Das Elend der Grünflächenpflege

Notizen zur aktuellen Entwicklung

Toreinfahrten

Zwei Toreinfahrten für eine Teichpumpe

Von den wertvolle Stadtnatur und vergleichsweise hohen Aufenthaltswert zerstörenden Baumaßnahmen im östlichen Görlitzer Park, dessen Planung von der Freien Planungsgruppe Berlin seinerzeit übrigens so entworfen worden war, dass er gerade nicht als Radrennstrecke für schnellen Durchgangsverkehr zu missbrauchen wäre, hatten bis letzten Dienstag weder unser Bürgermeister, Franz Schulz, noch die BVV-Mitglieder irgendwelche Kenntnis. Inzwischen verlautete aus dem Fachbereich Naturschutz und Grünflächen des Xhainer Amts für Umwelt und Natur, dass die beiden neuen, einander gegenüberliegenden Toreinfahrten in der Umgrenzungsmauer deswegen geschaffen wurden, weil sonst eine Pumpe für den künstlichen Teich per Kran hätte über die Mauer gehoben werden müssen.

Fällkandidat 16

Fällkandidat 16

Auch seien nur zwei Bäume und ansonsten Gestrüpp gefällt worden, doch von den in der Fällliste aufgeführten zehn Bäumen, die „Wegeumbau“ weichen müssten, sind ungeachtet eifrigen Suchens nur noch zwei (die bereits rot markierten mit den Nummern 16 und 17) außerhalb des Parks am Görlitzer Ufer auffindbar, gleich neben einem böse zugerichteten stattlichen Altbaum, dem durch eine unsinnige Kroneneinkürzung Dutzende Starkastwunden zugefügt wurden.

Hier türmt sich auch schon Baumaterial, und nicht nur die AnwohnerInnen, sondern auch ihre gewählten politischen VertreterInnen fragen sich, was das dort werden soll. [Da der Bezirk, falls denn planfestgestellt wird, gegen den 16. Bauabschnitt klagen will, immerhin kein Zubringer zur A 100…]

Schützt die alte Eiche am Fichtebunker!

Und auch an der ca. 200jährigen Eiche Nr.30 unweit des Fichtebunkers, die mit vier Meter Stammumfang das Zeug zu einem Naturdenkmal hat, aber schon in der Fällliste verzeichnet ist, will sich das Amt gleich morgen (14.12.) um 14 Uhr spektakulär zu schaffen machen, nämlich auf Anraten der Baumgutachterin Dr. Frauke-Elisabeth Schmidt in der Fachwelt höchst umstrittene Zugversuche mit einem LKW durchführen lassen. Der Baum hat in der Tat in 1,70 bis 2,50 Meter Höhe eine Hohlstelle und auch Pilzbefall, doch bleiben bekanntlich sogar gänzlich hohle Bäume noch viele Jahrzehnte stehen, da für die Statik vor allem die sog. Restwandstärke relevant ist. Diese wiederum ermittelt Fachleute per Resistograf oder/und Schalltomograf, also durch Bohrwiderstands- und Schallmessungen, aber ganz sicher nicht durch Seilziehen mit einem LKW. Als die 22 mit vierzig Betonklötzern beschwerten Bäume am Landwehrkanal (inzwischen sind es weniger und einige Klötzer weggeschafft) auch noch die zweite Wachstumsperiode durchstehen mussten, schlug der für die Korsettierung verantwortlich zeichnende Baumwertermittler, Jochen Brehm, zur Prüfung ihrer Standsicherheit derartige Zugversuche vor, doch das wurde seinerzeit nicht nur vom Grünflächenamt Mitte und vom Baumsachverständigen Dr. Barsig, sondern auch von der Vertreterin des Grünflächenamts F’hain-Xberg einmütig abgelehnt.

Killerpilze?

Lindenfällung

Fällung der Linde Reichenberger Str. 40

Und auch Baumpilze sind nicht gleich Baumpilze, z. B. gefährliche Braunfäule- von weniger bedenklichen Weißfäule-Erregern zu unterscheiden, gegen die sich ein Baum abschotten kann −, will sagen, hier kommt’s auf die korrekte Bestimmung an, woran es jedoch notorisch hapert. Die ebenfalls pilzbefallene, am 2.12. unangekündigt gefällte Silberlinde, Reichenberger Str. 40, sollte laut erstem Fäll-Gutachten den aggressiven Schwefelporling haben. Das Gegengutachten wies (wie übrigens auch bei jener Silberlinde Reichenberger/Ecke Ratiborstr.) eine falsche Pilz-Bestimmung nach: es handelte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Weißfäule erregenden Schuppigen Porling (wegen damaligen Fehlens eines Pilzfruchtkörpers war keine exakte Identifizierung möglich, aber es wurde Weiß- und keine Braunfäule diagnostiziert). − Da jedoch dieses Gegengutachten nach anderthalb Jahren angeblich schon sein Verfallsdatum überschritten hatte, erstellte die erwähnte Frau Dr. Schmidt ein drittes, das uns allerdings nicht vorliegt, aber nach Aussagen von Grünamtsmitarbeitern einen gesundheitsgefährdenden Pilz feststellte, weshalb der Baum denn auch umgehend gefällt werden musste − und richtig: die Baumfäller litten, so geht das Gerücht, trotz Atemschutzmaske unter starken Schwindelanfällen und konnten sich nur mit Mühe auf der Leiter halten, ja auch ein Mitarbeiter des Grünflächenamts, der das Gefahrgut in seinem PKW abtransportierte, klagte über Schwindel und Brechreiz.

