Großer Tag des Landwehrkanals 2008

Rückschau auf einen gelungenen Tag

Paddelparade

Paddelparade

Paddelparade 08 (Start am Urbanhafen)

Ein voller Erfolg war dieser Erste Große Tag des Landwehrkanals am vergangenen Sonnabend und hat spektakulär sein Ziel erreicht: dem Kanal und seinen Ufern kurz vor Wiederaufnahme der komplizierten Mediationsverhandlungen auch mal in angenehmer Weise wieder öffentliche Aufmerksamkeit zu erringen! „Landwehrkanal für Alle!“ hieß die Parole, mit der eine bunte Armada von rund dreißig auspufflosen Wasserfahrzeugen − Schlauch-, Paddel-, Ruder- und Solarboote in groß und klein − für zweieinhalb Stunden die Probe aufs Exempel machte und demonstrierte, was auf diesem Glücksfall von innerstädtischer Wasserstraße so alles möglich ist, wenn sich die Dieselpötte der Fahrgastschifffahrt vorübergehend nicht gar so breit machen.

The Beez

Solarkatamaran mit The Beez

Die TeilnehmerInnen zu Wasser, die ZuschauerInnen zu Lande − alle waren sichtlich begeistert. Lautlos, wie von Geisterhand trieb die Sonne das Musikschiff an, auf dem The Beez unplugged mit Songs von Nirvana bis Queen die PaddlerInnen anfeuerten, die Menschen an den Ufern und auf den dichtbestandenen Brücken erfreuten und dazu nicht wenige an die Fenster der ufernahen Häuser lockten. Die Spätsommersonne half aber auch in herkömmlicher Weise nach Kräften, und eine milde, vergnügte, wohlig relaxte Atmosphäre umfing die Parade vom Urbanhafen bis zum Studentenbad.

Paddelparade

SiegerInnen-Schlauchboot im Vordergrund

Die Wahl fiel nicht leicht, doch schließlich kürte die Jury auf dem VIP-Solarboot ein liebevoll geschmücktes gelbes, von zwei bunt perückten weiblichen Wesen bewegtes Schlauchboot zum originellsten Wassergefährt.

Die Organisation klappte reibungslos, auch weil das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) rasch und ohne Fisimatenten die nötigen Genehmigungen erteilt hat. Vor- und Nachhut bildeten unbürokratisch zur Verfügung gestellte WSA-Boote, da wegen gleichzeitiger Veranstaltungen Polizeiboote nicht abkömmlich waren, und auch ein DLRG-Boot vom Roten Kreuz wurde für geringes Entgelt in den Dienst der guten Sache gestellt. Zum Glück kam es aber zu keinerlei Zwischenfällen. Die vorgeschriebenen HelferInnen beim Ein- und Ausstieg waren zur Stelle und packten auch unermüdlich an, wenn es ums Anlanden der Boote ging. So waren Teilnehmer- wie ZuschauerInnen gleichermaßen fasziniert, und während jene fast durchweg versicherten, auch im nächsten Jahr wieder mitzutun, erklärten viele von diesen, dann aber auch dabei sein zu wollen. − Wir möchten uns bei allen, die zum Gelingen dieses Großen Landwehrkanals beigetragen haben, ganz herzlich bedanken!

Paddelparade

Paddelparade 2008

Podiumsdiskussion

Etwa 120 BesucherInnen waren der Einladung zur abendlichen Podiumsdiskussion über die Zukunft des LWK ins Umspannwerk gefolgt, jener Stätte, von der das Mediationsverfahren vor Jahresfrist seinen Ausgang nahm − und es sei angemerkt, dass die Zusage regelmäßiger öffentlicher Veranstaltungen innerhalb des Mediationsverfahrens durch diese, von BI/Verein Bäume am Landwehrkanal organisierte Podiumsdiskussion nach, wie gesagt, einem Jahr zum ersten Mal eingelöst wurde − aber dergleichen gehört ja, wie uns schon mehrfach sowohl von VerwaltungsvertreterInnen als auch von den MediatorInnen selbst erklärt wurde, mehr oder minder zu den vornehmsten Aufgaben einer BI…

Podiumsdiskussion

Das Podium:  Daniel Boese, Tilman Heuser, Björn Böning, Franz Schulz, Katrin Lompscher, Thomas Menzel und Christian Ströbele (v.l.n.r.)

Auf dem Podium saßen die Schirmherrin unserer Veranstaltung, Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Die Linke), Björn Böning, Ex-Juso-Vorsitzender und Mitglied im SPD-Parteivorstand (in dieser Runde aber nicht als Senatsvertreter, sondern ganz privat!), Franz Schulz, Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg (B’90/Die Grünen) und sein Parteifreund, MdB Christian Ströbele, sodann Tilman Heuser, Landesgeschäftsführer des BUND und last not least Thomas Menzel, Präsident der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost.

