Kinderbeteiligung ist dankbarer!

Von der Eröffnung des ersten Berliner Naturerfahrungsraums

Bächlein

Hügel mit Bächlein und Baumbrücke

Nach diesem wahrlich durch-eventisierten Wochenende noch eine Rückblende auf die gut besuchte Eröffnung des Naturerfahrungsraums (NER) auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs am letzten Freitag (19.6.). Im Vorfeld hatten wir uns daran gestoßen, dass die Natur, die die Kinder in diesem „Pilotprojekt“ erfahren sollen, nach ihren Ideen und Vorschlägen gestaltet worden sei − die Morgenpost sprach im Titel ihres Berichts auch lieber vom „Naturspielplatz“ − und können schon mal vermelden, dass zumindest die Kinder von der Umsetzung ihrer Vorschläge hellauf begeistert sind. Bleibt die sauertöpfische Frage, ob das allein wirklich die Hauptsache sein kann.

Knüppeldamm

Knüppeldamm

In einem aufwendigen, sorgfältig organisierten Beteiligungsprozess mit Interviews, Fragebögen, Modellbau, Planungstagen in den Ferien und dgl. mehr bezogen MitarbeiterInnen der ARGE Naturerfahrungsräume Berlin unter Leitung von Dr. Jutta Heimann insgesamt knapp 70 Kinder im Alter von 5 bis 14 aus Schulen, Horten und Kitas der Umgebung in die Gestaltung dieses ersten Berliner NER ein.

Dammbau

Dammbau

Auf einer Fläche von rund dreieinhalbtausend Quadratmetern schuf dann die Grün Berlin GmbH, wie wir es schon kennen, mit schwerem Gerät Natur. Ein alter Hügel wurde abgetragen, da er tief im Innern, entgegen eines ersten Gutachtens, doch Asbest enthalten haben soll, und ein großer und einige kleine neu aufgeschüttet sowie Tümpel und Bächlein mit Kiesbett angelegt. Ein künstlicher kleiner Teich hätte, um das Wasser zu halten, mit Ton oder Folie ausgekleidet werden müssen, was das Budget von 60.000 Euro nicht hergegeben habe. Die vorhandene Vegetation von den Bäumen übers Strauchwerk bis hin zum strapazierfähigen Kraut und Gras sei unangetastet einbezogen worden, und zusammen mit den Kindern wurde an zentraler Stelle ein Apfelbäumchen gepflanzt.

Wasserspiele

Wasserspiele

Knapp 500 Wünsche, was sie auf dieser Fläche am liebsten täten, wurden den Kindern entlockt! Erwartungsgemäß erwies sich dabei „Herumtoben“ als eindeutiger Spitzenreiter, aber schon auf Rang zwei folgt „Tiere entdecken und beobachten“. (Ob sich freilich dieser, wenn’s um Naturerfahrung geht, naheliegende Wunsch − mal abgesehen von der Vogelwelt, deren weniger scheue VertreterInnen auch hier mal zwischenlanden werden − ansonsten übers Reich der Insekten und Spinnen hinaus erfüllen wird, scheint eher zweifelhaft.) Weiter ging’s auf der Wunschliste mit „Versteck und Ball spielen“; auf „Ästen klettern und schaukeln“ kam auf den fünften Platz.

Landart

LandArt

Zur allgemeinen Begeisterung setzten Angehörige des THW mit zwei Feuerspritzen das Tälchen ausgiebig unter Wasser. Jauchzend planschten und matschten die Kleinen, während sich ihre Eltern auf dem Aussichtshügel in Sicherheit brachten; die älteren Kinder bauten Staudämme oder, mit Anleitung und im Trockenen, Hütten aus bereitgestellten Jungstämmen, Ästen und Stricken, doch allzu weit kamen sie damit nicht. Die Jugendlichen hingegegen interessierten sich mehr für die Mitmach-Kunst in Stein oder Holz auf dem Platz der Open-Air-Bildhauer, der in die Anlage integriert worden ist.

Hüttenbauen

Hütte oder Zelt?

Diese ist zur Sicherheit (!) Kinder und BesucherInnen von NER und angrenzendem interkulturellem Rosenduftgarten vor den Bauarbeiten mit jenem stabilen Zaun umfriedet, der, wie berichtet, früher das Wäldchen schützte, und erneut bedauerten MitarbeiterInnen der Bezirksverwaltung, dass Grün Berlin ihn dort niedergerissen und hier aufgestellt hätte. Inzwischen sei aber der westliche Rand des Wäldchens wieder eingezäunt, nur seine östliche Seite liege nach wie vor offen…

NER = Naturspielplatz?

Grinserinnen

Cheese!

