Bürgerinititative Bäume für Kreuzberg:

Bezirk, Senat und Denkmalschutz erklären unisono: Bisherige Planung wird nicht weiterverfolgt!

Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der öffentlichen Leitbilddiskussion für die Gestaltung des Luisenstädtischen Grünzugs hat getagt

Rund 35 TeilnehmerInnen zählte die Arbeitsgruppe, die sich am Mittwoch, 21. Mai, in der Belle Etage von Max und Moritz konstituierte, um über die Vorbereitung der zweiten Bürgerversammlung zur künftigen Gestaltung des Luisenstädtischen Grünzugs zu beraten. Inhaltliche Fragen sollten ausgeklammert bleiben, doch Ulli Bahr vom Kreuzberger Stadtteilausschuss, mit der Moderation der Veranstaltung betraut, hatte alle Mühe, für die Einhaltung dieser zunächst einmütig verabredeten Vorgabe zu sorgen.

Zurück auf Start

BesucherNach einleitenden Worten von Baustadträtin Jutta Kalepky verkündete Christa Haverbeck von der Sanierungsverwaltungsstelle zur nicht geringen Verblüffung der anwesenden BI-VertreterInnen, dass sich angesichts der zurückliegenden Ereignisse und zumal des Ablaufs der ersten Bürgerversammlung am 21. April die Verwaltung nunmehr entschlossen habe, „zurück auf Start zu gehen“ und die bisherigen Planungen von TOPOS zur sog. Nordpromenade und darüber hinaus zurückzuziehen. Stattdessen wolle man mit allen Beteiligten zunächst eine Leitbilddiskussion führen und erst im Licht ihrer Ergebnisse die Planung zur Gestaltung der einzelnen Abschnitte des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals (ELK) in Angriff nehmen.

Eine weitere Arbeitsgruppensitzung in einer Woche solle allen beteiligten Gruppen Gelegenheit geben, ihre jeweiligen inhaltlichen Vorstellungen eines solchen Leitbilds grob zu skizzieren, damit dann in einer zweiten Bürgerversammlung, die für den 12. Juni anberaumt wurde, die jeweiligen Konzepte präsentiert und öffentlich debattiert werden könnten, um schließlich zu ersten Konzeptionen eines gemeinsamen Leitbilds zu gelangen.

Im Anschluss daran sollten in themenbezogenen Wochenend-Workshops die Wünsche, Bedürfnisse und Ansprüche aller Nutzergruppen: Kinder, Jugendliche, Alte, Behinderte usw. im Hinblick auf diesen Grünzug ermittelt und nach Möglichkeit berücksichtigt werden, um schließlich die leitende Konzeption in Bezug auf die jeweiligen Abschnitte des ELK weiter zu konkretisieren. Daraus wird dann wiederum TOPOS verschiedene Gestaltungsvarianten erarbeiten — all dies immer unter Beachtung der „Schmerzgrenze“ des Förderprogramms Städtebaulicher Denkmalschutz.

Sechs bis neun Monate Zeit für die Leitbilddiskussion

Bezirksbürgermeister Franz Schulz versicherte, dass die bereits bewilligten Mittel aus diesem Förderprogramm keineswegs bereits verfallen seien, sondern durchaus noch ein halbes bis dreiviertel Jahr für diesen Diskussionsprozess zur Verfügung stünde. Er bekräftigte als eine wesentliche Anforderung an diesen Prozess die Einbeziehung aller Nutzergruppen, denn die Zusammensetzung des Auditoriums der ersten BürgerInnenversammlung habe bei weitem nicht die der Wohnbevölkerung widergespiegelt, namentlich was den Anteil der MigrantInnen betreffe.

Denkmalschutz gibt sich kopromissbereit

Dr. Klaus-Henning von Krosigk, stellvertretender Landeskonservator, erläuterte die Sicht des Denkmalschutzes und wusste die BI-VertreterInnen ebenfalls zu überraschen, indem er bekannte, dass auf Grund der jüngsten Ereignisse auch im Landesdenkmalamt ein Umdenken in Gang gekommen sei und man auf dem ursprünglichen Vorhaben einer streng denkmalgerechten Rekonstruktion des ELK nicht länger beharre: Eine 1:1-Rekonstruktion werde es nicht geben. Auch die Denkmalpflege müsse geänderten Nutzungsansprüchen Rechnung tragen.

Noch einmal auf die dramatische Zeit kurz nach dem Mauerfall zurückgehend, schilderte Dr. v. Krosigk, wie es beherztem Handeln gelungen sei, durch Ankauf und Pflanzung von über 200 Linden in einer Nacht- und Nebelaktion zu verhindern, dass der ehemalige Todesstreifen zur Autobahn werde [und damit wesentliche Charakteristika bewahre, möchte man ergänzen]. Ein Themengarten habe hier im Barthschen Sinne die Natur zurückgebracht. Auf die Errichtung originalgetreuer Kaimauern aber sei zugunsten offener Gitter verzichtet worden, und der ästhetischen Wirkung des wiedererstandenen Engelbeckens tue das Café an seiner Stirnseite keinerlei Abbruch, kurz: hier habe sich die Denkmalpflege zeitgenössischer Sicht und Anforderung nicht verschlossen und das Denkmal vielmehr weiterentwickelt.

Die Gestaltung der 80er ist unser zu restaurierendes Denkmal!

