Auch die 5. Redaktionssitzung brachte keinen Konsens

BürgerInnen-Inititative Bäume für Kreuzberg

Ausstellung der konkurrierenden Varianten ab dem 5. November

Luisenstädtischer Grünzug

Die fünfte war zugleich die letzte Redaktionssitzung zur Entwicklung zweier Kompromiss-Varianten für die Umgestaltung des Luisenstädtischen Grünzugs. Das Treffen führte nicht zu dem einen Konsensentwurf, wozu der langwierige Arbeitsgruppen- und Redaktionsprozess ja eigentlich dienen sollte, sondern die Variante „Denkmal“ mit Berücksichtigung von BürgerInnenwünschen einerseits, die Variante „Bestand“ mit Aufnahme von Elementen der 30er-Jahre-Gestaltung andererseits nebst je einer Untervariante werden ab 5. November sowohl im Rathaus als auch im Quartiersmanagement Kottbusser Tor ausgestellt und stehen, im Hinblick auf noch mögliche Anregungen und Einwände seitens der BürgerInnen ggf. noch modifiziert und zu entsprechenden Bauplanungsunterlagen (BPU) verarbeitet, nach einer gemeinsamen Sondersitzung von Umwelt- und Stadtplanungsausschuss Ende des kommenden Monats schließlich für die Bezirksverordneten zur Entscheidung. − So weit hätten wir auch schon vor einem halben Jahr sein können.

Lingenaubers Leier

BürgerInnenversammlung

BürgerInnenversammlung am 21. April '08

Der Vertreter des Landesdenkmalamts (LDA), Klaus Lingenauber, der sich nach seinem spektakulären Abgang aus dem Arbeitsgruppenprozess im vergangenen Sommer noch einmal mit BürgervertreterInnen zusammensetzte, beharrte erneut auf den Grundzügen jener Planung von 2006, die zwar in seinen Augen bereits ein Kompromiss* zwischen Denkmalpflege, Bezirks- und Bürgervertretern war, doch bekanntlich von der überwältigenden Mehrheit der ca. 150 TeilnehmerInnen der BürgerInnenversammlung vom 21. April nachdrücklich zurückgewiesen worden ist. Diese BürgerInnen empfanden sich vom Bürgerverein Luisenstadt, der seinerzeit die Bürgerbeteiligung zugleich organisierte und darstellte, offenbar nicht repräsentiert.

Ortstermin

Ortstermin

Lingenauber bekräftigte auch jene Rahmenbedingungen, die zwar erst nachträglich zwischen Denkmalschutz und Politik ausgehandelt worden seien, aber gleichwohl verbindlich wären, namentlich wo sie eine „weitgehende Freilegung des Gartendenkmals“ aus der Weimarer Spätzeit fordern. Und Freilegung meint vor allem Tieferlegung. Dass die BürgerInnen, die am 20. September in der Planungswerkstatt auf dem Oranienplatz und entlang des Grünzugs ihre Anregungen, Ideen und Positionen äußern sollten, diese Rahmenbedingungen nicht einmal kannten (ebenso wenig wie z. B. Bürgermeister Schulz), tut nichts, ja war wohl gar nicht gewünscht, denn als BI-VertreterInnen während der Veranstaltung die BesucherInnen darüber informierten, unterstützten sofort wieder ca. 160 Menschen mit ihrer Unterschrift die Forderung, auf die denkmalgerechte Umgestaltung des Grünzugs zu verzichten, nachdem die BI den Sommer hindurch fast 1000 Unterschriften von BesucherInnen der Anlage gesammelt hatte, die sich für den Baumerhalt und gegen eine Tieferlegung aussprachen.

