Ein Kreis schließt sich

Wenn auch noch anderthalb Arbeitsgänge ausstehen und mensch bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben soll, dürfen wir dennoch sagen: am Bauabschnitt 6 mit den berühmten vier Linden [Tempelhofer Ufer nahe U-Bhf. Möckernbrücke] hat sich nach zweieinhalb Jahren ein Kreis geschlossen. Ohne Frage geht’s bei der zukunftsfähigen Sanierung des LWK um weit mehr als den Schutz des Uferbaumbestands, doch bleibt dieser Katalysator des BürgerInnen-Engagements für den Kanal.

Wir erinnern uns

Baumbesetzung

Baumbesetzung am 23.06.07

Eines Samstags im Juni 2007 war hier ein Fällkommando angerückt, um nach den dreizehn Bäumen am Einsteinufer in Charlottenburg, den zehn Rosskastanien am Reichpietschufer in Mitte und den sechs Graupappeln am Prinzenbad in Kreuzberg, auch die „umsturzgefährdeten“ vier Linden am Tempelhofer Ufer mitsamt dem einen Eschenahorn, der nicht mal in der Fällliste verzeichnet war, im Auftrag des seinerzeitigen WSA-Chefs Hartmut Brockelmann umzusägen, um im Wortsinn radikal die angebliche „Gefahr im Verzug“ zu beseitigen, damit der ihretwegen gesperrte Kanal wieder geöffnet werden könnte, bevor die ökonomische Existenz der sich lautstark beklagenden Fahrgastschiffer vernichtet würde.

geschafft!

geschafft!

Nachdem am Reichpietschufer in Mitte und nahe dem Zollhaus in Kreuzberg heimtückisch und in skandalöser Weise während laufender Verhandlungen abgeholzt worden war, wurde die geplante Fällung am Tempelhofer Ufer während einer Pressekonferenz immerhin offiziell angekündigt − mit dem Ergebnis, dass schon in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages BaumschützerInnen kurzerhand in die Kronen kletterten und die bedrohten Bäume besetzten. Im Laufe des Vormittags eilten dann weit über hundert Engagierte herbei und formierten sich zu einer schützenden Mauer, und mit ihnen kamen auch gewählte BürgervertreterInnen von SPD und Grünen, aus BVV und Abgeordnetenhaus.

Selbstredend war auch die Staatsgewalt zur Stelle, brauchte jedoch nicht einzuschreiten, denn der Leiter des WSA-Außenbezirks Neukölln, Jörg Augsten, hielt zwar die Behauptung einer Gefahr im Verzug aufrecht, setzte sich jedoch von Anbeginn für eine Deeskalierung der Situation ein und schickte nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzen schon bald seine Kolonne ins Wochenende, wobei er versprach, dass zumindest bis zum darauf folgenden Montag den Bäumen nichts geschehen werde − was ihm freilich niemand abnahm −, doch die Zusage hatte Bestand.

Um einerseits bei der Wiederfreigabe des Kanals das Gesicht zu wahren und anderseits den Ökowahn, dem die BaumschützerInnen anheim gefallen seien, sinnfällig werden zu lassen, wurden für 40 TEuro 20 Bäume mit schwerem Geschirr an vierzig noch schwerere Betonklötzer gepflockt, darunter auch jene am Tempelhofer Ufer. Und was damals niemand von WSA und BAW, weder Tiefbauingenieur noch Wasserbauer für möglich gehalten bzw. öffentlich eingeräumt hätte; was auch die meisten Verwaltungsangehörigen, PolitikerInnen, BürgerInnen und Presseleute, ja selbst einzelne Baumsachverständige nachdrücklich bezweifelten −, nun ist’s in einem wegweisenden, disziplinen- und ressortübergreifenden und vor allem die engagierten BürgerInnen beteiligenden Akt gelungen: Die wasserseitige Ufersicherung, deren sachliche Notwendigkeit die BaumschützerInnen freilich nach wie vor bezweifeln, der sie im Interesse der Bäume aber schließlich zustimmten, nicht ohne indessen Art und Weise der Ausführung nachhaltig zu beeinflussen −, der schwierigste Teil dieser „wasserseitigen Sicherung“ der maroden Uferbefestigung durchs Vorsetzen einer Stahlspundwand (mit sich später anschließendem Verfüllen des Raums zwischen Stahl und Stein) wurde im Abschnitt 6 bewältigt, ohne den wertvollen, stark über die Mauerkrone geneigten Bäumen auch nur einen einzigen Starkast abzubrechen, und auch Schwachäste und Zweige nur in ganz minimalem Umfang!

unverletzt

Die Linden am Tempelhofer Ufer (16.11.09) - unversehrt!

Konzertierte Aktion

Aufstieg 02

Aufstieg eines Seilkletterers

Nach diversen Anfangsschwierigkeiten in diesem Frühjahr klappte die Zusammenarbeit zwischen der Wasserbaufirma Mette, dem Maschinenführer des Subunternehmens Tauber, den vor Ort Zuständigen des WSA, der Baumpflegefirma GvL und dem von den BürgervertreterInnen durchgesetzten „Bauleiter Baumschutz“ in hervorragender, Maßstäbe setzender Weise. Der von Amtsleiter Scholz persönlich ausgegebenen Devise des „bestmöglichen Baumschutzes“ wurde vollumfänglich Genüge getan, nicht zuletzt dadurch, das Baumpfleger und Wasserbauer simultan arbeiteten und nicht ein schematisch postulierter Arbeitsraum im Vorfeld freigeholzt worden ist.