GranitblöckeIm Kreuzberger Abschnitt aber gab es nun mal keinen Todesstreifen, der mit Erwin Barth für die Natur hätte zurückerobert werden müssen, sondern gibt es eine real existierende Gestaltung, an der sich in den 1980er Jahren eine große Anzahl BürgerInnen mit hohem Engagement beteiligte. Und hier merkte die BI auf, als v. Krosigk die Ballersche Planung am südlichen Ende des Grünzugs als eine behelfsmäßige Lösung apostrophierte und von unverzichtbaren denkmalpflegerischen Essentials bei der Gestaltung der Nordpromenade und des EKL in seiner Gesamtheit sprach, ohne dies freilich weiter zu konkretisieren.

Für die BI aber hat gerade die Gestaltung aus den 80er Jahren Denkmalrang, einer im Hinblick auf BürgerInnenbeteiligung und Partizipation politisch sehr wichtigen Zeit nicht nur für Kreuzberg. Es bedarf keiner Workshops, um denkmalkonforme Kompromisslinien bei der Rekonstruktion einer Gestaltung aufzuspüren, die im Bann der großen Wirtschaftskrise auch noch weit hinter ihrer eigentlichen Intention zurückblieb. Und „die Natur“ muss auch nicht mehr in die Stadt geholt werden, sondern ist längst darin angekommen, braucht lediglich wieder fachlich qualifizierte, nachhaltige Pflege, beginnend bei ausreichender Bewässerung sowie einer standortgerechten Nachpflanzung und Schließung der Lücken.

Für nachhaltige Qualitätsverbesserung

Bürgermeister Schulz erklärte die unbestrittene Verwahrlosung einmal mehr mit der Tatsache, dass es sich beim Luisenstädtischen Grünzug bis 2007 lediglich um öffentliches Straßenland gehandelt habe, mit der BSR als Pflegefirma, und erst seit Jahresbeginn eine Einstufung als Grünfläche erfolgt sei nebst Zuteilung entsprechend höherer Pflegemittel. — Viel von besserer Pflege haben die AnwohnerInnen bekanntlich noch nicht gesehen, und die Angaben darüber, ob diese Mittel nun ausreichen oder doch eher nicht, und ob davon nur Baum-, Hecken- und Rasenschnitt sowie Reinigung finanziert werden oder auch die eine oder andere Nachpflanzung — darüber gehen die Angaben der BehördenvertreterInnen seltsamerweise auseinander.

Die bisweilen recht schrille Polemik der VertreterInnen des Bürgervereins Luisenstadt wollte jedenfalls suggerieren, dass da außer Wildwuchs, Müll und Hundekot nicht allzu viel sei zwischen Waldemarbrücke und Oranienplatz, schon gar keine Natur, die eine Tieferlegung des Mittelwegs zerstören könnte. — Hier möchten wir Baustadträtin Kalepky beipflichten, wenn sie eine Bestandsaufnahme der jetzigen Qualitäten vorschlägt, um ausgehend von diesen zu fragen, welche Qualitätsverbesserungen wir uns wünschen.

Revitalisierung des historischen Stadtraums

Sabine Krutzsch von der Abteilung Städtebaulicher Denkmalschutz bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung machte ihrerseits kein Hehl daraus, wie starr, linear und dogmatisch sie die Planung zur sog. Nordpromenade mit all ihren Mauern und Auftreppungen empfunden habe, als sie 2007 eine Stellungnahme abzugeben hatte: Ungeachtet der Bedeutung der ausgegrabenen Treppen könnten heutige Nutzungs- und Erlebnisansprüche nicht einfach ignoriert werden. Schließlich bestehe das Förderprogramm aus zwei Grundelementen: der Denkmalpflege und der Stadterneuerung, und diese habe sich an Interessen und Bedürfnissen der BewohnerInnen zu orientieren. Bei der Revitalisierung des historischen Stadtraums gehe es immer auch um den Erhalt der städtebaulichen Funktion.

Andererseits machte auch Frau Krutzsch klar, dass es für eine reine Instandsetzung aus diesem Topf keine Fördermittel geben könne. Ein möglicher Kompromiss könne für sie persönlich so aussehen, dass der im Bezirk Mitte liegende Abschnitt inklusive Engelbecken und Rosengarten die Weimarer Zeit repräsentiere, ab Waldemarbrücke, wo es noch Raum für die Anlage historischer Banknischen gäbe, aber sukzessive sowohl zeitlich wie räumlich „aufgetaucht“ würde bis auf Straßenniveau, um anschließend so viel des Bestehenden wie möglich — Bäume wie Granitblöcke — in die künftige Gestaltung zu integrieren.

Wenn der Denkmalschutz, was nachvollziehbar sei, seine Mindestanforderungen nicht präzisieren wolle (hier sei ein Denkprozess im Gange, seien Kompromissmöglichkeiten auszuloten) und dann später die aufgrund eines gemeinsamen Leitbilds entwickelte Sanierungsvariante als nicht denkmalgerecht und deshalb auch nicht förderwürdig ablehne, dann, so Franz Schulz, bleibe eben alles so, wie es ist und werde nur instand gesetzt.

Erste Beschlussvorlage

Abschließend blieb es unserem Bürgermeister vorbehalten, die Ergebnisse der teilweise sehr leidenschaftlich geführten Diskussionen zu resümieren und die Pflöcke einzuschlagen, hinter die nicht mehr zurückgefallen werden darf, und Frau Schuchardt von Stattbau 1 protokollierte wie folgt: Präambel.

Die Bäume für Kreuzberg haben sich eine Woche Bedenkzeit ausbedungen, und erst auf ihrer nächsten Sitzung wird die Arbeitsgruppe über diese Präambel beschließen.

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1Die Stattbau GmbH unterstützt die Verwaltung bei der Umsetzung der vielen Projekte im Rahmen des Förderprogramms.

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