Auch Grünpflege braucht Transparenz

Zu den Baumfällungen in Neukölln

Vom Leiter der Straßenbaum-Kolonne im NGA Neukölln, Guido Fellhölter, haben wir erfahren, dass es sich bei der Fällung der beiden Linden (Nr. 240 und 252) in der Weserstraße um vorher schon länger beobachtete und wiederholt mit dem Resistographen [Gerät zur Bohrwiderstandsmessung] auf ihre Restwandstärke überprüfte Linden gehandelt habe, die, weil mittlerweile so gut wie hohl, nicht mehr länger als verkehrssicher gelten konnten. − Bekanntlich können auch hohle Bäume noch standsicher sein, aber wenn die Restwandstärke unter 30 Prozent liegt, ist dies nach der Mattheck-Schule nicht mehr gegeben. Im Versagensfall haften die Grünamts-MitarbeiterInnen für etwaige Sach- oder Personenschäden und nicht die BürgerInnen/BaumschützerInnen. − Die kürzliche Fällung dreier Bäume am Weigandufer, einer Linde und zwei Ahorn (30, 98 und 112), wurde mit fortgeschrittener Weißfäule am Kronenansatz begründet. Sicher könne man im Einzelfall durch Kronenrückschnitt oder -kappung den betreffenden Baum noch einige Jahre erhalten, was dann aber weitere Pflegemaßnahmen erfordere und gegen die bekanntermaßen knappen personellen und finanziellen Ressourcen in der Grünpflege abgewogen werden müsse.

Baumbilanz in Neukölln ausgeglichen

Die Baumbilanz im Bezirk sei bei derzeit 20.600 Straßenbäumen − anders als bspw. vom BUND dargestellt − stabil, d.h. notwendige Fällungen würden durch Neupflanzungen ausgeglichen, die aber mitunter nicht am gleichen Ort geschehen könnten, da die Standorte wegen Medientrassenverlauf, Versorgungsleitungen etc. ungeeignet seien. In den 60er, 70er Jahren sei dies oft nicht berücksichtigt oder auch zu eng gepflanzt worden. Jetzt gelte die Devise: Lieber weniger, dafür aber von höherer Qualität. (Fellhölter sprach in diesem Zusammenhang von einer Lebenserwartung bei Straßenbäumen von 50 Jahren, was sich hoffentlich nur auf falsch gepflanzte bezieht.) 2008 seien ca. 300, im vergangenen Jahr 120 Bäume neu gepflanzt worden, und derzeit gäbe es ca. 300 offene Standorte, die aber „von oben her“ abgearbeitet würden, d.h. die kürzlich gefällten Bäume werden erst später ersetzt.

Am Weigandufer und in der Weserstraße sollen jedenfalls definitiv keine weiteren Bäume mehr fallen!

Wir regten an, die Bevölkerung im Vorfeld z. B. über die Website des Bezirksamts von geplanten Fällungen mit Angabe der jeweiligen Bergründung zu informieren und so die Akzeptanz zu erhöhen bzw. den BürgerInnen im Fall begründeter Zweifel (und angesichts der Tatsache, dass Fehlentscheidungen in jedem Bereich vorkommen), Gelegenheit zu geben, auch mal einen weiteren Sachverständigen zu Rate zu ziehen −, doch obwohl dieser Einsatz der Neuen Medien in anderen Berliner Bezirken schon länger gang und gäbe ist, führte der NGA-Mitarbeiter finanzielle und personelle Gründe ins Feld, die so was nicht erlaubten, versprach sich auch keine höhere Akzeptanz von besserer Information und nannte die Angelegenheit im übrigen eine politisch zu klärende Frage.

Über die weiteren (nach unseren Informationen aus anderer Quelle) ca. 40 im Bezirk noch geplanten Fällungen mochte Fellhölter nicht mal am Telefon Auskunft geben und auch diese Zahl nicht bestätigen.

Kein Generalverdacht gegen Grünflächenämter!

Wir möchten hier noch mal betonen, dass wir keinesfalls einen „Generalverdacht“ gegenüber der fachlichen Kompetenz in den Grünflächenämtern hegen, aber sehr wohl um die personellen und finanziellen Engpässe, ja um den Pflegenotstand wissen, der de facto vielerortes in unserer „grünen Metropole“ herrscht und sich z. B. im erzwungenen Outsourcing von Baumpflegearbeiten an Fremdfirmen äußert, die deshalb billig sind, weil sie schlecht bezahltes, schlecht geschultes Personal einsetzen.

Auf der anderen Seite kann ein Gefühl der Verantwortlichkeit für ihre Bäume auf Seiten der BürgerInnen doch nur dadurch wachsen, dass sie von amtswegen ernstgenommen und etwa über Patenschaften für Bäume oder Baumscheiben u.dgl. einbezogen werden. Information, die so Ressourcen schonend wie heute noch nie möglich war, ist dabei aber der notwendige erste Schritt. Wenn die Politik der Grünflächenpflege nicht mehr Ressourcen bewilligt, was kurzfristig leider nicht zu erwarten, wofür selbstredend aber energisch zu streiten ist, darf die Verwaltung die Beteiligung von BürgerInnen, die sich engagieren wollen, nicht künstlich erschweren.

