Vorzeitiges Ende eines Straßenbaums

Amt nimmt BürgerInnen nicht ernst

Mahnwache

Mahnwache, 27. Mai 09

Letzten Donnerstag (28.5.) pünktlich um acht war’s dann so weit: die Baumpfleger machten sich, wie angekündigt, ans Werk, und wieder mal fiel ein ca. 80jähriger wertvoller Berliner Straßenbaum, nämlich die Silberlinde Nr. 144 in der Reichenberger Straße in Kreuzberg, der Säge zum Opfer. − Oder war nicht vielmehr Amtsunfähigkeit und -untätigkeit der eigentliche Fällgrund? Die AnwohnerInnen-Initiative und der Verein BaL sind jedenfalls fest davon überzeugt!

Vorsorglich hatten noch Brita Bredel und eine weitere Mitstreiterin die Rosen auf der Baumscheibe ausgepflanzt, und die beauftragte Baumpflegefirma fräste im Anschluss an die Fällung ausnahmsweise auch gleich den Stubben aus und hat alle Überreste abgefahren. So gähnt dort, wo gestern noch ein hoher, dicht belaubter, vor trügerischer Vitalität strotzender Baum aufragte, Leere, reines Nichts. − Na und? mag manch eineR die Achseln zucken: nur ein einzelner Baum. In Amazonien wird täglich die Fläche von rund einem Dutzend Fußballfeldern gerodet! − Wohl wahr, aber den AnwohnerInnen in der Reichenberger Straße war genau dieser Baum vertraut, prägte ihr Wohnumfeld, kühlte in der Sommerhitze ihre Zimmer, schluckte Lärm und Staub, befeuchtete die Luft, und unter seinem dichten, schon bei sachtem Wind rauschenden Blätterdach konzertierten im Frühling zahllose Vögel. − Damit ist nun Schluss! Am Vorabend veranstalteten die AnwohnerInnen eine letzte Mahnwache und nahmen Abschied.

Vergeblicher Kampf gegen amtseitige Gleichgültigkeit

Mahnwache 02

(Zum Vergrößern bitte anklicken!)

Über ein Jahr haben sie und vor allem Brita Bredel um „ihre“ Linde gekämpft, die, ums noch mal zu resümieren, ja schon im letzten Frühjahr wegen eines grundfalschen Gutachtens fallen sollte. Sie haben sich mit Mitgliedern der BaL Fällkommando und Grünamtsmitarbeitern entgegengestellt, und nach deren Rückzug ein Gegengutachten bezahlt, doch obschon dieses ungleich detaillierter, fachlich substantieller und auch für Laien plausibler war, konnte das Amt ihm natürlich nicht einfach folgen, sondern musste deutlich höhere Summen in ein drittes Gutachten investieren. Das kam freilich zu keinem anderen Ergebnis: Auch für den Heidelberger Baumexperten Frank Rinn war der Baum standsicher, hatte wenigstens noch eine zehnjährige Lebensperspektive und sollte nicht mal eine Kroneneinkürzung, sondern lediglich eine Sicherungsverseilung erhalten.

Mahnwache 03

Mahnwache

Doch dann tat sich, wie berichtet, im Zwiesel unterhalb der Krone ein Riss auf, durch den das Regenwasser massiv eindrang. Frank Rinn, von Frau Bredel aufgrund des erheblichen Wasseraustritts im doch für gesund und intakt befundenen Stammbereich umgehend alarmiert, ferndiagnostizierte diesen Riss und riet dem Bezirksamt dringend, ihn zu verschließen, doch weder dessen Mitarbeiter noch die der Firma, die die Verseilung in der Krone vornahm, vermochten ihn aufzufinden. Mittlerweile gab’s allerdings vom Baumrevierleiter Lothar Frank, der einen ganzen Arbeitstag lang die Fällung persönlich beaufsichtigte − während er tags zuvor die Fällung einer, laut Angaben der für Pflegemaßnahmen beauftragten Firma [!] angeblich nicht mehr pflegenswert, weil abgestorbenen Rosskastanie am Paul-Lincke-Ufer 8a [s.u. und hier] von einer Mitarbeiterin per Telefon veranlassen ließ −, vom Revierleiter Frank also gibt’s gleich drei, vier unterschiedliche Versionen von der Art der Bemühungen um die Silberlinde und, wahrscheinlich auch durch den Dauerstress mit den Bürgern und der daher rührenden Überarbeitung, hat er inzwischen nach eigenem Eingeständnis selber den Überblick verloren. Die jüngste Story jedenfalls geht so: Die Firma hat zwar den Riss gefunden, aber leider keine Möglichkeit seiner „Abdeckelung“.

