Stelle auch unsererseits alle Interessierten dringend bitten, sich an dieser Art von „Werkstattgespräch“ zu beteiligen, sich einzumischen und vernehmlich eigene Wünsche, Interessen, Vorschläge und Kritik  zu artikulieren, um damit zugleich deutlich zu machen, dass die Rituale einer lediglich symbolischen zivilgesellschaftlichen Partizipation mit bloßer Feigenblatt- und Alibifunktion ein Ende haben müssen.

Generalszug

Der Generalszug zerschneidet das Wäldchen und kollidiert mit der Fernbahn

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2 Kommentare

  1. Manuel Keucht said,

    13. April, 2010 um 13:28

    Eine Bitte an die Gutinformierten:
    Schreibt doch mal, wann und wo genau am 17. April die von GrauBerlin (oder auch „grausiges Berlin“) geführte Begehung losgeht. Sonst ist ja schlecht zu mobilisieren.

    • BaL said,

      13. April, 2010 um 14:56

      Besten Dank für den Hinweis! Hatten die Verlinkung des Einladungsflyers glatt vergessen, inzwischen aber nachgeholt…

      Hier noch mal die Daten:
      Begehung Gleisdreieck mit Regina Krokowski (Grün Berlin GmbH)
      Gelände des zukünftigen Westpark
      Samstag, 17. April 2010, 14.00 Uhr
      Treffpunkt: Kurfürstenstraße / Ecke Dennewitzstraße

      (ehemals Club 90°)
      Dauer: ca. 1,5 Stunden; anschl. Diskussion im POG-Vereinshaus
      im Vereinsheim der Kleingartenanlage POG


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