Gewaltfrei am 1. Mai auf dem Mariannenplatz

Gespräch mit Bezirksbürgermeister Franz Schulz übers Kreuzberger Grün

Thomaskirche

Thomaskirche Mariannenplatz

Am 1. Mai in Kreuzberg − nach Maydayparade, aber vor Revolutionsdemo und etwas abseits des MyFest-Gedränges – nahmen wir auf dem Mariannenplatzfest der Grünen und Linken die Gelegenheit wahr, uns ein paar Takte mit Xhains Bürgermeister Franz Schulz zu unterhalten, der sich dort, unterm frugalen Baldachin trotz frühsommerlicher Temperaturen im dunklen Sakko stehend, traditionell für BürgerInnen-Gespräche bereithält. − Und dazu herrscht ja auch noch Wahlkampf.

Mariannenplatz

Große Bühne

Da bekanntlich hinter Finanz- und Wirtschaftskrise und von diesen fast verdeckt eine noch ungleich bedrohlichere, nämlich die ökologische mit irreversiblen Schäden dräut, sprachen wir nicht über Kapitalismus als Krise und das Grundeinkommen für alle, sondern zunächst über das Wäldchen auf dem Gleisdreieck, den naturschutzfachlich wertvollsten Teil dieser einzigartigen und inzwischen, wie berichtet, von der senatseigenen Grün Berlin GmbH schon weitgehend plattgewalzten Brache.

Investitionen in die grüne Infrastruktur!

Imbiss

Deutsch-türkischer Imbiss

Die BVV habe den Antrag der grünen Fraktionsvorsitzenden, Antje Kapek, ans Bezirksamt, sich bei Senatens für die Unterschutzstellung dieser Fläche als LSG einzusetzen, an die Ausschüsse für Umwelt und Stadtplanung rückverwiesen − „und da schmort er nun“; aber Franz Schulz ist dennoch zuversichtlich, dass dieses Ziel erreicht wird und zeigte sich nun überaus befremdet, dass der Zaun ums Wäldchen bereits vor Ostern niedergelegt worden ist und dadurch vor allem die Hundeschaft freie Bahn erhalten hat, das Geschäft der Bodenbrüter zumindest für diese Saison abrupt zu beenden. Auf die Frage, wer den Zaun denn umgelegt habe und vor allem warum, konnten wir nur wiedergeben, was wir von Vertretern der AG Gleisdreieck erfuhren: dass nämlich Beschäftigte der Senatsfirma hier ohne Vorankündigung tätig geworden seien und aus Kostenersparnis diesen stabilen Zaun zum Schutz des anzulegenden Naturerfahrungsraums einsetzen wollten. − Verschiedene von uns befragte GrünamtsmitarbeiterInnen wussten indessen von gar nichts.

„Das ist unser Wäldchen!“

Mariannenplatz

Mariannenplatz

Der Bürgermeister zeigte sich, soweit dies sein stoisch-gelassenes Naturell zuließ, ziemlich entrüstet − „das Wäldchen gehört uns, wir haben Pflege investiert, um die wertvollen Trockenrasen-Biotope vor Sukzession freizuhalten, und der Zaun gehört uns ebenso!“ Schulz stimmte der Forderung zu, dass der Zaun umgehend wieder am ursprünglichen Ort aufzustellen und am Ziel festzuhalten sei, ungeachtet des zu erwartenden „Drucks heterogener Nutzergruppen“ (so der Senats-Naturschutzbeauftragte, Prof. Kowarik) hier eine Art Kernzone vor ungehindertem Zutritt zu bewahren und allenfalls geführten Erkundungen zu öffnen, so dass der Bevölkerung auch auf diese Weise deutlich werde, dass sie hier eine ökologische Kostbarkeit in ihrer Nachbarschaft hätte; und die dürfe auch keinesfalls von gleich drei versiegelten Wegen durchschnitten und „erschlossen“ werden.

Oranienstraße

In der Oranienstraße

Schulz bekräftigte auch noch mal die Entwarnung für die interkulturelle Kleingartenkolonie POG mit ihren 50 Parzellen auf dem westlichen Teil des Geländes, die nun definitiv nicht einem Fußballstadion für den ebenfalls multiethnischen Fußballverein Türkyiemspor geopfert würden. Mit Körtings Offerte stehe dem Verein ja nun das Jahnstadion offen sowie nach wie vor die Trainingsfläche in Lichtenberg. Darüber hinaus teilt Schulz jetzt auch die weiteren Einwände, wonach sich das Gelände wegen seines Zuschnitts für zwei Fußballplätze schlecht eigne und diese noch dazu mit der Führung des sog. Generalszugs, also jener schon von Lenné und Hobrecht geplanten Ost-West-Verbindung, kollidiert wären. − Nun aber käme es darauf an, in der von ihm, Schulz, eingesetzten und geleiteten Arbeitsgruppe mit POG die Modalitäten zu verhandeln, um den Bebauungsplan so zu ändern, dass die Kolonie auf diesem Areal erst einmal Rechtssicherheit erhält und auch Bestandsschutz genießt und nicht durch irgendwelche künftigen Bauvorhaben verdrängt werden kann.