Wir waren bei der Fällung zufällig auch zugegen, haben aus großer Nähe fotografiert, dabei allerlei Sägespäne abbekommen, doch weder Arbeiter taumeln sehen noch bei uns selber derartige Symptome festgestellt. Schlecht wurde uns aus anderen Gründen, nämlich wegen der Art, wie mit Bäumen und den sich für sie einsetzenden BürgerInnen in einem „grün“ regierten Bezirk verfahren wird.

Aber zurück zur Zugprüfung: Auch der Baumexperte des BUND lehnt dieses Experiment ab, desgleichen die davon informierten Bezirksverordneten von Grünen und Linken sowie nicht zuletzt die BIs BfK und BaL. Wir werden uns also Montag, 14.12., 14 Uhr an der mächtigen Eiche in der Fichtestraße einfinden, um gegen diese versuchte Sachbeschädigung ökologisch wertvollen öffentlichen Eigentums zu protestieren. Wir sind für jede Unterstützung sehr dankbar!

Eiche30 Fichtestraße

Eiche Nr. 30 nahe Fichtebunker in Kreuzberg

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4 Kommentare

  1. 14. Dezember, 2009 um 17:16

    Daß die Menschen Teil der Natur sind, daß sie ohne Natur nicht leben können, daß man die Natur achtet, daß auch Pflanzen Lebewesen sind, daß man andere Lebewesen nicht quält, das sind Dinge, die man früher kleinen Kindern beigebracht hat. Heute muß man das erwachsenen Politikern, Beamten etc. erzählen, damit sie nicht mal eben mit einem LKW an einem 200 Jahre alten Baum ziehen, um zu sehen, ob er das noch mit sich machen läßt. Das ist wirklich ein Trauerspiel! Und wie oft muß man es ihnen erzählen? Hundertmal? Tausendmal? Bis man selbst reif für die Klapsmühle ist?

    • Baumfee said,

      14. Dezember, 2009 um 22:46

      Jedem denkenden Menschen müsste das doch eigentlich als blanker Irrsinn vorkommen!

      In Sachen Luisenstädtischer Grünzug hat mal bei einer BürgerInnenversammlung der Vertreter des Landesdenkmalamts, der alle Pappeln dort fällen lassen wollte, tröstend zu mir gemeint: „Die haben doch eh alle ihren Zenit überschritten…“ Ich hab ihm nur geantwortet, über die Hälfte der Leute hier auch! Der Denkmalschützer lachte nur und fand den Vergleich Menschen und Bäume deplaziert.

      Die solche Experimente wie die beschriebenen machen wollen, können Bäume nicht für Lebewesen halten…

      Und wirklich: unter den vorherrschenen Bedingungen scheint vom BürgerInnenengagement in die Klinik bisweilen tatsächlich nur ein kleiner Schritt…

  2. Tina Tiger said,

    14. Dezember, 2009 um 18:09

    Interessante Methode.
    Mit Seilen, die an Lastkraftwagen befestigt sind, an einem Baum ziehen und rütteln, um zu sehen, wie standfest er ist. Man könnte auch mit einem Auto gegen die Wand fahren, um zu gucken, ob das Auto kaputt geht.

    Heute wurde die Aktion von Amts wegen plötzlich abgesagt. – Es haben sich wohl zuviele Leute für die Sache interessiert. Nun soll das seltsame Experiment am Montag, den 21.12.09 um 14 Uhr durchgeführt werden. Mal sehen, ob es dabei bleibt. Oder ob der Baum womöglich auf einmal morgens früh platt gemacht wird. Die AnwohnerInnen haben versprochen, wachsam zu sein.

    Da überlebt so eine stattliche Eiche 200 Jahre. Und dann kommt das Amt.

    Wie man hört, kann sich jedeR BaumgutachterIn nennen. Es gibt keine klaren Zulassungs- und Qualitätsstandards. Wenn dem so ist, müßte das schleunigst geändert werden. – Sonst haben wir bald keine Bäume mehr in der Stadt.

  3. mehrgrün said,

    14. Dezember, 2009 um 23:36

    im amt hat wohl nicht nur ein schädel darüber gebrummt, wie sie die kuh am besten vom eis kriegen und um den hals sind sie sich wohl gefallen, als ihnen nach stunden die idee kam, die ganze chose um eine woche zu verschieben. denn mit ’nem lkw am baum zu ziehen und zu gucken was passiert, das hört sich doch arg dilettantisch an. jedenfalls nicht danach, dass sie das überhaupt retten wollen, was sie zu untersuchen vorgeben. kritische zuschauer kommen dabei garnicht gut.


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