Präsentation der Ergebnisse von Wurzelaufgrabungen

Dialog Wissenschaft − Gesellschaft wichtig wie nie!

Zur Vorbemerkung der Ausführenden

Dr. Wolfgang Endler von KUBUS, der Kooperation- und Beratungsstelle für Umweltfragen der TU Berlin, stellte kurz das Anliegen dieser Einrichtung vor, die sich in interdisziplinärem Herangehen vor allem für die Vermittlung eines Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einsetzt, der umso wichtiger erscheine, je komplexer unsere sozialen und ökologischen Probleme werden und je spezialisierter die Wissenschaften sie bearbeiten.

Die mit KUBUS kooperierende sog. Messzelle, das Institut für Umweltanalytik, ist ein gemeinnütziger Verein an der TU, der sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, universitäres Fachwissen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen und BürgerInnen, Initiativen und Verbände ebenso wie kleine und mittlere Unternehmen in der Auseinandersetzung mit Umweltproblemen wissenschaftlich zu unterstützen.

Auch im Kontext der Thematik einer nachhaltigen Pflege stadtnaher Gewässerränder führten im Auftrag der TU und mit Genehmigung des WSA und des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, wie berichtet, Mitarbeiter der TUB sowie der Messzelle e. V. im vergangenen Frühjahr am Einsteinufer an den Stubben vier gefällter Bäume Aufgrabungen durch, um vor allem deren ufernahe Wurzelverläufe sowie mittels einer sog. bodenkundlichen Feldansprache die genaue Beschaffenheit des Untergrunds zu erkunden.

Darstellung der Wurzelverläufe und bodenkundliche Feldansprache nahe der Ufermauer des Landwehrkanals

Umlenkerwurzel beim Spitzahorn

In seinem Vortrag präsentierte der Baumsachverständige Dr. Michael Barsig detailliert die Ergebnisse der Aufgrabungen, die mit standardisierten Verfahren, wie sie im Wurzelatlas (Kutschera/Lichtenegger, 2002) beschrieben sind, gewonnen wurden, sich in der Praxis aber oft ganz anders dargestellt hätten als in der Theorie. [Siehe auch hier.]

Die mit dem Pürckhauerbohrer gezogenen Bohrstockproben reichten einen Meter tief und wurden nach der Bodenkundlichen Katieranleitung (KA5) hinsichtlich Bodensubstrate und Horizonte, also der einheitlich ausgebildeten Zonen, „angesprochen“, d.h. es wurden daraus die Bodenprofile der Uferbefestigung parallel zum Baum bestimmt. (Die bodenkundlichen Aspekte erläuterte Steffen Trinks vom TU-Institut für Ökologie.)

Es würde den Rahmen sprengen, wenn wir nun Baum für Baum detailliert die Befunde vorstellen wollten, weshalb wir uns im folgenden auf Exemplarisches sowie ein Resümee der Ergebnisse und Schlussfolgerungen beschränken.

Umlenkerwurzel an der Mauerplatte

Umlenkerwurzel an der Mauerplatte (Pappel)

Die gefällten Bäume (Ahorn, Erle, Weide und Pappel) standen 84, 85, 76 bzw. 45 cm entfernt zur Ufermauer. Der Kapillarsaum, also der Bereich über dem Grundwasserspiegel, der noch nahezu wassergesättigt ist, verlief jeweils ab 81, 80, 87 bzw. 80 cm.

Bei allen vier Bäumen reichten die Starkwurzelverläufe nicht sehr tief (kaum über 70 cm), worin eine Anpassung einerseits an die grundwasserbeeinflussten Böden, andererseits an ihre schwere Durchwurzelbarkeit in der Tiefe zu sehen ist, denn dort gibt es Ziegelschutt und viele Steine. Es finden sich keine Ausprägungen klassischer Wurzelteller und eine nur geringe Entwicklung von sog. Senkern, das sind lotrecht in die Tiefe wachsende Wurzeln.

Glockenförmiges Herzwurzel-System der Erle

Die Haltewurzeln verlaufen überwiegend parallel zur Ufermauer oder böschungsaufwärts, und zwar artabhängig von fünf bis zu sieben Meter vom Stamm entfernt. Dort aber, wo in Richtung Kanal gewachsene Starkwurzeln auf die Mauer treffen, haben sich sog. Kraft-Umlenkerwurzeln gebildet, d.h. die Wurzel wächst dort, nach nur geringem Kontakt mit dem Mauerwerk, im Winkel von 80, 85 Grad davon weg und führt damit auch die durch die (hauptsächlich aus Nordwest kommende) Windlast nach Südost abgeleiteten Kräfte nicht in die Mauer ab. Auch Druckwurzeln, die etwa bei der Erle ein intensives, aber untypisch nicht sehr tief reichendes System bilden, lenken um und berühren nur marginal die Granit-Abdeckplatte.