Betonköpfiger Denkmalschutz

Immer wieder wurde von der Kompromissbereitschaft, ja der „Öffnung“ des Denkmalschutzes gesprochen, obwohl wir aus unserer Mühe, sie zu erkennen, kein Hehl machten. Nun nannte es Klaus Lingenauber einen schweren Herzens angebotenen Kompromiss, nahe Waldemarbrücke nicht auf beiden Seiten die Pappeln zu fällen, sondern nur auf der östlichen, wo sie mit dem Trafohäuschen und den „Klamotten“ aus Granit „beräumt“ werden sollen. Auch auf der westlichen Seite jedoch, wo die sechs Pappeln und der Eschenahorn einer biologischen Lösung entgegenharren dürfen, müsse gleichwohl was geschehen, damit die Linde auf dem Gehweg nicht weiter bedrängt würde, und dazu die Birke auf dieser Seite auch noch weg −, aber insgesamt könnten ja „80 Prozent“ der Bäume stehen bleiben. Hier sei für ihn „Ende der Fahnenstange“. Der BI aber sei es doch um die Bäume gegangen, weshalb es von ihrer Seite nun „nicht ehrlich“ sei, sich der Tieferlegung zu verweigern, sondern bloß ihre mangelnde Kompromissbereitschaft zeige.

Neben Baumschutz geht’s um Erhalt des Charakters unserer Anlage, Nutzungsqualität und Quartiersidentität!

Vielleicht suggeriert ja der der Name der BI, dass es ihr nur um Bäume geht (es geht ihr natürlich auch um den Baumerhalt und zwar zu 100 Prozent!), aber neben dem Erhalt des Baum- und Strauchbestands ist es den Bäumen für Kreuzberg, wie aus zahlreichen ihrer Publikationen ersichtlich, immer auch um den Erhalt des Charakters der Anlage gegangen, den sie in den 80er Jahren unter breiter BürgerInnenbeteiligung erhalten hat und der mit wilden Pappeln und Sträuchern, großen Granitfelsen und mäanderndem Weg den Geist dieser Zeit atmet, der so ganz anders ist als jener, welcher die rekonstruierte Gestaltung des Grünzugs in seinem im Bezirk Mitte liegenden Teil durchherrscht. Nicht zufällig dort, wo früher die Mauer verlief, befindet sich noch immer eine Zäsur.

Drachenbrunnen am O'platz

Drachenbrunnen am O'platz

Anfangs meinten wir, dass hier, ab Waldemarbrücke, von den 30er Jahren in die 80er und in die Gegenwart aufgetaucht werden sollte, doch machen nun das Zugeständnis, dass die Freifläche nach dem Muster dessen gestaltet wird, was sich uns jenseits der Brücke darbietet: dass also parallel einander gegenüber je drei Bänke nach historischem Vorbild und noch je eine mit der Lehne zu den Brückenlagern aufgestellt, die alten Mauern restauriert und Hochbeete angelegt werden, ja die BI führte im Anschluss an die Ortsbegehung lange Diskussionen, ob dort, wo jetzt seitliche Treppen und eine Rampe von den Straßen herabführen, wenn man auf die Treppen verzichtete, Spielraum für ein authentisches Zitat entstünde, nämlich die aus Kalkstein gemauerten Banknischen auf historischem Niveau, was 50 bis 90 cm Tieferlegung bedeuten würde. Allein es geht nicht. Die Graniteinfassungen der jetzigen Treppen würden den Übergang völlig unmotiviert erscheinen, die Banknischen kaum zur Wirkung kommen lassen, die Felsen müssten zusätzlich abgestützt werden, Vegetation würde unter den dann nötigen Aufschüttungen verschwinden, vor allem aber würde die Steigung hin zum Drachenbrunnen auf der verbliebenen Strecke mit 4 bis 5 Prozent zu steil und jedem entspannten Flanieren den Garaus machen.

Genau diese Problematik, so war Frau Bergande vom Planungsbüro TOPOS gleich zu Beginn der Sitzung entschlüpft, habe man mit dem Denkmalschutz erörtert und deswegen die Idee einer Teiltieferlegung verworfen, denn dann ginge es vom Drachenbrunnen aus „in eine Schlucht hinab…“ − Daher war es nicht allzu schwer zu durchschauen, dass Lingenauber, indem er plötzlich genau dies zum weiteren Kompromissvorschlag erklärte und damit eine lange Diskussion über Treppen mit vier oder sechs Stufen, Rampen und Terrassierungen anstieß, nicht etwa der BI entgegenkommen, sondern ihr gewissermaßen seitlich ausweichen wollte.

