Ökologisch wertvollster Teil des Görlitzer Parks zerstört

Stadtnatur als Material

Infotafel

Infotafel Stadtumbau

Die chronische Übernutzung des Görlitzer Parks mit Wettgrillen und Müllbergen ist hinlänglich bekannt, die Schildbürgerei um den Pamukkale-Brunnen ein running gag. Einzig das Areal ganz am östlichen Parkende − kleiner Pendant etwa zum Rhododendron-Hain in der Hasenheide − vermochte den Eindruck zu erwecken, sich in einer naturnah gestalteten Grünanlage zu befinden, in die sich mensch vorm Lärm flüchten, von Bäumen und Büschen dicht umstanden und zur Straße hin geschützt, am Ufer eines kleinen Teichs entspannen, Vögel beobachten und sogar der Nachtigall lauschen konnte.

Toreinfahrt

Toreinfahrt

Mit dieser bescheidenen Idylle ist es jetzt vorbei. Im Zuge der „Neugestaltung der südlichen Lohmühleninsel, 3. Bauabschnitt“ wurde unterm Label der Barrierefreiheit eine torbreite Lücke in die Umfriedung gestemmt. Der vormals unversiegelte Pfad um den Teich wurde gegen jede Proportion unsinnig verbreitert und wird nun granitgepflastert; hinauf zum sommers stark frequentierten Hauptweg wird eine ausladende Treppe führen, so als müssten Zehne nebeneinander hinauf und hinab steigen können. Für eine „übersichtliche Gestaltung“ werde gesorgt, heißt es auf der Bau-Infotafel, damit der Ernst-Heilmann-Steg „für Radfahrer und Fußgänger besser erreichbar“ sei: eine groteske Begründung, wenn man bedenkt, dass zum Aufenthaltswert dieses einst lauschigen Refugiums nicht zuletzt die relative Seltenheit hindurch bretternder RadlerInnen beitrug. Es war die einzige trubelfreie, naturästhetisch schönste und naturschutzfachlich wertvolle  Zone im ganzen Park, sein grünes Herz. Ein türschmaler, durchaus barrierefreier Eingang führte von der Görlitzer Straße aus hinein. Jetzt aber kann die neu gebrochene Einfahrt zum Görlitzer Ufer ein LKW passieren.

Und nicht vergessen sei der Hinweis: Hier gab es mitnichten Dealer oder eine Scene, falls dieses probate Argument mal wieder in Anschlag gebracht werden sollte; hier gab es auch vergleichsweise wenig Müll, so als hätten die sich hier Erholenden instinktiv Respekt vor dieser gelungen naturähnlich gestalteten Kleinlandschaft empfunden.

Freitreppe

Freitreppe und Wege-Versiegelung

Zehn der vor rund zwei Jahrzehnten neu gepflanzten Bäume wurden (oder werden noch) dieser „behutsamen besseren Einbindung“ geopfert; es heißt, sie sollen nicht nur Wegen sondern auch Sichtachsen Richtung Treptow im Wege gestanden haben. Rücksichtslos werden Baumaterialien dort abgekippt, wo es vor kurzem noch dichtes, vogelreiches Buschwerk gab − und selbstredend auch auf die Scheiben noch stehender Bäume. Auf Befragen erklären die Bauleute, sie würden hier eine ruhige Ecke schaffen, so als sei sie vormals laut gewesen, und Bänke aufstellen, so als habe es vorher keine gegeben, die lediglich nicht mehr repariert wurden, und neue Bäume würden gepflanzt, wahrscheinlich bessere als die alten.