Druckwurzel der Weide

Druckwurzel der Weide

Auch aus dem bis an die Mauer reichenden Druckwurzelkopf der sich sonst eher aggressiv verhaltenden Pappel haben sich nur Schwach- und Feinwurzeln gebildet und ziehen die Starkwurzeln vom Ufer weg. Die bei der Weide aus dem Druckwurzelkopf hervorgehenden Senker verlaufen parallel bzw. distal zur Mauer. Auch das Zugwurzelsystem der Erle, mit Überkreuzungen als verstärkendem statischem Element, verläuft oberflächennah bis fünf Meter vom Stamm entfernt. Für die Theorie (vgl. z. B. Matthek 2007), wonach Druckwurzeln in der Tiefe einen gegen das Hindernis pressenden Druckwurzelkopf, den sog. Mauerboxer bilden, fand sich zumindest hier keinerlei praktische Bestätigung.

Fällungen waren unnötig!

Zugwurzel der Pappel fünf Meter vom Stamm südwärts

An keiner Stelle wurde die Uferbefestigung zum Absichern benutzt, an keiner Stelle bildeten Wurzelsystem und Mauer eine mechanische Einheit [und waren schon gar nicht miteinander „verbacken“]. Nur über einzelne gebogene Wurzeln wurden (sehr) geringe Kraftmomente in die obere Ufermauer gelenkt. Bei den Bodensondierungen fanden sich – zumindest bis in einem Meter Tiefe – keine Störungen, Kavernen oder Bodenrisse. Die Wurzel-Boden-Matrix benachbarter, aber entfernter vom Ufer stehender Bäume erhöhte die Standsicherheit der ufernahen – kurz: die Fällungen zumindest dieser vier Bäume waren sachlich nicht gerechtfertigt und also allesamt unnötig! Wie auch manches andere, womit einer angeblichen Gefahr im Verzug aktionistisch begegnet wurde, dürfen wir ergänzen!

Konsequenzen für die Sanierung

Im Vorblick auf die eigentliche Sanierung wurde vom niederländischen Baumexperten Evert Ross empfohlen, durch bodenverbessernde Maßnahmen das Starkwurzelwachstum in gewünschte Bahnen weg von der Ufermauer zu lenken, so dass dann später die Beschneidung von Starkwurzeln ufernaher Bäume, die bei einer Restauration der Ufermauer im Wege wären, ermöglicht würde, ohne den Baum zu opfern. − Diese Methode beurteilt allerdings Dr. Barsig angesichts potenzieller und sehr wahrscheinlicher Infektionen des Wurzelsystems mit holzzersetzenden Pilzen als prinzipiell problematisch, zumal darüber, welche Erfahrungen etwa in Holland mit dieser Methode gemacht worden sind, bisher leider noch keine Informationen vorliegen.

In Anbetracht des relevanten kapillaren Aufstiegs dürfen während der Sanierung keine wasserlöslichen toxischen Substanzen freigesetzt werden.

Natürlich kann von den vier untersuchten Fällen nicht auf die Gesamtheit des ufernahen Baumkollektivs am LWK geschlossen werden. Hier sind weitere Untersuchungen nötig (die selbstverständlich auch an ungefällten Bäumen möglich sind), vor allem auch am nördlichen Kanalufer wegen der anderen Auswirkungen der Windlast und bei höherer Ufermauer.

Einschränkend muss allerdings auch gesagt werden, dass die Aufschlüsse nicht tiefer als ein Meter reichten und dass diese Methode im Hinblick auf die jeweilige Durchwurzelung noch keine exakten bodenmechanischen Kennziffern liefern kann.

Die Wurzelreichweiten können auch mit der Schalltomographie ermittelt werden (Rinn 2008); und wenn, wie bereits vorgeschlagen, georadiologische Methoden oder die elektrische Widerstandstomographie zum Einsatz kommen, sollten fachkundige Aufgrabungen biostatische Fragestellungen ergänzen, denn natürlich gilt auch bei Bodensondierungen, dass ein interdisziplinäres Herangehen bessere und vergleichbarere Resultate erbringt. Hier bietet sich jedenfalls eine Zusammenarbeit von Prof. Weihs und der Fa. Wiebe einerseits und Wissenschaftlern der Fachrichtungen Bodenkunde und Geophysik an der TU Berlin andererseits an, zumal hier auch bereits einschlägiges Fachwissen zur Bodenbeschaffenheit der Kanalufer vorliegt.