Update vom 11.2.: Ein Blick nach Kreuzberg

Umfangreiche Strauchamputationen am Mariannenplatz

Ein Beispiel unter vielen [und auch dafür, wie wir Transparenz gerade nicht verstanden wissen wollen…] Dort, wo in den letzten Sommern verschiedene Vogelarten wenn nicht Nist-, so doch Rückzugs- und Nahrungsmöglichkeiten fanden, sind nur noch Stümpfe übrig. Nichts Neues im Grünen-Bezirk −, aber die Begründung einer der „Gärtner“ war doch sehr offen: Pförtner und Hausmeister des Bethanien sollen freie Sicht auf den Mariannenplatz haben, um die sich dort in dunkle Ecken drückende Dealer leichter entdecken und vertreiben zu können.

Nachher

Radikal-Pflege

Hier gilt es, die Bezirksverordneten endlich zu sensibilisieren, am besten so etwas wie einen Prüfauftrag auszulösen und z. B. wenigstens drei exemplarische Fläche mit einem alternativen Pflegekonzept zu betreuen, das verglichen mit solcher naturfernen Kaputtpflege sogar Einsparpotential birgt. − Vielen Dank an Benno!

Vorher

Ihr kommt auch noch dran...

Schöneberger Beispiele

In einer Wohnanlage der GEWOBAG in der Schöneberger Blumenthalstraße rückt derweil wieder eine Kolonne der Fassadenbegrünung zu Leibe, deren Anlage vom Senat seit Jahren mit Begründungen von Klima- bis Artenschutz gefordert und gefördert, deren schleichende Zerstörung aber ebenso lange stillschweigend hingenommen wird. Nicht zuletzt dieser Widerspruch zwischen öffentlichen „grünen“ Bekundungen und rigoroser, autoritärer und selbstgerechter Praxis − sei’s von den Behörden selbst, sei’s von Seiten der Privateigentümer geduldet −, bringt viele BürgerInnen auf. − Vielen Dank an Edelgard!

Und zur Pflege der Schöneberger Straßenbäume siehe auch hier

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4 Kommentare

  1. Paula Panter said,

    12. Februar, 2010 um 2:57

    Noch ein aktuelles Beispiel aus Schöneberg, gefunden auf
    http://www.weltuntergangs.info/archives/796#comments

    „Daß die Bürgermeister sich nicht um das Wohl der Bevölkerung sorgten, kann man dabei gar nicht behaupten. Denn mögen die Menschen sich auch auf dem Glatteis den Hals brechen oder unter dem Messer minderjähriger Ärzte ihr Leben aushauchen, vor dem Tod durch herabfallende Äste werden sie optimal geschützt. In der Hohenfriedbergstraße in Schöneberg ist heute Vormittag der letzte große Straßenbaum gefällt worden. Das einzige größere baumähnliche Gebilde, das jetzt noch steht, ist die Mobilfunkantenne auf der Kolonnenstraße 42.
    Etwa 20 Minuten dauert es, einen Baum, der vielleicht 100 Jahre zum Wachsen brauchte, mit Hilfe von ein paar geeigneten Maschinen und einer Handvoll mentaler 1-Euro-Zeitgenossen in Sägemehl zu verwandeln. Die Menschheit nennt das „Fortschritt“. Die Schnittfläche des Stamms sieht übrigens – genau wie die der beiden schon vor einigen Wochen wegen „Morschung“ getöteten Artgenossen – makellos gesund aus. Aber was red‘ ich …“

  2. spreenixe said,

    12. Februar, 2010 um 16:48

    hallo, nur zur info: seit dieser woche werden offenbar alle bäume auf dem schulhof der schule (wird gerade saniert) an der wildenbruchstrasse 54 in alt-treptow gefällt.
    drei bäume wurden schon komplett gefällt der vierte und fünfte wurde heute (fr. 12. 2 10) in angriff genommen.
    habe keinerlei info dazu finden können..

    • BaL said,

      12. Februar, 2010 um 19:45

      Klar, dass es für den Erhalt dieser Bäume zu spät kommt, aber – ohne bereits genauere Infos zu haben – scheint das doch eine exemplarische Gelegenheit zum Nachhaken! Da wohl ausgeschlossen werden darf, dass alle fünf Bäume wegen Fäule, Morschung oder dgl. standunsicher/verkehrsgefährdend waren: Hat die Schulleitung – oder gar der Hausmeister, der weniger Laub-Dreck wegfegen will – diese finale Maßnahme selbstherrlich beschlossen, oder wurden SchülerInnen und Lehrerkollegium gefragt/in die Entscheidungsfindung einbezogen? Da die Bäume sicher der Baumschutzverordnung unterlagen (80 cm Stammumfang in 1,20 m Höhe): Weshalb wurde die Fällung überhaupt vom Grünamt genehmigt, und wie sieht’s jetzt mit Ausgleich und ortsnaher Ersatzpflanzung aus?

      • spreenixe said,

        13. Februar, 2010 um 0:40

        ergänzung zum schulhof: insgesamt sind, waren es sieben bäume, alle bis über 4.og hinausragend. drei sind komplett zerlegt. nr 4 und 5 wurden am freitag schon verstümmelt. nehme an, am montag geht es weiter. (die hebebühne steht geparkt auf der schulhofmitte). zugang übrigens nur über die bouchèstrasse neben dem cabuwazi-gebäude (eisentor, zu baustellenzeiten geöffnet). alle bäume machten im sommer einen gesunden eindruck.
        keine ahnung was die gründe sind. die schule ist zur zeit ausser betrieb. dieses jahr zieht hier die röntgenschule aus neukölln in die sanierten gebäude ein. sollte ein fauler hausmeister dafür verantwortlich sein, finde ich das skandalös..
        wenn sich da jemand kümmert und infos posten könnte, wäre das prima..
        lg
        spreenixe


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