Leere

Leere hinter kaputtem Gitter

Im Winter jedenfalls sprengte der Frost den Stamm buchstäblich auf, und im April mochte der angereiste Sachverständige, der übrigens nur eine Minute brauchte, um den bewussten Riss im Zwiesel zu finden, nach erneuter Schalltomographie für die Verkehrssicherheit des Baumes nicht mehr garantieren. − Lothar Frank hat sich namens des Bezirks sogleich zu gründlichem Bodenaustausch und zur Nachpflanzung einer Silberlinde im Herbst bereiterklärt, doch der Verein BaL hat sich spontan entschlossen, sich nach diesem Trauerspiel und eklatanten Amtsversagen nicht mit einem schmächtigen Setzling abzufinden, der an dieser frequentierten Ecke ohnehin nur geringe Überlebenschancen hätte, sondern mit einer Spende den Schaden durch eine schon möglichst groß gewachsene Linde nicht nur zu begrenzen und besser zu kompensieren, sondern zugleich auch ein Zeichen für dieses leidenschaftliche und hartnäckige BürgerInnen-Engagement zu setzen, das unter den obwaltenden Umständen bitter nottut und sich auch durch solches Scheitern keinesfalls entmutigen lassen darf.

Fruchtkörper

Fruchtkörper an Linde Nr. 40, Reichenberger Str. 40

Die Holzfäller, die doch auch was von Bäumen verstehen, haben den AnwohnerInnen derweil versichert, die Linde wäre vom Pilz dermaßen geschädigt worden, dass sie einfach fällig gewesen sei. Bei solchen Kapriolen fällt’s den BürgerInnen schwer, die Fassung zu bewahren. − Das sogenannte Tiergartengitter um die Baumscheibe [s.o.], dessen Reparatur durchs Bezirksamt zu veranlassen sie neun Monate und zahllose Telefonate gekostet hat, wurde im Zuge der Fällung nun erneut demoliert.

Brita Bredel hat Jutta Kalepky einen bitteren Brief geschrieben und die Baustadträtin nun ihrerseits ein Gesprächsangebot gemacht, aber ein Termin steht noch aus:  zunächst müsse sie ihre Mitarbeiter hören −, will sagen: die fünfte Version… [Siehe auch Frau Bredels Kommentare.]

Fotos

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Reichenberger Linde 40 bedarf dringender Pflegemaßnahmen!

Die seinerzeit ebenfalls durch BürgerInnen-Einsatz vor der Fällung bewahrte Linde in der Reichenberger Str. 40, die an einem nicht fachgerecht ausgeführten Starkastschnitt von einem Weißfäule erregenden Pilz befallen ist, hätte Lothar Frank auch „gerne gleich mitgenommen“, denn während des warmen April haben sich große Fruchtkörper entwickelt. Der vom Amt beauftragte Baumsachverständige indessen sieht keinerlei Stand- oder Verkehrssicherheitsprobleme, riet aber vor über einer Woche die Entfernung der Fruchtkörper des Pilzes dringend an. − Ob das Amt hier auch eine „biologische Lösung“ beschleunigen will? − Nachtrag vom 1.6.09: Die Fruchtkörper wurden am 29.5. entfernt!

Rosskastanie Nr. 15

Gefällte Kastanie am Paul-Linke-Ufer 8a: Sekretärin erteilt telefonisch Fällgenehmigung

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1 Kommentar

  1. Oliver Ginsberg said,

    30. Mai, 2009 um 21:00

    Zumindest bei den zwei Reihen Linden, die jüngst vom Bezirk in der Dresdner Straße gepflanzt wurden handelt es sich nicht um schmächtige Setzlinge. Es scheint also durchaus noch Geld im Bezirk zu geben für Pflanzungen. Warum sollten ausgerechnet Bürger den Bezirk von seinen Verpflichtungen entlasten, der ja schon in fachlicher Hinsicht oft genug zu versagen und damit zusätzliche Baumopfer zu verursachen scheint?


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