Landesdenkmalamt als oberste Genehmigungsbehörde

Umgekehrt vermochte das weitere Angebot der BI, die Eingangssituation vom Drachenbrunnen aus repräsentativ und gemäß historischem Vorbild mit Einfassungsmauern und entsprechender Bepflanzung zu gestalten, den Denkmalschützer nicht von seinem stereotyp vorgetragenen Dogma abzubringen, dass „ohne Tieferlegung keine Planung genehmigungsfähig“ sei. Ohne das Plazet des LDA aber wird wiederum Frau Mineif von SenStadt, wie sie mit dankenswerter Offenheit bekannte, keine Mittel aus dem Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz für die Sanierung des Luisenstädtischen Grünzugs freigeben, und damit werde es zu der doch auch von den BürgerInnen gewünschten Qualitätsverbesserung nicht kommen, beeilte sich Frau Schuchhardt von Stattbau nachzuschieben. Frau Mineif hat sich mit dieser Haltung quasi als Antipodin ihrer Vorgängerin, Frau Krutzsch, geoutet, indem sie Denkmalgerechtigkeit zum alleinigen Förderkriterium und das LDA zur obersten Genehmigungsbehörde erhebt.

Vor allem aber sei noch einmal betont, dass Tieferlegung und Baumfällungen für die allermeisten NutzerInnen der Anlage gerade keine Qualitätsverbesserung, sondern im Gegenteil eine erhebliche Beeinträchtigung hinsichtlich Aufenthaltsqualität, Nutzungsfreundlichkeit, Quartiersidentität und damit Akzeptanz bedeuten würde und auch eine Fällung von nur 20 Prozent des Baumbestands ökologisch fragwürdig ist.

Diskreditierung von BürgerInnen-Engagement

Infostand der BI

Infostand der BI

Was die BürgerInnen mit notwendigen Verbesserungen meinen, bezieht sich, wie die überwältigende Mehrheit der Voten eindeutig belegt, auf Nachpflanzungen, fachgerechte Pflege, ausreichende Wässerung und Müllbeseitigung! Dies wiederum an die Zustimmung zur Wiederherstellung einer Gestaltung zu knüpfen, über deren „Wert andere befinden“ (Lingenauber), grenzt an Entmündigung und Erpressung. Schwer erträglich wurde das elitäre Gehabe des Denkmalschützers wie auch des anwesenden Vertreters des Bürgervereins Luisenstadt, als beide den VertreterInnen der Quartiersräte von Mariannenplatz und Kottbusser Tor sowie der BI das Recht bestritten, für die Mehrheit der BürgerInnen zu sprechen − dies täte im Gegenteil der genannte Verein – und kurzerhand alle Information, Öffentlichkeitsarbeit und BürgerInnenbefragung als Agitation und Demagogie abtaten. „Auf Sie will ich gar nicht zugehen“, tönte Lingenauber zum allgemeinen Befremden gar in Richtung einer BI-Vertreterin und fragte eine Quartiersrätin rhetorisch: „Für wen sprechen Sie denn schon?“ (Hier hätte man sich ein klares Wort von Seiten des Moderators Zimmermann gewünscht.) − Wir dürfen jedenfalls zurückfragen, wo denn die vielen BürgerInnen waren, die der Bürgerverein zu repräsentieren meint, als sie während der Planungswerkstatt am 20.9. um ihre Meinung gefragt wurden? Für eine denkmalgerechte Wiederherstellung fanden sich gerade mal 8 (acht) Voten…

Allerletztes Kompromiss-Angebot der BI

BürgerInnen-Information

BürgerInnen-Information

Als allerletztes Kompromiss-Angebot bietet die BI − mindestens ebenso schweren Herzens! − eine Begradigung des Mittelwegs mit Flankierung von insgesamt sechs Originalbänken an. Eine Tieferlegung und Baumfällungen sind mit uns jedoch nicht zu machen! Frau Bergande von TOPOS wird nun, wie gesagt, insgesamt vier Varianten-Pläne erstellen, zwei für die Denkmalrekonstruktion mit Berücksichtigung von BürgerInnenwünschen, zwei für die Erhaltung des Bestands mit Aufnahme von Elementen der 30er-Jahre-Gestaltung.

Die Ausstellung wird am 5. November um 17.30 Uhr eröffnet und bis voraussichtlich 21.11.08 im Rathaus Kreuzberg (Flur 2. Etage) sowie im Büro des Quartiersmanagements Kottbusser Tor in der Dresdener Str. 12 gezeigt. Wir laden schon jetzt alle Interessierten herzlich und nachdrücklich ein, die Pläne zu begutachten und ihre Einschätzungen und Änderungsvorschläge in den ausliegenden Gästebüchern zu Protokoll zu geben!


