Überhängende Baumkronen machen die vorhergesehenen Probleme

BaumschützerInnen-Info vom 08.11.08

Betonklötze dürfen nicht auf Kosten der gesicherten Bäume beseitigt werden!

Wie schon vor über einem halben Jahr vorausgesehen − nicht zuletzt von einer engagierten Mitarbeiterin des Grünflächenamts F’hain-Kreuzberg −, kann bei der Einpressung der temporären Spundwände nicht durchgängig nach der Standardmethode verfahren werden, es sei denn, man beseitigt mit Brockelmanns monströsen Betonwürfeln, die auf insgesamt 370 m Uferlänge 22 angeblich umsturzgefährdete Bäume sichern, erhebliche Kronenteile dieser Bäume gleich mit. Wie berichtet, soll der Rückbau dieser aufwendigen, teuren, baumschädigenden und vor allem unnötigen „Sicherungsmaßnahme“ vom Sommer 2007 in den nächsten Wochen dadurch ermöglicht werden, dass wasserseitig eine temporäre stählerne Spundwand aus 12 m langen Bohlen in die Kanalsohle gepresst und der Zwischenraum zur maroden Ufermauer hin verfüllt oder anderweitig stabilisiert wird. Dann sei die Gefahr des Abrutschens der Mauer und anschließenden Umkippens der ufernahen Bäume (Linden, Kastanien, Weiden etc.) gebannt.

Möglichkeit der Stückelung war Voraussetzung der BI-Zustimmung  zur Spundwand-Lösung

Selbstschreitende Presse

Selbstschreitende Presse auf Startbohlen

Das Mediationsforum und namentlich die BI hatten dieser Lösung nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass vor allem jene Bäume, deren Kronen übers Ufer hängen und dadurch abgesehen von ihrem ökologischen Wert auch einen höchst ästhetischen aufweisen, keinen dauerhaften Schaden nähmen. Wenn eine 12 m lange Stahlbohle ca. 1,5 m vor der Ufermauer eingepresst werde, sei dies aber zweifellos zu erwarten. Diese Bedenken konnten schließlich dadurch zerstreut werden, dass verantwortliche Mitarbeiter von WSD und WSA inklusive des Amtsleiters Scholz und des leitenden Ingenieurs Biewald an den neuralgischen Stellen die Möglichkeit einer Stückelung der Bohlen und anschließenden Aufständerung und Verschweißung als technisch machbar bezeichneten. Da bei einer Halbierung der Teile jedoch immer noch eine Arbeitshöhe von ca. 8 m erforderlich ist, wurde auch eine Drittelung als praktikabel dargestellt und eine statische Beeinträchtigung explizit verneint. Auch mehrere verschweißte Bohlen nebeneinander einzubringen, sei durchaus machbar.

Im Vergleich war Kampfmittelsondierung wie Trockenski

Kampfmittelräumung

Kampfmittelsondierung

Schon bei der vorausgehenden Kampfmittelsondierung und -räumung (KMR) [siehe hier] war der auf Vorschlag der BI vom WSA beauftragte Baumsachverständige, Dr. Barsig, der die Arbeiten aus Baumschutzperspektive überwacht und die nötigen Maßnahmen des ausführenden Baumdiensts GvL koordiniert und beaufsichtigt, gezwungen, neben der Rückbindung von ins erforderliche Lichtraumprofil hineinragenden Ästen und Zweigen auch Rückschnitten und Einkürzungen zuzustimmen. Diese waren aber durchweg moderat, indem sie größtenteils nur Fein- und Schwachäste sowie Zweige betrafen, was für die Vitalität der betroffenen Bäume ohne Bedeutung bleibt. So konnten die Arbeiten zur KMR nach den vom Forum einvernehmlich beschlossenen baumschonenden Vorgaben erfolgreich durchgeführt werden [siehe auch hier].

Standardverfahren muss im Bedarfsfall baumverträglich modifiziert werden!