BürgerInnen-Beteiligung Fehlanzeige

Die sich äußernden AnwohnerInnen sind entsetzt und völlig überrumpelt (die kürzlich durchgeführte Ideen-Werkstatt beschäftigte sich mit anderen Themen), doch wenn zum Engagement aufgefordert, zucken die meisten die Achseln: Nun sei es eh zu spät, und „die machen ja doch …“ Wir haben jedenfalls niemanden getroffen, die/der von seiten des Bezirks auch nur informiert, geschweige gebeten worden wäre, eigene Anregungen einzubringen oder sich wenigstens an der Bewertung jener „Vorschläge“ zu beteiligen, die da auf der Infotafel präsentiert werden, doch, was den Görlitzer Park betrifft, überwiegend längst umgesetzt sind. Auch im Netz findet sich unter der „Vielzahl von öffentlichen Grünanlagen [die] 2009 umgebaut oder neu angelegt [wird]“, nur ein Hinweis auf die Lohmühleninsel, aber eben keiner auf den Görlitzer Park.

Parkumbau

Ohne Rücksicht auf Verluste

Sehr seltsam nur, dass Bürgermeister Franz Schulz, der dort ganz in der Nähe wohnt, vor Jahresfrist im persönlichen Gespräch gerade die Naturnähe dieses Bereichs lobte, die oben geschilderte Wahrnehmung der Qualitäten in vollem Umfang zu teilen schien und lediglich (und zu recht) beklagte, dass die HundebesitzerInnen ihre Lieblinge nicht anleinten, so dass es trotz reichlich Binsen und natürlicher Deckung keine Stockente, kein Blesshuhn wagt, im Teich zu brüten. Das Personal des Ordnungsamts vermöge sich nicht durchzusetzen, werde mit Kampfhunden bedroht und sehe sich außerstande, dem Leinenzwang Geltung zu verschaffen.

Das dürfte in diesem „Transitraum“, wie er jetzt genannt wird, noch schwieriger werden. − Ob Gleisdreieck [siehe auch hier], Cherusker Park, Tiergarten, jetzt Görli und demnächst das Tempelhofer Feld: in dieser Stadt, in der erst vor kurzem zur gemeinsamen Arbeit am „Grünen Leitbild Berlin“ aufgefordert wurde, scheint die Verwaltung, wenn nur Bund oder EU die Mittel locker machen, auf allen Ebenen längst emsig bestrebt, als weichen Standortfaktor ein pflegeleichtes, ordentlich übersichtliches Einheitsgrün ins Werk zu setzen.

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8 Kommentare

  1. 8. Dezember, 2009 um 17:14

    Das ist einfach nur krank.

  2. Erika Jakubassa said,

    8. Dezember, 2009 um 17:41

    Ich habe immer mit diesem Teil des Görlitzer Parks vor meinen Freunden von ausserhalb Berlins ‚angegeben‘ – ja, so was Schönes haben wir hier! Es ist unbegreiflich, wie man das zerstören kann! Solche Ignoranz! Aber noch unbegreiflicher ist, dass unser Herr Schulz das zulässt. Ich meine, er muss zur Rede gestellt werden.

    • BaL said,

      8. Dezember, 2009 um 20:05

      Das haben wir gleich heute (8.12.) in der gemeinsamen Sitzung von Stadtplanungs- und Umweltausschuss über eine Dringlichkeitsanfrage der Bürgerdeputierten der Linken versucht, doch weil Baustadträtin Kalepky wegen eines Unfalls – wir hoffen, es ist nichts Ernstes und wünschen baldige Genesung! – nicht teilnehmen konnte und Bürgermeister Schulz, der anwesend war, nichts von Baumaßnahmen im östlichen Görlitzer Park weiß, war niemand Auskunftsfähiges vom Bezirksamt da, so dass die Anfrage erst in der nächsten Sitzung des Umweltausschusses behandelt werden kann. – Bis dahin dürfte die Maßnahme dann auch abgeschlossen sein.

  3. Paula Panter said,

    8. Dezember, 2009 um 22:23

    Das ist ja wieder mal ein Trauerspiel!

