Berlin wider den Trend

Städtisches Gärtnern unter Druck

Das Kleingärtnerlegen in Berlin, das schon bis zu Spiegel Online Wellen schlug − in anderen Metropolen sei das urban farming stark im Kommen, in der Hauptstadt dagegen ein Fünftel der 950 Kolonien bedroht −, veranlasste heute (19.10.) denn auch den rbb zu einem Dossier im Inforadio. Beate Profé, bei SenStadt für Freiraumplanung und Stadtgrün zuständig, berichtet vom wachsenden Interesse an innerstädtischem, zugleich aber naturnahem Wohnen, demzufolge steigenden Grundstückspreisen und – na ja: dass da der Berliner Liegenschaftsfond kein Interesse mehr an Pachtverträgen mit SchrebergärtnerInnen in Wilmersdorf hat, braucht nicht eigens erklärt zu werden, aber zur Lösung des Widerspruchs, dass die Nachfrage nach Immobilien inmitten urbanen Grüns gerade zu dessen Dezimierung führt, hätten wir von der Senatsvertreterin schon gerne was gehört.

Begründungen gibt’s viele

Anderswo muss ausgerechnet der Bedarf an Kitas zur Begründung für die Beseitigung naturnaher Gärten herhalten wie z. B. im Fall des Kids’ Garden in Kreuzkölln, oder rechtlich nicht beizukommendem Investorenwille (siehe das Schicksal des Gemeinschaftsgartens Rosa Rose in Kreuzberg), oder der Bau eines so teuren wie schädlichen Stücks Autobahn von Neukölln nach Treptow, oder aber der Sport wie auf dem westlichen Teil des Gleisdreieck-Geländes in Kreuz- bzw. Schöneberg.

Über den hohen stadtökologischen Wert der Kleingärten: von der naturnahen Freizeitgestaltung über die Bedeutung von Bio- und/oder interkulturellem Gärtnern für Volksgesundheit und Integration bis zur Funktion der Kleinbiotope für Artenvielfalt der Stadtnatur und das Mikroklima ist mensch auf allen Verwaltungsebenen inzwischen natürlich voll im Bilde und kommt auch gerne drauf zu sprechen, wenn es ums Bewerben des Grünen Leitbilds geht und Stadtgrün unversehens zum harten Standortfaktor mutiert −, doch angesichts der geringen Gestaltungsspielräume, welche die Haushaltslage der Politik offen lässt, soll auf der anderen Seite wohl weiterhin alles Stadt- und Landeseigene verscherbelt werden, was sich irgend verscherbeln lässt. − Dass diese Art kurzfristigen und -sichtigen Schuldentilgens die öffentliche Hand auf der Habenseite immer ärmer macht und eben die Lebensqualität verkauft, die neuerdings doch Investoren locken soll, wurde schon so oft kritisch angemerkt wie von den Verantwortlichen überhört.

Keine faulen Kompromisse!

Um aufs Gleisdreieck zurückzukommen: der von Bürgermeister Schulz eingesetzte und geleitete Runde Tisch zur Kompromissfindung zwischen Sport und Kleingärten hat einen Prüfauftrag darüber vergeben, ob sich unter planungsrechtlichen und gestalterischen Gesichtspunkten beides zwischen U1 und U2 vereinbaren lässt. Die „Inititativenplattform“, zu der die AG Gleisdreieck, die BI Westtangente, die Kleingartenkolonie POG, die Anwohnerini Flaschenhals (AIF) u. a. gehören, hat in einer Stellungnahme zur Fläche nördlich der U2, wo 16 Parzellen liegen, die Rote Linie bezeichnet, die (zumal nach der Tragödie auf dem Ostteil des Areals) neben der Brachlandschaft auf dem sog. Flaschenhals unerbittlich verteidigt werden sollte. Einige Essentials sind: keine neue Wegeführung, keine weiteren Haupt-Parkzugänge und keine „Marktplatz“-Anlage auf Kosten von Gärten; keine Versiegelung dieses Platzes; ein vollständiger Erhalt des Gehölzstreifens aus Silberpappeln und Birken östlich der Gärten, welcher sinnigerweise in die Pläne des Atelier Loidl gar nicht erst eingezeichnet wurde. − Hier können wir den BürgervertreterInnen nur Standhaftigkeit wünschen.

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1 Kommentar

  1. 23. Oktober, 2009 um 10:13

    […] zunächst das Landwehrkanal-Blog: Als Gartenfreundin hat mich hier der tolle Beitrag über Städtisches Gärtnern unter Druck angesprochen. Das Blog trägt den Untertitel “Berlin wider den Trend” und greift […]


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