Daniel Boese, Redakteur beim Stadtmagazin zitty, moderierte die Diskussion, und ihm oblag zum Auftakt der Debatte auch die schwierige Aufgabe, den Stand des Mediationsverfahrens zu skizzieren. Der BI Bäume am Landwehrkanal wäre hier Neutralität naturgemäß schwer gefallen. Die MediatorInnen, die wir dies zu übernehmen gebeten hatten, waren leider terminlich verhindert.

Absagen hatte es auch von Seiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und − wieder einmal − aus dem Verkehrsministerium gegeben. Dieses aber vertritt vor Ort nach eigener Aussage ausreichend WSD-Chef Menzel, doch es ist schade, dass die für solche Planungsaufgaben auf Landesebene zuständige Institution es wieder nicht für nötig hielt, sich in der Frage Gesamtplanung für den LWK − ja oder nein? endlich einmal öffentlich zu positionieren. Überraschenderweise sagte auch die Berliner Reederschaft eine Teilnahme ab.

Auditorium

Das Auditorium

Da die BI es überhaupt vorzog, die Debatte aus der Perspektive des Publikums zu verfolgen und anschließend zu den verschiedenen Fragenkomplexen Statements abzugeben, saßen auf dem Podium nur Leute, die am Mediationsverfahren selbst gar nicht teilnahmen, was Christian Ströbele denn auch gleich monierte.

Sehr erfreulich aber war, dass sich sämtliche DiskutantInnen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, gegenüber der Idee eines Masterplans zur zukunftsfähigen Sanierung des LWK aufgeschlossen zeigten. Thomas Menzel bestätigte die positive Einstellung der Abteilung Städtebau im BMVBS und dass die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, wenn auch ihr Zuständigkeitsbereich insgesamt weit überschritten werde, dennoch ihr Teil beitragen werde, wenn denn der Senat die Federführung übernehme. Die Herren Hildebrandt (WSD) und Scholz (WSA) seien inzwischen dort vorstellig geworden, und auf der kommenden 10. Sitzung werde der Abteilungsleiter Stadt- und Freiraumplanung, Rainer Nagel, dem Mediationsforum berichten, was SenStadt in diesem Planungsprozess beitragen könne. − Auf alternative, umweltverträgliche Schiffsantriebe angesprochen, verwies Menzel auf Verkehrsminister Tiefensees Begeisterung angesichts der Erprobung der Brennstoffzellentechnologie auf der Personenfähre „Alsterwasser“ sowie sein Bestreben, die Übergangsfristen bei der Implementierung der EU-Abgasgrenzwerte für die Binnenschifffahrt zu verkürzen.

SPD-Mann und Wowereit-Vertrauter Böhning bekräftigte, der politische Wille des Senats, jetzt die Federführung zu übernehmen und zu handeln, müsse endlich geweckt werden, und wies ansonsten neben den intolerablen Dieselabgasen auch auf die Lärmemissionen der fossilen Schifffahrt hin, die schleunigst zu vermindern dringender Handlungsbedarf bestehe.

Befragt, was das Mediationsverfahren, woran ja auch sein Verband beteiligt sei, bewirken könne, erinnerte Tilman Heuser vom BUND zunächst an das Landschaftsrahmenprogramm des Senats, worin schon vor Jahren z. B. von einem grünen Radwanderweg entlang des Kanals die Rede gewesen sei, von Erhöhung der Lebens- und Erholungsqualität, Förderung der Stadtnatur und dgl. − geschehen sei indessen nichts. Das Mediationsverfahren mit seiner Versammlung der verschiedensten Zuständigkeiten böte hier zumindest neue Chancen, so z. B. zwischen Herkulesbrücke und Halleschem Tor Straßenland für Stadtnatur und Freizeitnutzung zurückzufordern, ohne dabei Konflikte mit Lobbyisten von ADAC bis IHK zu scheuen.

Umweltsenatorin Lompscher sicherte schon mal das Engagement ihrer Behörde zu, wenn auch nicht mehr in Größenordnungen wie am Spreebogen, sondern, auch angesichts der Pleite in der Wasserstadt Oberhavel, mit Augenmaß. Vor allem dürfe es keine Vereinbarungen zu Lasten Dritter geben, womit wohl die Reeder gemeint waren. Im Hinblick auf deren emissionsreiche Dieselflotte verwies sie auf ein senatsgefördertes Testprogramm spezieller Rußpartikelfilter, an der nun drei Schiffe der Reederei Stern und Kreis teilnähmen und sprach sich dafür aus, den Einbau solcher Filter im Binnenschifffahrtsaufgabengesetz auch verbindlich zu regeln.

An einen zitty-Aufmacher vom Frühsommer anknüpfend, fragte der Moderator nach der Perspektive Baden im Kanal, doch hier sah die Senatorin, die dereinst selbst noch im Studentenbad geplanscht haben will, keine Priorität: Das aufwendige Sanierungsprogramm der Berliner Wasserbetriebe, das vor allem auf Erhöhung der Rückhaltekapazität der Kanalisation und dadurch Minimierung der Mischwasserentlastungen abziele, werde 2015 abgeschlossen, ohne freilich schon Baden zu ermöglichen. Solche Ziele könne man allenfalls nach 2020 anvisieren.