Baumschonender Wasserbau

Akrobatik

Justieren

Auf beharrlichen Druck der BürgervertreterInnen hatte sich Mette Wasserbau schriftlich verpflichtet, unter Starkästen die maximale Arbeitshöhe von sechs Metern keinesfalls zu überschreiten und sich strikt daran gehalten. Dort, wo es möglich war, längere (sc. 8,40 m) Bohlen einzufädeln, um die, den betreffenden Baum ja abermals gefährdenden Arbeitsschritte des Aufständerns und Nachpressens bzw. -rammens einzusparen [jede rot nummerierte Bohle ist noch nicht auf Endtiefe], vollbrachte der Führer des kleinen Fuchs-Seilbaggers, Franke, wahre Meisterstücke, derweil die GvL-Seilkletterer, die nun an Stelle der BaumbesetzerInnen, wenn auch erheblich weiter oben, in den Kronen saßen bzw. standen, um immer, wenn’s heikel ward, mittels einer hakenbewehrten Stange die Äste bei Seite zu biegen, einen akrobatischen Knochenjob leisteten. [Nur die im Foto rechts oben erkennbaren rot nummerierten Bohlen müssen im Unterschied zu den „grünen“ noch in einem zweiten und dritten Arbeitsgang aufgeständert und auf Endtiefe gerammt werden. Nachtrag: Je nachdem, zu welchem Resultat der Prüfstatiker kommt, werden es aber nicht, wie zunächst angenommen, um die dreißig, sondern vielleicht nur fünf bis sechs Bohlen sein. Begonnen wird damit voraussichtlich kommenden Donnerstag, 19.11.]

Ökologisch nachhaltige Wasserstraßenunterhaltung

Teamwork

Zureichen einer 6m-Bohle

Alle Beteiligten standen in solch brenzligen Momenten buchstäblich miteinander in Blickkontakt; VertreterInnen von WSA, Bezirk, der BaL, AnwohnerInnen oder auch Passanten verfolgten das Geschehen hinterm Absperrgitter bisweilen mit angehaltenem Atem, und der neue Techniker in der AG LWK, Björn Röske, trotz seines noch jugendlichen Aussehens bereits zwanzig Jahre in WSA-Diensten (zuletzt ABZ Erkner), dokumentierte als Basis für Evaluierung, Qualitätsmanagement und Kostenabschätzung jede Einzelheit gewissenhaft.

Einfädeln 02

Durchfädeln

Natürlich erfordert der Baumschutz einige „Personalien“ zusätzlich und wegen der nur vier Meter Einbringtiefe müssen zur Stabilitätserhöhung die Schlösser der Bohlen auch sogleich verschweißt werden, damit die elf Tonnen und Millionen Euro schwere Presse nicht etwa ins Wasser kippt, aber der Erhalt ökologisch wertvoller und das Landschaftsbild prägender ca. sechzig Jahre alter Bäume rechtfertigt diesen Mehraufwand allemal.  Röske jedenfalls scheint das Gebot der Stunde erkannt zu haben, sei es, was ökologisch sensible Wasserstraßenunterhaltung, umweltverträglichen Wasserbau oder auch, was BürgerInnenbeteiligung am Planungsprozess angeht, und es steht zu hoffen, dass jetzt, wo der Kreis möglicher BewerberInnen für die noch immer vakanten Stellen in der AG LWK über den Personal-Pool des WSA-B hinaus erweitert worden ist, sich auch in dieser Hinsicht engagierte IngenieurInnen finden, die in ihr technisches Herangehen eine ökologische Folgenabschätzung zu integrieren bereit und in der Lage sind und öffentliche Partizipation nicht als störende Randbedingung wahrnehmen, sondern als Bereicherung und notwendiges Korrektiv schätzen lernen.

Weiter so!

Seilkletterer

Kein Ast geknickt!

Wegen der angespannten Personallage lässt die genaue Kartierung zwar noch auf sich warten, aber auf jeden Fall sind es noch viele Abschnitte mit ufernahem oder überhängendem Baumbestand entlang des Kanals, die es im Zuge dieser Sanierung noch zu meistern gilt. Möge das bisherige Vorgehen im Abschnitt 6 dabei nachhaltig stilbildend wirken! − Und Brockelmanns Würfel sollten nun auch am Tempelhofer Ufer schnell verschwinden. Ob das Absterben eines der Wipfel-Stämmlinge der hohen Weide Nr. 22 unterhalb des FußgängerInnen-Übergangs Möckernbrücke, der kürzlich von GvL endlich entfernt wurde, auf die Korsettierung des Baums zurückgeführt werden muss, bleibt zumindest strittig.

GIKEN Z-Piler mit 6m-Bohle

Versierter Geräteführer von TAUBER mit GIKEN Silent-Z-Piler

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