Was nun unsere Einschätzung dieser reichlich synthetischen „Naturerfahrung“ anlangt, so können wir leider nur wiederholen, dass wir, als anlässlich geführter Exkursionen über die damals noch einigermaßen naturbelassene Bahnbrache Gleisdreieck erstmals von hier zu schaffenden Naturerfahrungsräumen für Kinder und Jugendliche die Rede war, vollkommen andere, zugegebenermaßen allzu naive Erwartungen hegten. Wir glaubten, es konkretisiere sich im Umgang mit dieser einzigartigen Berliner Brachlandschaft bereits jener überfällige Paradigmenwechsel unterm Motto „Zulassen von Wildnis im urbanen Raum“, und zwar im Sinne der Bereitschaft der Verantwortlichen, im Interesse einer Entvirtualisierung der Lebens- und Erfahrungswelt unserer Kinder und der Entwicklung und Stärkung ihrer affektiven Bindungen an ihre natürliche wie soziale Mitwelt den Irrweg eines zusehends pathologisch-paranoiden Sicherheits- und Behütungsdenkens, einer DIN- und TÜV-fixierten Versicherungsmentalität, der jeder Baum, jede Dornenhecke, jede Herbstzeitlose als unberechenbare Gefahrenquelle gilt −, diesen angesichts der manifesten Gefahren auch nur des motorisierten Individualverkehrs geradezu absurden Irrweg endlich ein Stück weit zu verlassen, indem gerade Stadtkindern in erreichbarer Nähe möglichst ungenormtes Naturerleben eröffnet wird, um ihnen den unvergleichbaren Wert dessen nahezubringen, was tagtäglich in wachsendem Tempo gerodet, versiegelt, ausgerottet und vernichtet wird.

Diese Chance wird auf dem Gleisdreieck zusehends vertan −, was aber beileibe nicht heißen soll, dass dieser erste Berliner NER nicht ein schöner Naturspielplatz geworden ist. Wir müssen klein anfangen! Wenn wir freilich dieses Pilotprojekt zugleich als Ouvertüre der Parkgestaltung sehen, überkommt uns Beklemmung.

Große Leere

Jenseits die Große Leere

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3 Kommentare

  1. Brita Bredel said,

    25. Juni, 2009 um 21:14

    Ich kann mich dem Eindruck dieses Artikels nur anschliessen. Er ist wirklich sehr gut formuliert.
    Dieser Ort ist ein schöner Ort, aber mit Naturerfahrung hat das wenig zu tun.
    Es ist vielmehr ein Spielplatz ohne Spielgeräte.
    Selbst die letzten wilden Flächen im angrenzenden Technikmuseum bieten mehr Naturerfahrung.
    Es gibt übrigens längst viel schönere und wirkliche Naturerfahrungsräume für Kinder in Berlin. Der Kid’s Garden in Neukölln ist ein sehr schönes Beispiel.
    Dort blüht und wächst ein richtiges kleines Paradies von und für Kinder gestaltet.
    Der Garten ist voller Pfade und Strecken, die erkundet werden können, kleine Höhlen und Bauten aus Naturmaterialen, die natürlich ständig umgebaut und verändert werden, laden zum Verweilen und Verstecken ein. Ein kleiner umzäunter Teich lässt Forscherherzen höher schlagen und die Sträucher und Obstbäume hängen voll der leckersten Früchte.
    Die Kinder der umliegenden Kitas bewirtschaften in eigener Verantwortung ihre Beete und es ist einfach wunderbar zu sehen, wie die Pflanzen und Früchte gedeihen.
    Dieser Ort bietet auch den Eltern Erholung und Möglichkeit zum Durchatmen nach einem anstrengenden Arbeitstag.
    Aber wie es Paradiese so an sich haben, ist auch dieser Ort gefährdet und der Verein kämpft um den Erhalt.
    Ich kann den Initiatoren des NER im Gleisdreieckpark nur empfehlen sich in Neukölln inspirieren zu lassen und den Kindern erstens die Möglichkeit zu bieten dort Flächen zu bewirtschaften mit Obst, Gemüse und Blumen und möglichst viele Naturmaterialien zur Verfügung zu stellen, damit die Kinder sich diesen Raum selbst gestalten können; quasi auf natürliche Weise.
    Dann wird es in einigen Jahren vielleicht ein echter Naturerfahrungsraum.

  2. BaL said,

    29. Juni, 2009 um 23:47

    Siehe dazu auch die Kommentare im Gleisdreieck-Blog

  3. 3. Juli, 2009 um 21:28

    […] Stück vom Gleisdreieck-Radio ist unlängst wieder feierlich verteilt worden. An die Kinder diesmal. Sie haben einen "Naturerfahrungsraum" (vulgo Spielplatz) bekommen. […]


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