Gleisdreieck-Tragödie stoppen!

Integration durch Desintegration?

Pflaster+Gleise

Rausgenommen: Großsteinpflaster und Gleise

Unterdessen hat die Zerstörung der schönsten Bahnbrache Berlins im Auftrag der Senatsverwaltung ihren Fortgang genommen und wird womöglich mit vom Bezirk beantragten überbezirklichen Geldern in Höhe von 5,5 Mio Euro (die also nicht aus dem Konjunkturpaket II stammen, wie es zunächst in der Presse hieß) auf die einzige und auch noch multikulturelle Kleingartenkolonie F’hain-Xbergs im Westen des Geländes ausgedehnt. 50 Parzellen der 24 Ethnien entstammenden Mitglieder der Kolonie Potsdamer Güterbahnhof (POG) sollen ausgerechnet der Anlage eines Fußballstadions für den ursprünglich türkischstämmigen, aber längst multiethnischen Verein Türkyiemspor planiert werden. Nur die im nordwestlichen spitzwinkligen und deshalb für Sport unattraktiven Zipfel liegenden 12 Parzellen erhalten Bestandsschutz. Das eine bedeutsame Integrationsprojekt soll wegen eines bedeutenden anderen zunichte gemacht werden. (Und wir denken natürlich an die Rosa Rose, wo der Bezirk vor Jahresfrist schon mal mit bedauerndem Schulterzucken der Zerstörung einer als gelungenes Integrationsprojekt gelobten multikulturellen Kleingartenkolonie zugeschaut hatte.)

Kirschblüte

Kirschblüte nahe "Möckernpromenade"

Widersprüchliche Pressemeldungen in taz und MoPo in der ersten Aprilwoche deuten auf unzureichende Absprachen zwischen Sigrid Klebba, Leiterin der Abt. Bildung und Sport im Xhainer Bezirksamt, und ihrem Pendant beim Senat, Staatssekretär Härtel. Denn nun werden dem Fußballclub, der dreißig Jahre vergeblich nach einem eigenen Platz suchte, gleich deren drei angeboten: von Bürgermeister Schulz die Kleingartenanlage, von Innensenator Körting der Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg und vom Bezirk Mitte das Poststadion an der Lerther Straße. Obwohl der erfolgreiche Regionalligist längst ein gesamtstädtischer Verein ist, sieht er seine Wurzeln in Kreuzberg, weshalb das Gleisdreieck wohl erste Wahl wäre; die „Mielke-Arena“ (Volksmund lt. taz) könnte dem Training der A-Jugend und der Herrenmannschaft dienen.

Fußball statt Kleingärten?

Gegen das Gleisdreieck-Gelände spräche aber außerdem noch die allzu große Nähe zur Wohnbebauung in der Bülowstraße. Auch die Führung des sog. Generalszuges, jener schon von Lenné geplanten Ost-West-Verbindung zwischen Kreuz- und Schöneberg, Horn- und Bülowstraße, träfe nach der Fernbahntrasse auf ein weiteres Hindernis und wanderte endgültig zurück ins Archiv.

[Verspäteter Nachtrag (27.4.): Schon in einer Ausschusssitzung am 22.4. hatte Franz Schulz aus den genannten Gründen − Körtings Jahn-Stadion-Offerte und die Kollision der Fußballplätze mit dem „Generalszug“ − den sogenannten Teilungsbeschluss, der die baurechtliche Voraussetzung fürs Angebot an Türkyiemspor schaffen sollte, zurückgezogen. − Näheres im Gleisdreieck-Blog.]

Der Vorschlag, Fußballplätze in jenen Bereich C zu verlagern, den der Loidl-Entwurf für die große Wiese vorsieht, und zugleich durch den Erhalt des Kleingarten-Biotops so ökonomisch wie irgend möglich mit den A&E-Mitteln zu haushalten, indem sie statt für Entschädigungsleistungen für den Park verwendet werden können, stößt auf den Widerspruch des genannten Atelier Loidl, das eine zu große Modifizierung seiner Planung befürchtet.