Franz Schulz beklagt die Kaputtpflege

Feuerwehrbrunnen

Feuerwehrbrunnen

Mit unserer vehementen Kritik an der allenthalben zu beklagenden „Grünflächenpflege“ mit der Kettensäge, den inmitten von Vegetations- und Brutperiode vorgenommenen sog. Verjüngungsschnitten eine Handbreit überm Boden u.dgl.m. rannten wir beim Bürgermeister offene Türen ein. Er teilt sie vollumfänglich und steuerte eigene Beobachtungen bei, zum Beispiel ausgerechnet im östlichen, naturnäher gestalteten Teil des Görli, doch all die HundehalterInnen, die diesen schönsten Teil des Parks als ihr Auslaufgebiet reklamieren, davon zu überzeugen, ihre Lieblinge anzuleinen oder wenigstens am Aufscheuchen der im Schilfgürtel des Teichufers brütenden Wasservögel zu hindern, sei eine Sisyphos-Arbeit, vor der das Ordnungsamt schon kapituliert habe.

Ähnlich muss es um die Aufgabe bestellt sein, den Paradigmenwechsel in der Grünflächenpflege, der sich in theoretischen Verlautbarungen ja längst abzeichnet, bei den MitarbeiterInnen vor Ort auch praktisch werden zu lassen. — Als Stefan Ziller von der Grünen-Fraktion unlängst im Abgeordnetenhaus eine Anfrage zu Art, Anzahl und Dauer von entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen stellte, wurde ihm seitens Staatssekretärin Krautzberger nicht eine einzige inhaltliche Antwort zuteil. Diese Dinge lägen in der Zuständigkeit der Bezirke, und eine diesbezügliche Recherche würde den Rahmen einer Kleinen Anfrage sprengen.

Der Klimawandel als Herausforderung für Stadtplanung und BürgerInnen-Beteiligung

Im Luisenstädtischen Grünzug

Im Luisenstädtischen Grünzug

Wir können also nur hoffen, dass angesichts sich häufender Wetterextreme und Hitzeperioden einerseits die Verantwortlichen die stadtplanerische Notwendigkeit der verstärkten Anlage, Pflege und Entwicklung Schatten und Feuchtigkeit spendender Alleen und Grünzüge erkennen, um das Kleinklima zu verbessern und kühlere Schattenzonen für jede(n) in max. zehn Minuten fußläufig erreichbar zu machen; und dass sich andererseits mehr und mehr BürgerInnen, vor allem auch die jüngeren, für ihr Grün unmittelbar verantwortlich fühlen. In Trockenzeiten beginnt das mit dem täglichen Eimer Wasser für den Straßenbaum vor der Haustür, und dabei geht’s ja nicht etwa um spleenige Obsessionen wie Stadtnatur- und Artenschutz, sondern schlicht und ergreifend um unser aller Gesundheit und Lebensqualität.

Los geht's

Und los geht's!

Als frierende Streetfighter nächtens auf einer traditionell dafür genutzten Görli-Wiese ein großes Feuer entfachten, verzichtete die Staatsgewalt auf Löschversuche und eine Schlacht im Park − freilich wohl weniger um dessen als um die eigene Unversehrtheit besorgt.

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1 Kommentar

  1. 6. Mai, 2009 um 22:16

    …ja ja, der immerzu besorgte bürgermeister.
    hat immer ein offenes ohr.
    während das andere sicherheitshalber zu bleibt,
    wegen der kettensägen z.b.

    als offenbar gesellschaftlicher paria (weil hundehalter),
    muß ich mir auch hier wieder erzählen lassen, daß das
    feine ordnungsamt, das nur seine gesamtgesellschaftliche
    vorzügliche pflicht erfüllt, den „görli“ praktisch aufgegeben hat.
    + somit die „bodenbrüter“ zuschanden gemacht werden.
    (das ordnungsamt terrorisiert die leute bis weit in die abendstunden,
    von wegen „aufgabe“!)
    ich kann mir nicht vorstellen, daß in dieser riesenmüllkippe auch nur
    eine maulwurfsgrille brütet.
    + muß hochgradig aufpassen, daß mein köter (der wohl unter keinen
    artenschutz fällt…) sich nicht dauernd die pfoten aufhackt und
    am grillabfall erstickt.

    jetzt wird die nächste bürgermeisterliche gartenkitsch-front eröffnet:
    der alfred-döblin-platz unter meinem fenster wird demnächst erledigt.

    ich kann nur jedem empfehlen die höheren orts betriebenen gestaltungs-
    vorschläge auf sich wirken zu lassen.
    jetzt wird anscheinend die „niederlage“ des spießbürgervereins luisenstadt
    in der sache „pappeln“ und grünzug luisenstädtischer kanal doppelt und dreifach kompensiert…
    (der entwurf, der von irgendeiner „jury“ bevorzugt wurde, stapelt den ganzen platz mit granitstelen voll + auf der prominentesten steht dann
    via hinweispfeil: „schloß berlin“…“schloß dresden“ km-angaben…)

    vielleicht kann man ihnen ja auch hier noch rechtzeitig die hölle heiß machen.

    besten gruß, jürgen irmer


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