Seilzugkran

Seilzugkran beim Einschwenken der 12-m-Spundbohlen

Um nun die eigentlichen Arbeiten: die Verpressung der Spundbohlen anzugehen, mussten zunächst die Bäume neu vermessen werden, und zwar weniger, weil der Laubfall die Lage der Äste verändert hat, sondern weil das erst jetzt näher beschriebene Standardverfahren ganz andere Anforderungen an den Arbeitsraum/das herzustellende Lichtraumprofil stellt als die KMR: Für die selbst schreitende Presse sind nämlich zunächst einmal so genannte Startbohlen einzubringen − und zwar acht an der Zahl: wie gesagt, 12 m lang und jeweils 60 cm breit, mithin auf einer Länge von ca. 5 m −, und diese Bohlen können erstens nicht gestückelt und müssen zweitens durch einen 24 m hohen Seilzugkran vertikal eingeschwenkt werden, ohne dass es hier Mobilitätsspielräume und Abweichungsmöglichkeiten vom Lotrechten gäbe. Und wurde drittens der Abstand in Vorgesprächen mit 1,45 m beziffert, also schon deutlich geringer als etwa im Fall des Riedel-Anlegers Kottbusser Brücke die geplante dauerhafte Spundwand vom Maybachufer (nämlich 1,75 m), so erklärte nun der Vertreter der beauftragten Wasserbaufirma Mette, dass am Tempelhofer Ufer sogar ein Abstand von nur 1,25 m nötig sei. Je geringer der Abstand, desto größer der Durchmesser der in den Arbeitsraum ragenden Äste: Für überhängende Baumkronen wahrlich böse Aussichten! − Das Einpressen einer Bohle mit der selbst schreitenden hydraulischen Presse [siehe oberes Foto] sei prinzipiell auch in beengten Verhältnissen möglich. Der größte Raumbedarf bestehe beim Einschwenken der Spundbohlen aus großer Höhe.

Spray-Markierung

Spray-Markierung der Ast-Schnittstelle

Der vom WSA zur Verfügung gestellte Multilinienlaser konnte bei den Baumvermessungen allenfalls eine Orientierungshilfe bieten, indem er das benötigte Raumprofil in der jeweiligen Baumkrone ja nur optisch markiert und eine fotografische Dokumentation (ohne Tages- und Blitzlicht) zu ungenau bleibt, um als Arbeitsrichtlinie für die Baumpflegefirma auszureichen. Deswegen wurden von einer auf einem wasserseitigen Ponton stehenden Hebebühne aus die entsprechenden Stellen auf den Ästen mit Farbspray markiert, gilt es doch, im Starkastbereich nicht noch mehr als unbedingt nötig zu opfern, um möglicherweise fatale Konsequenzen für Vitalität und Statik der betreffenden Bäume zu vermeiden.

Baumschutz gehört nicht zur Kür

Multilinienlaser

Multilinienlaser

Die Beschlusslage des Forums jedenfalls ist eindeutig: die Maßnahmen sind so baum- und astschonend wie nur möglich durchzuführen, und dieser Grundsatz wurde auch in jener Arbeitsbesprechung Anfang November bekräftigt. Amtsleiter Scholz sprach sich, was Eingriffe in den Baum- und Vegationsbestand anlangt, im Forum wiederholt für eine „minimalistische Lösung“ aus.

Kommunikation kann nur besser werden!

Wenn aber derzeit die ausführenden WSA-MitarbeiterInnen geradezu gedrängt werden müssen, VertreterInnen der bezirklichen Grünflächenämter wie der BI vor Ort überhaupt noch mit einzubeziehen; wenn Mitarbeiter vor Ort davon schwadronieren, dass eine Stückelung der Spundbohlen statisch gar nicht möglich sei, da „jede Schweißnaht eine Sollbruchstelle“ bedeute, weshalb ein solches Verfahren von den Prüfingenieuren keinesfalls genehmigt würde; ja dass, weil die Böschungen ja ohnehin „ganz neu aufgebaut“ werden müssten, die ufernahen Bäume insgesamt nicht zu retten seien; und wenn − wie schon des öfteren − angebliche technische Sachzwänge wie die Problematik der nicht stückelbaren Startbohlen, der erforderten Arbeitshöhe von 24 m, des nunmehr auf 1,25 m geschrumpften Abstands der Spundwand von der Unterkante der Ufermauer u.dgl.m. immer nur kleckerleweise auf den Tisch kommen −, dann muss sich uns der Verdacht aufdrängen, dass neben dem geforderten ganzheitlichen Herangehen an die Kanalsanierung nun peu à peu auch noch der Baumschutz von der Pflicht in die „Kür“ (Scholz) abdriftet.

Dann aber hätten wir namentlich die Linden am Tempelhofer Ufer nicht quasi mit unseren Leibern vorm Fällkommando zu retten brauchen; dann hätten sie nicht auf Steuerzahlers Kosten aufwendig mit Beton und Eisen „gesichert“ werden müssen; dann würde das noch ungleich aufwendigere Mediationsverfahren gerade in seinem Kernbereich − der Aushandlung der baumverträglichsten Sanierungsvariante − perspektivisch ad absurdum geführt!