    Im Stadtplanungs- und Umweltausschuss weiß niemand etwas über die Baumaßnahmen im Görlitzer Park, wenn Frau Kalepky nicht da ist. Wieso nicht?
    Im Grünflächenamt geht, wie man hört, niemand ans Telefon, wenn BürgerInnen nach den Begründungen der geplanten Fällung von 200 Bäumen fragen wollen. Was ist da los? Transparenz und Bürgerbeteiligung gehen anders.

    Da müssen wir AnwohnerInnen den Grünen wohl wieder mal erklären, wozu sie eigentlich gewählt worden waren:
    Nicht um das wenige Grün in unserem dicht besiedelten Bezirk kaputt zu machen, sondern um es zu erhalten und um es möglichst zu vermehren.
    Wieso sollten wir 2011 eigentlich wieder Grün wählen, wenn wir unter einem grünen Bürgermeister und einer von den Grünen angestellten Baustadträtin ständig um jeden Baum und Strauch kämpfen müssen?

    Also, wir müssen wieder mal Protest – emails schreiben an die BVV – Verordneten, an Bezirksbürgermeister Herrn Schulz, an die anderen BVV – Parteien und an Herrn Ströbele. Anders geht es nicht. Viele müssen es machen. Macht mit!

  4. 8. Dezember, 2009 um 23:24

    …ich vermute die „grünen“ sind so mit der strategischen vorbereitung von „jamaika 2011“ beschäftigt, daß sie den „wildwuchs“ (dr.schulz) höchstens aus den augenwinkeln noch etwas zu kenntnis nehmen, aber eigentlich doch schon mal gerne im geiste der parvenükoalition von übermorgen die grünanlagen flanierbar sehen wollen…

  5. Manuel Keucht said,

    8. Dezember, 2009 um 23:58

    Also ich finde, es REICHT jetzt wirklich!!! Ich muß gleich kotzen – Was wollen diese sog. „grünen“ hier in Kreuzberg eigentlich? Merken die nicht, dass ihnen ihre Baustadträtin Kalepky ständig auf der Nase heruntanzt? Die sind doch naturschutzmäßig in diesem Bezirk schon lange von den Linken überholt worden … Auf Intervention der Grünen ist eine Debatte über diese Sauerei, die von den Linken im Umweltausschuß angestoßen worden war, aus formalen Gründen vertagt worden. Obwohl es wirklich wichtige Dinge gibt, beschäftigt sich die „grün“ geleitete Bauverwaltung vorzugsweise mit der Zerstörung des wenigen Grüns, das noch in Ansätzen den Charakter von Natur und Natürlichkeit ausstrahlt.
    Es ist Zeit für eine Kampagne gegen die Grünen und Kalepky!

  6. HolgerS said,

    9. Dezember, 2009 um 9:20

    Wenn Planer planen,
    schafft es anderen Bahnen.
    Naturschutz ist für sie kein Thema.
    Etlichen fällt zu allem, was höher als 30 cm wächst und den „freien Blick“ (auf was eigentlich?) verhindert, nur das Wort „Angstraum“ ein und anderen geht es um die „Soziale Kontrolle“, die es zu erringen gilt.
    Hier wie dort sind viel zu viele in den Verwaltungen nicht verlegen darum, auch seltsam klingende Begründungen für ihr Tun oder Unterlassen (im Sinne eines umfassenden Naturschutzes) zu finden.
    Zudem sitzen sie Kritik auch einfach aus.
    Das funktioniert aber eben auch nur, weil sich der Protest gegen ihre Aktionen in überschaubaren Bahnen bewegt und sie sich der Unterstützung der letztlich verantwortlich PolitikerInnen sicher sein können.