Als würde die nicht fortwährend modifiziert, wenn es nur um Beräumung der Vegetation geht! So soll jetzt die sog. Möckernpromenade entlang der gleichnamigen Straße dreißig Meter breit und mit einer wassergebundenen, pflegeleichten Decke versiegelt werden. Das Großsteinpflaster ist bereits heraus genommen und angeblich nur die abgestorbene Vegetation, aber man kann sich unschwer vorstellen, was von dem „großen vegetativen Rahmen“, den der ursprüngliche Wettbewerbsbeitrag, aber auch noch der Vorentwurf von 2007 vorsah, übrig bleibt, wenn die Kehrmaschine kreisen soll.

Ein alter Beiratsbeschluss

Im Wäldchen

Im Wäldchen

Entgegen den Absprachen und allen Protesten fiel just zu Beginn der Brutperiode der Zaun ums naturschutzfachlich wertvollste und Herzstück des Areals: das sog. Wäldchen. Die Hunde hatten ihre Freude am Aufspüren der Bodenbrüter wie Zilpzalp und Fitis, die nun eben dort keine Brutvorkommen mehr haben. − „Das ‚Wäldchen‘ soll prioritär nach Zielen des Naturschutzes und der Naturerfahrung entwickelt und gepflegt sowie den Parkbesuchern im Rahmen von Führungen behutsam erlebbar gemacht werden“, hieß es dazu noch im Beschluss des Sachverständigenbeirats für Naturschutz und Landschaftspflege und stammt aus einer anderen Zeit, nämlich 2005. Jetzt hört sich der Naturschutzbeauftragte des Senats, Professor Kowarik, ganz anders an, sieht den Nutzungsdruck stärker werden, die Nutzergruppen heterogener, so dass es unmöglich sei, das auf dem Schöneberger Südgelände praktizierte Ruderalkonzept aufs Gleisdreieck zu übertragen. Hier „etwas zu machen und zu sagen, das hat Bestand, ist unrealistisch“, weiß Kowarik heute.

Protest des BUND

Niedergelegter Zaun

Niedergelegter Zaun vorm Wäldchen

Der BUND protestierte derweil in einem Schreiben an Senatorin Junge-Reyer u.a. gegen die Zerschneidung des Wäldchens von drei sechs bzw. drei Meter breiten Betonwegen und die damit verbundene weitgehende Öffnung der für den Natur- und Artenschutz wesentlichen Fläche und fordert eine Rückkehr zum ergebnisoffenen Dialog mit den BürgervertreterInnen. Als erstes Ergebnis des Briefes ist ein Gespräch mit der Senatsverwaltung geplant, bei der die offenen Konfliktpunkte und die Bilanz der bisherigen Bürgerbeteiligung diskutiert werden sollen (insbesondere die Themen Wäldchen, Blumenwiese, Möckernpromenade). Daran sollen auch die BürgervertreterInnen beteiligt werden.

Antrag der Grünen

Nächsten Dienstag (28.4.) stellt die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Antje Kapek, einen Antrag in der Xhainer BVV, der das Bezirksamt auffordert, sich für eine Ausweisung des „Wäldchens“ als Landschaftsschutzgebiet (LSG) einzusetzen sowie zur einstweiligen Sicherstellung für die Verhängung eines Veränderungsverbots gemäß § 23 NatSchGBln. Frau Kapek geht davon aus, dass auch die Fraktionen von SPD und Linken diesem Antrag zustimmen. − Man wird sehen, was das Bezirksamt in dieser Frage vermag.

Mäusebussard

Mäusebussard am Technikmuseum

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2 Kommentare

  1. 26. April, 2009 um 0:15

    […] Beach-Volleyballer sind nun auch nicht mehr da, wo sie mal waren. Aber im Gegensatz zu Zilpzalp, Fitis und Konsorten, die ja keine Pacht entrichten, braucht man sich um ihren Fortbestand wohl keine Sorgen zu machen […]

  2. hugoz said,

    28. April, 2009 um 10:15

    komisch, dass man die informativeren beiträge zum gleisdreieck auf dieser seite und anderen seiten findet. auf den seiten der bi gleisdreieck steht nur allgemeines und belangloses und was die eigentlich wollen steht da auch nicht.
    ich muss mir das mal dort direkt ansehen. das muss ja ein richtiges naturgemetzel gegeben haben.


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