Kampf um Kreuzbergs Bäume

Alte Silberlinde gerettet!

Fehlerhaftes und schon 1 Jahr zurückliegendes „Gutachten“ hätte Baum fast das Leben gekostet

Silberlinde Nr. 40

Silberlinde Reichenberger Str. 40

Heute morgen (15.8.) in aller Frühe konnten Mitglieder von BI/Verein Bäume am Landwehrkanal und ein Anwohner die über 100jährige Silberlinde in der Reichenberger Str. 40 in Kreuzberg (vorerst) retten! Der Baum war nach einem bereits ein Jahr [!] alten Gutachten der Fa. Kusche und Partner wegen akuter Bruchgefährdung aus Sicherheitsgründen zur Fällung vorgesehen, doch selbst der Vorarbeiter des Fällkommandos war verblüfft, als ihm gezeigt werden konnte, dass das vom 29.09.2007 datierende sog. Gutachten (abgesehen vom vermutlichen Namen des Baumpilzes) textidentisch war mit jenem, das im Frühjahr fast zur Fällung der Silberlinde in der Reichenberger 98 geführt hatte, wenn sich nicht auch hier AnwohnerInnen und Mitglieder der BaL erfolgreich widersetzt hätten. (Für die Linde Ecke Ratiborstr. jedoch kam seinerzeit jede Hilfe zu spät.)

Auch jetzt hat das Bezirksamt wieder nicht über die geplante Fällung informiert und somit abermals gegen die eigenen guten Vorsätze, frühzeitig zu informieren, eklatant verstoßen. Ab Dienstag im Umkreis der Reichenberger 40 aufgestellte Schilder kündigten für den 15.8. von 7 bis 17 Uhr lediglich „Baumarbeiten“ an. Es war nicht mal ersichtlich, um welchen Baum es sich überhaupt handelte. Nur per Zufall erfuhren wir von der geplanten Fällung ausgrechnet der ältesten und größten der dort die Straße säumenden Linden.

Fällhinweise

Fällhinweise

Nachdem wir gestern im Grünflächenamt noch kurzfristig Akteneinsicht und auch Kopien des „Gutachtens“ inklusive der Messkurven bekommen und diese dann zusammen mit Fotos einem Baumsachverständigen unseres Vertrauens, nämlich Dr. Michael Barsig, gemailt hatten, verfasste der noch in der Nacht eine erste Einschätzung und konnte vorbehaltlich eigener Untersuchungen schon mal vorab definitiv nachweisen, dass die Ergebnisse der mit dem sog. Resistografen erstellten Bohrwiderstandsmessungen von Kusche und Partner zum wiederholten Male durchweg falsch interpretiert worden sind. Selbst an der Stelle, wo die Bohrung die schlechteste Holzqualität aufweist, lag die Stärke der intakten Restwand noch über 30 Prozent und erfüllte damit das Restwandstärken-Kriterium nach Prof. Matthek. Das Kusche-Gutachten behauptet das Gegenteil. Lediglich der pilzbefallene Starkast, den man vor kurzem bereits abgenommen hatte, war weitgehend durchgefault und dies offenbar Anlass, gleich vom Ast auf den ganzen Baum zu schließen.

Letztlich kann nur eine schalltomografische Untersuchung, die das Verhältnis von faulem zu intaktem Stammholz bei weitem deutlicher abbildet, als es Bohrwiderstandsmessungen je könnten, Aufschluss darüber geben, wie es um den Baum steht, ob seine ausladende Krone zur Verringerung der Windlast evtl. eingekürzt werden muss etc., doch fest steht auf jeden Fall − und dafür verbürgt sich Dr. Barsig −, dass von dieser Linde keine akute Gefahr ausgeht und vor allem kein Grund besteht, den Baum mitten in der Vegetationsperiode zu fällen!

Silberlinde Reichenberger 40

am 15.8. (vorerst) gerettet!

