Kreative Zerstörung?

Geführter Sonntagsspaziergang durch einen werdenden Park

Interessierte

Eine sehr inforeiche, erhellende Führung übers Gelände des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs und  des im Bau befindlichen neuen Parks veranstaltete Norbert Rheinlaender von der BI Parkgenossenschaft Gleisdreieck vergangenen Sonntagnachmittag (12.10.). Etwa zwanzig Interessierte folgten den Ausführungen des seit Jahrzehnten für die Grüntangente und die Grüne Mitte kämpfenden Bürgerengagierten.

Die Arbeiten von Grün Berlin, der senatseigenen „Park und Garten GmbH“, zur Umsetzung des im Wettbewerb knapp siegreichen Loidl-Entwurfs sind seit Mai in vollem Gange. Bauzäune säumen die Fläche, wo nun keine große Kreuzberger Wiese, wie mal geplant, sondern nur ein großer Rasen entstehen wird, eingerahmt von einem Randstreifen mit Bäumen und bunt gemischtem, artenreichem

Spontanaufwuchs

Spontanaufwuchs

Spontanaufwuchs, wie es bereits die Ausschreibungsbedingungen vorsahen, doch um den Erhalt von ein paar Einzelbäumen inmitten des Rasens musste hart gerungen werden. Tartan-Bahnen quer übers Gelände waren noch knapp zu verhindern, doch im Fall der schwarzen bzw. gelben Asphaltdecke der für Radfahrer- und FußgängerInnen getrennten Hauptwege in nordsüdlicher Richtung gelang dies nicht. Die Finanzierung der 30 Mio. Euro teuren Brücke von Grün zu Grün auf der schon von Lenné gedachten Linie zwischen Horn- und Bülowstraße, Kreuz- und Schöneberg, die vor allem die den Park zerschneidende Fernbahntrasse überwinden soll, steht weiterhin in den Sternen.

Aushub

Anlage Großer Rasen

Berge von Sand und abgetragenem Erdreich türmen sich auf der ehemaligen Baulogistikfläche für den Potsdamer Platz, und Kinder stürmen fröhlich die Gipfel. Der Bodenaustausch ist fast abgeschlossen, nur noch eine letzte Schicht wird aufgebracht: dann kann die unverwüstliche „Berliner Tiergartenmischung“ eingesät werden.

Rosenduft

Interkultureller Garten Rosenduft

Im Verein südost Europa Kultur e.V. organisierte Menschen aus den Kriegsregionen des Balkans unterhalten den interkulturellen Garten Rosenduft. Für dessen neuen Standort nahe Yorckbrücken, so sei noch mal erinnert, wurden gleich zu Baubeginn ca. 50 Bäume unterschiedlicher Größe geopfert, ganz ohne Absprache mit den BürgervertreterInnen, was ihrem Vertrauen in Grün Berlin nicht eben zuträglich war. Vis-à-vis des Rosenduft findet sich der Bienengarten von Imker Thomas Handschuh. Jeden Tag wird in den Gärten gewirkt, und Gäste sind willkommen. Auf dem Weg dorthin passieren wir Dutzende kleiner Tafeln, auf denen Alexandra Toland, eine Vertreterin der Environmental Art, insgesamt über 100 der auf dem Gelände zu findenden Wildkräuter detailversessen portraitiert hat, doch Witterungs- und andere Umwelteinflüsse haben sich inzwischen ebenfalls eingezeichnet. Naturmaterialien und Vorstufen zu Artefakten eines Bildhauers liegen verstreut, und Rheinlaender erzählt, dass in den Herbstferien jeweils für einige Tage SchülerInnengruppen beim Spiel im Naturraum angeleitet werden und sich auch durchaus am Schaffen des Künstler beteiligen dürfen.