*Sehr aufschlussreich, als Moderator Zimmermann diese Variante als die des Denkmalamts bezeichnete und ihn Lingenauber unterbrach: „Die war auch schon ein Kompromiss − so war die Sprachregelung…“

3 Kommentare

  1. xonra said,

    24. Oktober, 2008 um 9:20

    „Für wen sprechen Sie denn eigentlich?“ Dieser Satz des Herrn Lingenauber spricht für sich und zeigt, dass die Denkmalschutzbehörden, also der Senat von Berlin und deren Vertreter antiquierte (wenig schützenswerte) Vorstellungen von Bürgerbeteiligung haben.

  2. Claudia Peter said,

    24. Oktober, 2008 um 12:38

    Die größte Frechheit der ach so kompromissbereiten Denkmalschützer besteht ja darin, dass die westliche Pappelgruppe an der Waldemarbrücke – das einzige Zugeständnis, das sie „den Baumschützern“ in ihrem bereits abgelehnten Entwurf erneut machen – laut Lingenauber auch nur vorübergehenden Charakter haben soll. Sobald die Bäume aus irgendwelchen Gründen gefällt werden müssen – und nach allem, was war, kann man sich lebhaft ausmalen, wie bald das sein wird – wird auch dieses letzte Fragment der 80er-Jahre-Planung platt gemacht. Spätestens dann leidet der Kanal, der laut der angeblich so „historisch versierten“ Denkmalschützer „das Gedächtnis der Luisenstadt“ sein soll, nicht nur an Teil- sondern an Großteil-Amnesie (Gruß an Birgitt!). Vergessen die Mauer, vergessen die Hausbesetzer, die ihn davor gerettet haben, zur Autobahn zu werden, vergessen die 80er, in denen der Grünzug unter beispielhafter Bürgerbeteiligung teilweise von den Anwohnern selbst so gestaltet wurde, wie er jetzt ist. Bis auf ein Stück Baller (vielleicht) soll er sich – und alle, die in ihn hinabsteigen – offenbar nur noch an die „goldene Ära“ zwischen 1928 und 1945 erinnern.

  3. Anuschka Guttzeit said,

    28. Oktober, 2008 um 19:16

    Die Forderungen der überwältigenden Mehrheit der AnwohnerInnen und BürgerInnen in Bezug auf die Gestaltung des Luisenstädtischen Grünzugs sind eindeutig:
    1. Langfristiger Erhalt des Baumbestandes sowie des Charakters des Grünzugs, der in den 80er Jahren mit vorbildlicher Bürgerbeteiligung geschaffen wurde.
    2. Keine Sichtachsen.
    3. Keine Tieferlegung um 1,60 m. Niemand will in einem tiefen „Angstloch- Kanal“, der abends nicht beleuchtet wird, spazieren gehen.

    Die BürgerInnen dürfen also gespannt sein wie die von ihnen gewählten BVVler Ende November abstimmen werden. Nicht vergessen sollten die Abgeordneten:
    Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung geht davon aus, dass gesundheitsgefährdende Hitzeperioden in Zukunft zunehmen werden.
    „Berlin bekommt die Klimaerwärmung stärker zu spüren als andere Gegenden“, sagt auch Jörn Welsch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. In den dicht bebauten Innenstadtbereichen werden die Temperaturen nach oben gehen. Asphalt, Beton und Pflaster erhitzen sich tagsüber und kühlen nachts nur langsam ab. Deshalb wird der vorhandene Baumbestand künftig noch dringender zur Umgebungskühlung und zum Spenden von Schatten benötigt werden. Jeder Baum wird auch als CO2-Filter gebraucht.
    Ist es nicht viel wichtiger, sich im Sinne des innerstädtischen Klimaschutzes zu entscheiden als für den anachronistischen Denkmalschutz in Gestalt von steinernen Banknischen, Treppen und Tieferlegung?
    Die Umgestaltung des Luisenstädtischen Grünzuges nach dem Willen des Landesdenkmalamts würde viel Geld kosten. Die überwältigende Mehrheit der AnwohnerInnen lehnt sie ab.


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