  7. André Martin said,

    16. März, 2010 um 13:07

    Als gelernter Zierpflanzen- und Staudengärtner blutet mir das Herz wenn ich die öffentlich geplante Zerstörung betrachte.
    Ich wohne direkt gegenüber des Görlitzer Parkes und beobachte die schleichende Verwüstung täglich.
    Mitte der neunziger Jahre wurden in Berlin fast alle Bezirksgärtnereien (damals Natur-u. Grünflächenamt) geschlossen da diese nicht wirtschaftlich arbeiteten.
    Ein Großteil der Mitarbeiter, viele davon ausgebildete Gärtner, wurden in andere Bereiche des öffentlichen Dienstes versetzt.
    Übrig blieb eine kleine aber sehr unfähige Gruppe Mitarbeiter die seitdem durch den Görlitzer Park und andere öffentliche Grünflächen Kreuzberg’s wütet. Ihre Unfähigkeit wird aber durch große Arbeitswut ausgeglichen.
    Das bevorzugte Werkzeug für den Gehölzschnitt ist die ( stumpfe ) Kettensäge. Mit einer Kettensäge erzielt man schnell große Resultate und es kostet quasi nix.
    So wurden in den vergangenen Jahren in und um den Görlitzer Park viele Sträucher, Gebüsche und kleine Bäume „auf Stock“ geschnitten oder komplett entfernt.
    Als ich vor vier oder fünf Jahren beim Gartenbauamt nachfragte warum die Arbeiten so unfachmännisch durchgeführt wurden bekam ich als Antwort der Personalmangel und ein sehr knappes Budget würden keine bessere Arbeit zulassen. Die beschnittenen Sträucher und Halbsträucher würden schon wieder nachwachsen.
    Die meisten der so mißhandelten Pflanzen haben sich seitdem nicht erholt und wachsen wenn überhaupt sehr unschön.
    Um zu sehen wie man es nicht macht genügt ein Spaziergang entlang des Bachlaufes bis zum kleinen Teich oder an der Außenseite des Parkes zur Wiener Straße hin.
    Auch diese Jahr wurde um den kleinen Teich herum wieder beschnitten was das Zeug hält. Jetzt könnte man sagen dass es sich zum größten Teil nur um Brombeersträucher handelt die sehr schnell wieder nachwachsen aber damit macht man es sich zu einfach. Die Brombeere bietet einer Vielzahl an Insekten und Vögeln genau den geschützten Lebensraum den es sonst so nur auf dem Land gibt.
    Die Sträucher wurden nach dem 01.03.2010 beschnitten und dies ist verboten.
    Seit dem 01.03.2010 gilt das neue Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) bundesweit und gilt auch für öffentliche Grünanlagen und sogar für den privaten Garten.
    Diese Gesetz verbietet das Beschneiden von Bäumen, Hecken, Sträuchen und lebenden Zäunen in dem Zeitraum vom 01.März. – 30.September.
    Damit sollen brütende Vögel geschützt werden, welche zwar im März noch nicht brüten aber schon nach geeigneten Brutplätzen Ausschau halten.
    Und im April kommen die Nachtigallen zurück.
    In den letzten Jahren habe ich fünf Brutpaare allein um den kleinen Teich gezählt und mich sehr an ihrem Gesang erfreut.
    Die Nachtigall kommt jedes Jahr genau zu dem selben Baum zurück wie im Vorjahr und singt um Weibchen anzulocken.
    Dummerweise fehlen jetzt zwei davon, nämlich einer an der tollen neuen Brücke und einer an den neu geschaffenen Eingängen am Görlitzer Ufer.
    Die Nachtigallen sind Bodenbrüter und bauen ihre Nester an schwer zugänglichen Stellen wie zum Beispiel unter Brombeersträuchern.
    Desweiteren sind die beauftragten Gartenbaufirmen bestrebt auch noch die letzten Millimeter Humusschicht mit ihren Laubpustern zu beseitigen.

    Zu einer tel. Auskunft war das Grünflächenamt gestern ( 15.03.10 ) nicht bereit.

    So viel Ignoranz macht mich wütent und auch traurig.

    André der Gärtner


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