Pflanzenportrait

Pflanzenportrait

Im größtmöglichen Erhalt dessen, was sich in den langen Jahrzehnten der Brache auf diesem Areal inmitten der Großstadt und zugleich fernab (systematischer) menschlicher Nutzung hat entwickeln können und was namentlich Kindern einen einzigartigen Naturerfahrungsraum bietet, liegt die eigentliche Herausforderung, und bei der Verteidigung der sog. Vegetationsinseln ist zähe Hartnäckigkeit angesagt. Die günstige Wirkung auf Sozialverhalten und Gewaltprävention, wenn Kinder in möglichst frühem Alter selbstbestimmt, also unbeaufsichtigt und unbemuttert und ohne, dass irgendwelche Gerätschaften dazwischenträten, in solchen Naturräumen spielen können, sei lange bekannt, betont Rheinlaender, und erst kürzlich wieder Gegenstand einer vom Fachforum Soziale Stadtentwicklung veranstalteten Tagung zum Thema „Wildnis für Kinder − Realisierungschancen für Naturerfahrungsräume in Berlin“ gewesen, an der auch etliche VertreterInnen der Bezirksämter teilgenommen hätten.

Doch die praktische Umsetzung solcher Erkenntnis stößt zumal hierzulande auf mannigfache Schwierigkeiten. Es beginnt bei der Verkehrssicherungspflicht, die in Parkanlagen, anders als im Wald, aus Sicherheitsgründen z. B. das ständige Entfernen von Totholz aus den Baumkronen erzwingt, und endet beim Totschlagsargument der Bodenkontamination durch Altlasten, die es verbiete, Kleinkinder auf den wunderbar dicht verwachsenen „Vegetationsinseln“ spielen zu lassen, da sie bei der und der durchschnittlichen Tagesration aufgenommenen Erdreichs im Jahresverlauf den und den Grenzwert zulässiger Schadstoffbelastung überschritten hätten. Einen Ausweg bietet hier vielleicht die Aufbringung einer 10-cm-Schicht unkontaminierter, sozusagen genießbarer Erde. − Probleme werden auch in der möglichen Kampfmittelbelastung, in der Verletzungsgefahr durch Schrott und Metallteile, aber auch Dornen, giftige Beeren und eben herabfallende Äste gesehen.

Ausblick vom Stellwerksturm

Ausblick vom Stellwerksturm

Das sog. Wäldchen soll mit Metallgittern nach dem Vorbild des Natur-Parks auf dem Südgelände durchwegt werden. Über das Schicksal des Zauns, der es seit vielen Jahren, wenn auch mit Lücken, streckenweise malerisch überwuchert, umgibt, ist noch nicht entschieden. Angesichts der exorbitanten Hundedichte − viele HalterInnen kommen auch von weiter her, um die Lieblinge hier toben und dabei ihre Geschäfte verrichten zu lassen − spricht allerdings viel dafür, dass er stehen bleibt: geschützte Rückzugsräume für Vögel und Kleinsäuger werden bald Mangelware sein, und überhaupt steht zu hoffen, dass Grillbegeisterte das „Wäldchen“ nicht in Bälde abfackeln. Auf eine Unter-Schutz-Stellung wurde aber u. a. deshalb verzichtet, um es für Freizeitnutzung uneingeschränkt zugänglich zu halten, führt Rheinländer aus, eine Begründung, die sich uns nicht recht erschließt: Ein anzustrebender Schutzstatus muss ja nicht gleich der einer mit Betretungsverbot bewehrten „Kernzone“ sein. − NaturwächterInnen (dt. Pendant für Ranger), die Auskünfte geben können und ohne Zwangsmittel für die Einhaltung der Regeln sorgen sollen, wollen die Parkgenossenschaftler am liebsten selber ausbilden, damit ihr Anforderungsprofil erfüllt werde.

Es gibt noch mancherlei Aspekte, Konfliktfelder und Unwägbarkeiten, auf die wir hier nicht eingehen können. Ein Hauptproblem des Loidl-Entwurfs und seiner Umsetzung aber besteht laut Rhainländer in der mangelnden Bereitschaft solcher „Wettbewerbs-Planer“, vom Bestand auszugehen, seine Potentiale zu erkennen und das ungeplant Gewachsene konzeptionell in die Gestaltung zu integrieren. Alles soll am besten neu entstehen, und sei’s um den Preis, dass ein ganzes Gebiet seinen einzigartigen Charakter verliert. Um ihn zu schützen und zu erhalten, bedarf es noch großer Anstrengungen! Alle Interessierten sind herzlich zu einem Besuch des werdenden Parks eingeladen, was zu jeder Jahreszeit lohnt und immer neue Entdeckungen verspricht.

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