Wenn nun auch die Grünflächenämter befugt sein mögen, jederzeit zu fällen, so sind sie dennoch gehalten, ebenfalls die Baumschutzverordnung zu beachten und in Brut- bzw. Vegetationszeit nur in akuten Ausnahmefällen – eben bei unmittelbarer Gefahr im Verzug – final sägen zu lassen und ansonsten alle Möglichkeiten baumerhaltender Maßnahmen auszuschöpfen, denn der ökologische Wert zumal solch alter großer Laubbäume wie im vorliegenden Fall lässt sich in Euro kaum bemessen! Lothar Frank, Baumrevierleiter in Kreuzberg, der, kaum am Ort des Geschehens eingetroffen, die Aktion sofort stoppte, hat Nachpflanzungen gerade auch in der Reichenberger Straße in Aussicht gestellt, doch gleich selbst hinzugefügt, dass wir, bis diese die Höhe der fraglichen Linde erreicht hätten, alle längst nicht mehr am Leben seien.

Bis zum Herbst aber ist nun noch Zeit für weitere Untersuchungen der Silberlinde Nr. 40 und für die Entscheidungsfindung über etwaige Maßnahmen.

Und nachdem nun binnen eines Jahres der nachweislich vierte Fall eines Fehlgutachtens des „Berliner Baumdienstes“ Kusche und Partner zutage getreten ist, wäre das Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksamt gut beraten, wenn es denn Baumfällungen für angezeigt hält, sie nicht noch einmal mit Expertisen dieses Unternehmens zu rechtfertigen.

4 Kommentare

  1. XBerger said,

    15. August, 2008 um 16:33

    Gute Arbeit! Vielen Dank für den Einsatz🙂

  2. Benno said,

    15. August, 2008 um 17:49

    Ich denke mal, es ist nicht der Dummheit und Unfähigkeit (die dort sicher weit verbreitet ist!) der in der Kreuzberger Verwaltung zuständigen MitarbeiterInnen geschuldet, daß „fällwütige“ Gutachterbüros beauftragt werden. Aller Erfahrung nach ist es auch hier pure Berechnung. Und wer hier weiter graben würde, käme vermutlich zu dem Schluß, daß auch in diesem Fall die fehlenden Finanzen (die an anderer Stelle, z.B. für die Neugestaltung des Luisenstädtischen Grünzuges, mit vollen Händen ausgegeben werden sollen) als Begründung herhalten müssen. Interessant ist dann also die Frage, was denn so eine schalltomografische Untersuchung, bzw. Bohrwiderstandsmessungen pro Baum kosten. Kann sich Kreuzberg eigentlich noch so alte Bäume leisten?

  3. BaL said,

    15. August, 2008 um 18:53

    Eine schalltomografische Untersuchung ist für schlappe100 Euro zu haben, doch im Falle der Silberlinde in der Reichenberger 98 war dem Bezirk das offenbar unseriös billig, und so wurde einer, nein, gleich zwei Gutachter wurden beauftragt, welche dieselbe Untersuchung für über 1000 Euro durchführten. Vorab hat’s dann wenigstens schon mal Entwarnung gegeben: der Baum kann stehenbleiben und bedarf nicht mal einer Kronenreduzierung – das ist die Hauptsache -, doch auf das ausführliche teure Gutachten wartet der Bezirk (und übrigens auch die AnwohnerInnen-Initiative) bis heute…

  4. xonra said,

    18. August, 2008 um 13:32

    Momentan erscheint mir eine Lösung für den ganzen Bezirk dringend notwendig. Ein Leitbild für die Frage: Wie gehen wir mit dem Stadtgrün um? Dazu die Leitsätze 1.) Pflege geht vor Fällungen und 2.) Erhalt des Bestands vor Planungsfantasien.

    Wie derzeit auch an der Spree geplant: schöner neuer Park, aber alte Bäume sollen gefällt werden. Es macht alles nur Sinn, wenn der Bezirk zur Vernunft gebracht werden kann.


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