Rosskastanie Corneliusufer

Rosskastanie Corneliusufer mit Verlauf des potentiell notwendigen Lichtraumprofils

Für die gesicherten Kastanien entlang von Herkules- und Corneliusufer in Mitte (Abschnitte 1 und 2) hat der Leiter des dortigen Baumreviers und Forumsmitglied, Wolfgang Leder, bereits eine pauschale Schnittgenehmigung erteilt, was bei den meisten, durch vorauseilende Schnittmaßnahmen ohnehin schon vorgeschädigten Bäumen auch vergleichsweise unproblematisch sein mag, so dass von einer Stückelung der Spundbohlen abgesehen werden kann. Doch bei einer noch vitalen und ungesicherten Rosskastanie am Corneliusufer (Nr. 82), die keinerlei Schadsymptome aufweist, deren übers Wasser reichende Krone jedoch geradezu halbiert werden müsste, empfiehlt der Baumsachverständige Barsig eine Stückelung, am besten Drittelung der Bohlen.

Am Tempelhofer Ufer (Abschnitt 4 − vis-à-vis Shell-Tankstelle) wurden nach den Angaben des Vertreters der Fa. Mette sowie der entsprechenden Genehmigung seitens der Vertreterin des Grünflächenamts F’hain-Kreuzberg, Frau Tonn, dort, wo Startbohlen in voller Länge einzubringen sind, eine zuvor spraymarkierte Weide sowie eine Linde moderat zurückgeschnitten bzw. die in den Arbeitsraum hineinragenden Äste und Zweige mit elastischen Kletterseilen zurückgebunden. − Auch in Abschnitt 5 (westlich des Fußgängerübergangs zum U-Bahnhof Möckernbrücke) konnten die ins erforderliche Lichtraumprofil reichenden Äste zweier Linden nach der bewährten Methode weggebunden werden. Will sagen, bei allseitig gutem Willen lassen sich durchaus technische Kompromisslösungen finden.

Gerettete Linden besonders gefährdet

Starkastschnitt

Potentielle Starkast-Schnittstellen in älterer Linde, Tempelhofer Ufer

Im Abschnitt 6 jedoch, wo eben jene vier Linden und der Eschenahorn stehen, die wir seinerzeit vor Fällung bewahren konnten, zeigte bereits die Laser-Projektion, dass vor allem bei den älteren Linden erhebliche Starkastschnitte erforderlich wären. Diese Problematik sei nun aber wirklich seit einem halben Jahr bekannt, erklärte Frau Tonn, und sei schon damals anhand von Bildmaterial dokumentiert worden; sie werde diese Schnittmaßnahmen jedenfalls nicht genehmigen, sondern sehe weiteren Gesprächsbedarf, und nicht etwa hier vor Ort zwischen den unmittelbar Beteiligten, sondern im Arbeitskreis Kurzfristige Maßnahmen und danach im Mediationsforum.

Ein Fall fürs Forum

Da insbesondere nach den Erfahrungen an Herkules- und Corneliusufer das Auftreten dieser Schwierigkeiten abzusehen war, hatte die BI bereits vor zwei Wochen auf die Einberufung des genannten AK gedrungen, so dass Mediatorin Voskamp schließlich am 11.12. „kurzfristig“ auch eine Sitzung anberaumt hat. Am 15.12. wird das Mediationsforum zum 13. Mal tagen, so dass wir dann die beschriebenen Schwierigkeiten ausreichend substantiiert werden vortragen können, um sie hoffentlich im Sinne des verabredeten größtmöglichen Baumschutzes auch gemeinsam zu lösen. Dabei sollten wir uns vor allem vor Augen halten, dass es jetzt nur um 370 m Ufer und um insgesamt 19 betroffene Bäume geht, dass aber noch weitere zehn zu sanierende Uferkilometer vor uns liegen − mit wer weiß wie vielen ufernahen, in den Arbeitsraum ragenden Bäumen; deren Zahl wäre endlich einmal zu bestimmen! Und noch eins dürfte jetzt schon klar sein: die vom WSA am Maybachufer favorisierte, aber nicht zum Einsatz kommende Variante Riedel II (= Plass IV), welche die Einpressung der Spundbohlen durch den Magerbetonkörper der Ufermauer hindurch vorsieht, kann bei ufernahem Baumbestand ebenfalls keine Verwendung finden. Die vielen grünen Icons sind da irreführend.


À propos:  Paar Videos aus alter Zeit finden sich hier.

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