Auch was die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie der EU betrifft, meinte Frau Lompscher offenbar, überzogene Erwartungen dämpfen zu müssen, so als erstrebe die BI oder wer auch immer, den Kanal in ein natürliches Gewässer zu verwandeln, seine Uferbefestigungen zu schleifen und ihn mit Schilfgürteln zu säumen.

Da bei einer Masterplanung neben dem Senat vor allem auch die fünf betroffenen Bezirke initiativ werden müssen, erklärte Bürgermeister Schulz seine Bereitschaft, nicht nur den Masterplan mitzutragen, sondern, wie übrigens schon einmal, wenngleich mit mäßigem Erfolg versucht, das Vorhaben im Rat der Bürgermeister einzubringen und die übrigen vier Bezirksbürgermeister mit ins Boot zu holen. Schulz würdigte das Verdienst der BI, von Anbeginn über die rein technische Sanierung hinausgedacht und auf einer Gesamtbetrachtung beharrt zu haben, nämlich auf Dingen wie Wasserqualität, Grüne Lunge, Erholungsnutzung und die vielfältigen Entwicklungspotentiale. Ein Masterplan müsse auch dazu dienen, die Zielkonflikte zu regeln, Zuständigkeiten zu klären und einen zeitlich terminierten Maßnahmenkatalog aufzustellen.

Und was den Schiffsverkehr angehe: Einbau von Filtern in Dieselmotoren reiche hier bei weitem nicht! Im Osthafen der BEHALA z. B. würden demnächst zwei Servicestellen für Solartaxibetriebe eingerichtet, dazu Anleger entlang der Spree. Das gleiche müsse auch am LWK passieren, um eine sanfte, emissionsfreie Mobilität zu ermöglichen, doch dies erfordere nicht zuletzt bei der Genehmigungspraxis, woran WSA wie Senat ja gleichermaßen beteiligt sind, eben einen integrativen Ansatz.

Wiebke + Ströbele

Vereinsvorsitzende Enwaldt und MdB Ströbele auf Solarboot

Hier sekundierte Parteifreund Ströbele, der von der Solarbootfahrt während der Paddelparade schwärmte, vom lautlosen Dahingleiten, das immer dann jäh gestört werde, sobald eins dieser dieselbetriebenen Fahrgastschiffe lärmend aufkreuze und einem zumal unter einer Brücke schlicht die Luft zum Atmen raube. Dies dürfe nicht so weitergehen, und der Kreuzberger Abgeordnete kündigte Anfragen der grünen Bundestagsfraktion zur Rechtslage in punkto Binnenschifffahrt und Umweltzone sowie eine entsprechende Gesetzesinitiative an.

Durch die Bank also Befürwortung des Masterplans, was den BI-VertreterInnen, welchen angesichts der vorgerückten Zeit nun doch keine Gelegenheit mehr für Statements blieb, schon wieder verdächtig vorkam. Gefragt, wie es denn nun um die Finanzierung der berühmten Vorstudie für einen Masterplan stehe − die am 21. Januar von Tjark Hildebrandt (WSD) als „vertrauensbildende Maßnahme“ zugesagte Summe zur Entwicklung einer innovativen Variante kann haushaltstechnisch für eine solche Studie nicht zur Verfügung gestellt werden −, antwortete Menzel sybillinisch, hier sei ein „innovativer Antrag“ vonnöten…

So legten BI-Mitglieder nochmals Wert auf die Feststellung, dass sie mit dieser Veranstaltung die vereinbarte und überfällige Rückspiegelung des Verfahrens in die Öffentlichkeit geleistet haben, bedauerten das Fernbleiben von genuin für Stadtplanung Verantwortlichen sowohl der Bundes- wie Landesebene und übergaben deshalb stellvertretend und nur symbolisch der Umweltsenatorin und Schirmherrin dieses Großen LWK-Tags, Karin Lompscher, ein „Modell“ jener Postkarte, die, bereits rund 4000 Mal verteilt, den Verantwortlichen, nämlich Bundesstädtebauminister Tiefensee und Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer signalisieren soll, dass Berliner- wie BesucherInnen eben keine nur denkmalgerechte Sanierung der Ufermauern im Interesse der Dieselschifffahrt wünschen, sondern eine ganzheitliche Sanierung im Interesse Aller!

Feuerdusche

Feuerdusche

Dann aber begann vorm Umspannwerk mit spektakulärem Feuerzauber des Zirkus Amalgam und Eddie Egal der bunte Teil der Veranstaltung. Kabaret-Einlagen unter Publikumsbeteiligung folgte gefährlich anmutende Feuerakrobatik, und als Höhepunkt tanzte eine leicht bekleidete Schöne graziös unter der Feuerdusche. Die ZuschauerInnen schienen derart gefesselt, dass sie sich nur zögerlich ins Innere des Gebäudes zurückbegaben, als Singer-Songwriter Rob Longstaff stimmgewaltig und mit virtuoser Akustikgitarre das Live-Musik-Programm eröffnete…

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