Beschlussvorlage kommt nicht zustande…

Leider fand auch nach intensiven Diskussionen die um diesen Aspekt erweiterte Beschlussvorlage zur Beauftragung eines georadiologischen und widerstandstomographischen Pilotprojekts, die schon am 23. Juni in der 8. Forumssitzung an einer Gegenstimme gescheitert war, nun im Arbeitskreis Naturhaushalt und Landschaftsbild, diesmal auf Grund zweier Gegenstimmen, nicht das nötige einhellige Votum. Ob hier tatsächlich sachliche oder nicht vielmehr persönliche Beweggründe den Ausschlag gaben, bleibe dahingestellt. Ein Scheitern der Beauftragung eines solchen interdisziplinären Forschungsvorhabens im Rahmen der Vorbereitung einer ökologisch behutsamen Kanalsanierung wäre jedenfalls nicht nur für die Beteiligten, die sich zum Teil seit Monaten dafür einsetzen, sondern um der Sache willen höchst bedauerlich und eine vertane Chance!

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3 Kommentare

  1. zett_b said,

    18. Juli, 2008 um 7:57

    Und schon wieder derselbe Lapsus … Noch einmal: Das ursächliche Problem ist die mangelnde Standsicherheit der Uferwand. Sie ist am Landwehrkanal im Jahr 2007 für alle sichtbar an 2 Stellen deutlich geworden – Einsturz!

    Sürzt die Uferwand ein, stürzt auch sich direkt dahinter Befindliches hinterher. Ein Sack Reis, ein Passant, ein Haus – oder eben ein Baum. Der Baum im speziellen dann noch evtl. auf einen vorbeifahrenden Dampfer …

    Gutachter sollten sich ihrer, auch strafrechtlichgen Verantwortung, bewusst sein. Die Aussagen, die hier getroffen wurden („Fällungen unnötig“ ) spielen mit dem Leben Unbeteiligter! Oder handelt es sich nur um unverbindliche Meinungsäußerugnen, um Stimmung, oder Werbung in eigener Sache zu machen?

  2. BaL said,

    18. Juli, 2008 um 15:19

    Also noch mal: Dort, wo es Versagensfälle der Uferbefestigung gegeben hat, standen keine Bäume, und dort, wo Bäume stehen, gab es keine Versagensfälle. Sollte es aber auch mal hier, was wir nicht wünschen wollen, zu Havarien kommen, gibt es wissenschaftlich begründete Zweifel, dass Bäume wie Betonpfähle umstürzen; Zweifel, die übrigens auch den Verantwortlichen nicht fremd gewesen sein müssen, denn als Brockelmann/Bodsch nach dem Abrutschen des Riedel-Anlegers Ende April 2007 verkündeten, wegen Gefahr im Verzug 200 ufernahe Bäume fällen lassen zu müssen, hätten sie andernfalls knapp zwei Monate lang NutzerInnen der Fahrgastschifffahrt sowie der Uferböschungen und -wege grob fahrlässig Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt! Erst am 22.06.07 wurde wegen dringlicher Maßnahmen zur Gesichtswahrung und um öffentlichen Druck gegen BaumschützerInnen und ihren „Ökowahn“ aufzubauen (Arbeitsplätze!) der LWK für die Fahrgastschifffahrt gesperrt und in einer monströsen PR-Aktion die Bäume an Tempelhofer, Herkules- und Corneliusufer mit den berüchtigten, absolut überflüssigen und 200.000 Euro teuren Betonklötzern „gesichert“.

    Damit künftig mehr Besonnenheit & Augenmaß, mehr Sachverstand & Umsicht walten und vor allem nicht immer wieder leichtfertig unersetzlicher Altbaumbestand geopfert werde, ist es nötig, diese Zusammenhänge in interdisziplinärem Herangehen aufzuklären, den Verantwortlichen zu erläutern, sie auch zur Beauftragung weiterer Forschungen zu ermuntern, um im Ergebnis die Überprüfung der einschlägigen DINormen sowie die Änderung der betreffenden Verfahrensvorschriften und Handlungsanweisungen zu erreichen. – Die Sach- und Problemlage ist zugegebendermaßen nicht ganz einfach, doch die Baum-Ab-Variante mit Sicherheit unterkomplex!

  3. Christhardt Wurst said,

    5. März, 2010 um 9:10

    Cooler Beitrag für den Bereich, der Beste denke ich, den ich bis jetzt gefunden habe. War da nicht gestern schon mal ein Beitrag drüber? Alles Gute Christhardt Wurst


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