Wieder eine innerstädtische Oase vor dem Aus?

Gefahr für den Kids’ Garden im Reuterkiez

Kids' Garden

Im Kids' Garden

Unweit des Landwehrkanals, zwischen Hobrecht- und Friedelstraße in Kreuzkölln, dem Reuterquartier, einem der dichtest besiedelten, kinderreichsten Kieze Berlins und wegen seiner hohen Migranten-, Arbeitslosen- und Kriminalitätsquote so genannter sozialer Brennpunkt, tut sich in einer Baulücke zwischen gründerzeitlichen Mietshäusern unvermutet eine grüne Oase auf: Hohe Laubbäume und Büsche verdecken die unverputzten Brandmauern, niedrigere Obstbäume stehen zwischen Beeten voller Blumen, Salbei, Tomaten und Stangenbohnen, ansonsten überall Wildblumenwiese. An Sträuchern und dichten Hecken vorbei führt ein Pfad von einem Ende des Areals zum anderen, auf einem Hügel nahe einer großen, von Holzstämmen umfriedeten Sandkuhle ragt eine grüne Pumpe, der Schwengel zur Sicherheit durch ein Rad ersetzt. Wir sind im Kids’ Garden.

Jubiläumsfest

10jähriges Jubiläum

10jähriges Jubiläum

Der feierte am letzten Septembertag bei strahlendem Sonnenschein sein zehnjähriges Jubiläum mit einem lauten, bunten, malerischen Fest, auch im buchstäblichen Sinn, denn viele der mehreren Hundert Kinder, die mit ihren Eltern herbeigeströmt waren, malten oder wurden bemalt. Überall, wo Raum dafür war, gab es Stände für die verschiedensten Dinge, Naturheilkunde für Kinder bspw. oder fürs Basteln mit Kastanien oder eben zum Malen. Auch ein Eiswagen fehlte nicht. Vor einem blauen Bauwagen und einer Menge Publikum wurde Musik gemacht, Gitarre gespielt, frenetisch dazu getrommelt und getanzt, wie es sich für ein richtiges Fest gehört, und gegen Abend schließlich ein großes Lagerfeuer entfacht, das die mutigsten Kinder selber mit Ästen schürten und dem bereitliegendem Brennholz fütterten.

Trommeln

Trommeln

Doch bei den Erwachsenen mischte sich in die Festfreude Besorgnis über das weitere Schicksal dieses weithin einzigartigen „NaturSpielGartens“ und wirklichen Naturerfahrungsraums, wenn wir ihn mal mit der synthetischen NER-Anlage vergleichen, wie sie kürzlich auf dem Gleisdreieck erstellt wurde. Mütter, die alle Spielplätze der Umgebung kennen, kommen regelrecht ins Schwärmen, wenn sie von diesem erzählen.

Grün für Kinder

Malen

Malen

Silke Kirchhof vom Verein „Grün für Kinder e.V., Trägerverbund für Umweltbildung und -erziehung“ berichtet, dass der auf 10 Jahre terminierte Nutzungsvertrag für das Grundstück, das als Fläche für Gemeinbedarf definiert ist, demnächst ausläuft. Der Trägerverbund, in dem sich 12 Kitas freier Träger, Kinderprojekte der Umgebung, das Nachbarschaftszentrum elele und der Kiosk am Reuterplatz zusammengeschlossen haben, bewirtschaftet das 3000 qm große Gelände seit 1998 in ehrenamtlicher Arbeit, und momentan wird es von 350 Kindern und deren Angehörigen genutzt.

Kastanien-Basteln

Basteln mit Kastanien

Im Kids’ Garden, der nach beiden Straßen hin abgeschlossen ist und über strukturierte Öffnungszeiten verfügt, können die Kinder mitten in der Stadt sicher und zugleich frei, ungestört und nicht permanent beaufsichtigt spielerisch Erde, Wasser und Pflanzen erkunden, Begegnungen mit der Vogel- und Kleintierwelt machen und im Spiel- wie im umzäunten Nutzgarten Erfahrungen mit ökologischem Gärtnern sammeln. Die Bedeutung solcher Erfahrung für die Entwicklung sozialer Kompetenzen, Verantwortungsgefühlen fürs natürliche Lebensumfeld, Interesse an gesunder Ernährung und nicht zuletzt auch für die Gewaltprävention brauchen wir wohl nicht weiter zu erläutern.

