Die versteckte Ausstellung

BürgerInneninititativ Bäume für Kreuzberg

Ein Augenzeugenbericht

So ganz scheint das Bezirksamt seiner Fähigkeit, eine ausgewogene Ausstellung zu einem brisanten Thema zusammenzustellen, nicht zu trauen. Vorgestern (5.11.) eröffnete die Friedrichshain-Kreuzberger Baustadträtin Jutta Kalepky eine Ausstellung möglicher Entwicklungsvarianten des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals (eLK) im zweiten Geschoss des Rathauses Kreuzberg. [Siehe auch hier.] Nach ungefähr einer Stunde, als das ca. 20köpfige Publikum bereits die Heimreise angetreten hatte, wurden die Stelltafeln allerdings in einen kleinen Nebenflur geschoben, der durch eine Glastür (ACHTUNG: „Bitte elektronischen Türöffner betätigen!“) gesichert ist. Dort können sich nun die BürgerInnen, durch das Stöhnen stressgeplagter Beamter in den angrenzenden Amtsstuben akustisch eingerahmt, über alte und neue Pläne sowie Rahmenbedingungen, Leitbilder und Bürgerumfragen informieren. Selbstverständlich konnte eine Bezirksamtszuarbeiterin auch gleich eine Begründung für das Versteck abgeben: Denn dummerweise ist nun auf dem 2. Geschoss zeitgleich eine Ausstellung rein künstlerischer Natur. Nun hätte sich zwar noch das 1. Geschoss angeboten, aber womöglich ist es mit solch schwerer Behördenkost nicht belastbar.

Um nun wirklich sicher zu gehen, dass kein normal Sterblicher diese Ausstellung je zu sehen bekommt, gibt es gerade einmal zwei DIN-A4-Zettel im Hause, die auf eine derartige Ausstellung überhaupt hinweisen (aber bitte keine Raumnummer, Wegeskizze o.ä.- Danke!), während draußen vor dem Gebäude ein leerer, beleuchteter Schaukasten vor sich hin gähnt. Und auch eine Ankündigung auf den zahlreichen thematisch passenden Webseiten des Bezirksamtes verbietet sich von selbst.

Wer hier an Unfähigkeit denkt, wird jedoch bitter enttäuscht: Wie sich recht schnell nach einigen Gesprächen und Nachfragen herausstellte, ist doch diese Ausstellung gar nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht (wie konnten wir nur davon ausgehen…). Weit wichtigere Besucher dieses Gebäudes sind in den Augen des Bezirksamtes die politischen VertreterInnen der Öffentlichkeit. Denn die sitzen schließlich am alles entscheidenden Hebel, vor ihnen muss sich das Bezirksamt verantworten, sie fällen in den ersten Tagen des Dezember die Entscheidung über die Zukunft der jetzigen Gestaltung.

Die eigentliche Ausstellungseröffnung geriet nun wenig spektakulär. Artige Danksagungen wurden zwischen den diversen bezahlten Kräften ausgetauscht, und die Baustadträtin lobte die gelungene, nicht immer einfache BürgerInnenbeteiligung, die nach schlängelnder Wegstrecke schließlich doch noch ein Ziel gefunden hätte, wenn auch nicht das eigentlich vom Amt gewünschte, nämlich einen einvernehmlichen Kompromiss zwischen allen Beteiligten. Leicht berauscht ob dieser Leistung stellte sie dann sogar in Aussicht, die erfolgte BürgerInnenbeteiligung zum Modell für künftige Vorhaben zu küren. (Einige vermuteten daraufhin, dass doch irgendwo Alkohol ausgeschenkt wurde, aber trotz intensiver Suche konnte die Quelle nicht ermittelt werden). Nun, wir wollen nicht hoffen, dass Kreuzberg dauerhaft so tief sinken kann.

Das Highlight des Abends war sicherlich der Auftritt des Herrn Zimmermann (the man with the 6 thinking hats) von der Firma Zimkom. Als der ganze Prozess schon fast am Scheitern war, blieb dem Bezirk nur der Einkauf von Kommunikations-Knowhow auf dem freien Markt. Zimkom brachte es schließlich tatsächlich fertig, greifbare Ergebnisse zu produzieren, die dem Bezirk belastbar genug erscheinen, auch einen Platz in der Ausstellung zugebilligt zu bekommen. Das Bildbändchen ist eine wirklich fesselnde, vollständige Sammlung der abfotografierten Stellwände, die während des legendären BürgerInnenbeteiligungszirkus am 20.9. entstanden sind, unterbrochen einzig durch Zusammenfassungen, die den Lesenden zum besseren Verständnis dienen sollen. Es ist sicher nicht vermessen zu erwarten, dass Zimkom sich zu einer beachtlichen Größe im Bezirk mausert, ähnlich dem großen Vorbild Stattbau mit seinem allgegenwärtigen „Flaggschiff“ Marion Schuchardt.

Das Schöne an dieser Ausstellung: Jede Betrachterin und jeder Betrachter hat hier die Möglichkeit, den Inhalten eine eigene Sinnhaftigkeit anzudichten, wie sich im Verlauf des Abends zeigte. Geht es thematisch bei den letzten beiden Stelltafeln um die Präsentation der aktuellen 4 verschiedenen Pläne, deren Vergleichbarkeit durch ein Tabellenraster hergestellt werden soll, interpretierte ein anwesendes Ehepaar die Darstellung als historischen Verlauf von Planungsvarianten bis hin zum letztendlichen Kompromiss, wie er als 4. Planvariante gezeigt wird. Dies ist nun allerdings die Variante „Erhalt“ [TOPOS-Zeichnung, 800 KB] der BI BÄUME FÜR KREUZBERG, die auf diese Weise als Kompromiss interpretiert wird. Wir dürfen gespannt sein, welche Interpretationsmöglichkeiten im Laufe der Ausstellung sich noch ergeben werden, nachzulesen im ausliegenden „Gästebuch“, in das die BesucherInnen ihre Meinungen, Anregungen und Kritik verewigen dürfen. Bei soviel Interpretationsspielraum dürfen wir dann doch von einer echten Ausstellung sprechen, allerdings einer, die der Ausstellung im 2. Geschoss nicht unähnlich ist: Sie sollte als Kunstausstellung beurteilt werden.

Wer hingegen die echte Ausstellung besuchen möchte, die die Gesamtproblematik des geplanten Umbaus des Grünzuges darstellt, muss sich ins Quartiersmanagement „Kottbusser Tor“ in der Dresdner Str. 12 begeben. Hier erläutern Dienstags von 16.00 – 18.00 Uhr und Freitags von 13.00 – 15.00 Uhr kompetente MitarbeiterInnen der BI gerne die verschiedenen Sachverhalte und Problemstellungen, in die das Thema eingerahmt ist. Und auch dort liegt ein „Gästebuch“ aus, das für die politisch Verantwortlichen im Bezirk Grundlage für ihre, die weitere Zukunft unseres Grünzuges betreffende Entscheidung sein wird. Wir bitten alle Interessierten, diese letzte Möglichkeit der legalen Einflussnahme wahrzunehmen.

aufgeschrieben von Benno

Und noch mal die allgemeinen Öffnungszeiten des „QM Kottbusser Tor“, während derer die Ausstellung, die noch bis zum 21.11. zu sehen sein wird, besichtigt werden kann:

Mo & Do 10 – 16 Uhr; Di 10 – 18 Uhr; Fr 10 – 15 Uhr
Dienstags von 16 bis 18 Uhr und freitags von 13 bis 15 Uhr
stehen Euch BI-VertreterInnen vor Ort gerne Rede und Antwort.

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