Pumpe

Rad-Pumpe

Der Andrang ist gerade in dieser Gegend natürlich besonders hoch, so dass inzwischen die Kapazitätsgrenze mitunter erreicht sei und dann für Neuzugänge Wartelisten eingeführt werden müssten. Dies habe jedoch nichts mit „privilegierter Nutzung“ zu tun, wie sie dem Verein nun vorgeworfen werde [und welcher Vorwurf immer öfter erhoben wird, wenn’s ums Schleifen selbstbestimmter Projekte geht], sondern läge buchstäblich in der Natur der Sache, die eine unbegrenzte Nutzung einfach nicht vertrage.

Kita statt Kids’ Garden?

Der Bezirk Neukölln aber sei jetzt nur noch auf der Suche nach einem starken Träger und beabsichtige dann, auf dem Gelände eine feste Kita mit 60 Plätzen und einem Familienzentrum zu errichten, eine öffentliche Durchwegung zu schaffen und allenfalls eine Restfläche den im Kids’ Garden vernetzten Einrichtungen zu überlassen.

Eis

Ist deins besser?

Neben der Zerstörung der Ergebnisse jahrzehntelanger ehrenamtlicher interkultureller Arbeit und eines gewachsenen Refugiums kindlichen, selbstständigen Naturerlebens würde dies auch die Versiegelung eines Großteils dieser ökologisch wertvollen Fläche bedeuten, die Rodung der Vegetation, ob Spontanaufwuchs oder angepflanzt, und so durch Nachverdichtung mal wieder ein artenreiches Kleinbiotop vernichtet − all dies inmitten des grünflächenarmen Reuterquartiers. − Das Beteiligungsverfahren des Bezirks habe seinen Namen nicht verdient und als der Verein unter den ihm aufoktroyierten Bedingungen eine Teilnahme verweigerte, drohe er nunmehr, einfach vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Nicht nachhaltige Stadtplanung

Lagerfeuer

Am Lagerfeuer

Für eine Kita gibt es ohne Zweifel im Kiez Bedarf, und wer gegen eine Kita ist, hat von vornherein schlechte Karten. Aber warum muss dafür ein so erfolgreich funktionierendes Projekt und wahres Kleinod von Naturerfahrungsraum gerade für die Jüngsten platt gemacht werden? Warum ist auch hier keine vom Bestehenden ausgehende, behutsame Weiterentwicklung des Areals, etwa „die Schaffung eines Freilandlabors mit einem umwelt-pädagogisch betreuten Angebot für die Kindergärten und Grundschulen des Reuterquartiers“ möglich, wie sie der Verein u.v.a. vorschlägt?

Nach unserer Meinung sollte das Gelände auch naturschutzfachlich begutachtet werden, um die Höhe der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zu ermitteln, mit der wenigstens dieser Eingriff in die Stadtnatur ggf. kompensiert werden muss, wenn dies schon im Hinblick auf den NaturSpielPlatz kaum gelingen dürfte. − Und kann es sein, dass sich wirklich kein anderer Standort für eine Kita finden lässt?

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2 Kommentare

  1. Manuel Keucht said,

    7. Oktober, 2009 um 10:05

    Aber die Verwaltung hat doch Recht: Es ist doch mittlerweile wirklich ein Privileg, wenn Kinder mitten in der hochverdichteten Innenstadt 3000 qm als Naturerfahrungsraum zur Verfügung haben! Was sollen denn die anderen Kinder sagen, die nicht zu den mehreren Hundert Privilegierten gehören. Nein, nein – so geht das nicht, liebe Mütter und Väter, liebe Kinderchen, Kita-Betreuer_innen und Umweltschützer_innen! Es muß schon ausreichen, wenn auch euren Kindern gr0ßzügigerweise ein halber qm betonierter Boden, eine handvoll Sand und 1/100 Schaukel zur Verfügung gestellt werden. Welch eine Anspruchshaltung in unserer finanziell so ach gebeutelten Stadt…
    Vielleicht begreifen ja auf diese Weise doch immer mehr Menschen, dass sie hier nach und nach (und immer schneller) der letzten Reste an Lebensqualität beraubt werden und sagen mal „Stopp jetzt – bis hierhin und nicht weiter!“ Vielleicht organisiert sich ja doch Widerstand von unten gegen solch ein kinderverachtendes Projekt – die Kinder sind doch ein sehr energiegeladenes Argument. Und so könnten sie schon von klein auf lernen, was es bedeutet, in einer bürgerlichen Demokratie groß zu werden: Dass mensch sich nämlich gemeinsam wehren muß gegen die Zumutungen der Obrigkeit.
    Es wäre schön, wenn hier noch eine Kontaktadresse oder sowas veröffentlicht werden könnte, damit Interessierte mit denen in Kontakt treten könnten.


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