Mischwasserkanalisation

BaumschützerInnen-Info vom 19.05.08

„Wehre weisen Wolkenbrüche in die Schranken“

Zum Vortrag Kay Joswigs (BWB)

Anders als in der Trennkanalisation in den Berliner Außenbezirken, bei der Haushalts- und gewerbliche Abwässer einerseits, das Regenwasser andererseits in separaten Rohren zum Klärwerk bzw. ins Gewässer abfließen, werden in der Mischwasserkanalisation, durch die seit 1876 in der Innenstadt das Abwasser fließt, beide Ströme in ein und derselben Rohrleitung vereint zu den Klärwerken gepumpt — mit erheblichen Beeinträchtigungen der Wasserqualität von Flüssen und Kanälen und bekanntlich besonders der des LWK. Ab einer Niederschlagsmenge von 20 bis 30 mm pro Stunde tritt nämlich das abfließende Wasser, um Pump- und Klärwerke nicht zu überlasten bzw. den Straßenraum zu überfluten, über eine Barriere innerhalb des Mischwasserkanals, „läuft über“ in einen Entlastungskanal und wird dann auf direktem Wege und ungeklärt durch insgesamt 190 Auslaufbauwerke in Flüsse und Kanäle eingeleitet. Von diesen Einleitungen gibt es z. B. an der Spree 73 und allein am LWK immerhin 70! Infolge der diffusen Stoffeinträge kommt es immer wieder zu Fischsterben, das bei hohen Wassertemperaturen und entsprechend niedrigem Sauerstoffgehalt regelmäßig massenhaft auftritt.

Zu einer sog. Mischwasserentlastung, bei der ein Teil Schmutzwasser mindestens mit sieben Teilen Regenwasser gemischt werden muss, kommt es bereits bei der doppelten Trockenwettermenge, vor allem aber während der jährlich ca. 20 bis 30 Starkregenereignissen und den sich häufenden Katastrophenregen mit Niederschlägen über 30 mm.

Um nun eine Verbesserung der Wasserqualität in den Berliner Gewässern und Kanälen zu erreichen, bedarf es vor allem einer Abkehr vom Ableitungsprinzip, einer Hinwendung zur Regenwasserbewirtschaftung. Es gilt, den Regenwasserabfluss möglichst zu vermeiden und bspw. über Gründächer zu resorbieren und zu verdunsten, für deren Anlage die BWB übrigens einen fünfzigprozentigen Abschlag aufs Regenwasserentgelt gewähren. — Für die Zurückhaltung des Regenwassers am Ort der Entstehung und seine dezentrale Versickerung fehlt es im Stadtgebiet allerdings an Fläche, so dass entweder eine semizentrale Versickerung des Regenwasser nach seiner Sammlung innerhalb eines Teileinzugsgebiets oder seine zentrale Behandlung und Reinigung in Regenklärbecken erfolgen muss, bevor es in Gewässer oder Kanal eingeleitet wird.

Maßnahmen im Mischsystem

Neben einer nur eingeschränkt möglichen Abkopplung von Flächen durch Entsiegelung bietet sich eine Mischwasserbehandlung vor Ort an, doch für den Innenstadtbereich sind die benötigten Anlagen einfach zu groß. Auch die mit einem mineralischen Substrat belegten und mit Schilf bepflanzten sog. Retentionsbodenfilter, von denen bereits vier von zehn geplanten Anlagen gebaut worden sind, beanspruchen relativ viel Platz. Die Ausflockung von organischen und Schadstoffen aus dem Mischwasser durch Beigabe von Chemikalien wird erprobt, ist aber ebenfalls nicht unproblematisch, da die Beigabe je nach Regenstärke variieren muss.

Eine Erhöhung der Pumpwerksleistung scheidet aus, da sowohl die Klärwerke als auch das Druckvorleitungssystem bereits an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Durch den Bau von Speichervolumen im Kanalnetz gibt es die Möglichkeit der Zwischenspeicherung des Mischwassers z. B. in Regenüberlaufbecken (das größte befindet sich in der Erich-Weinert-Straße). Das sind Entlastungsbauwerke mit vorgeschaltetem Speichervolumen, bestehend aus einem Ablauf zur Kläranlage und einem Überlauf zum Gewässer. Der während des Regens gespeicherte Beckeninhalt kann dann zeitversetzt zum Klärwerk weitergeleitet werden, doch bei Auslastung der Beckenkapazität erfolgt ebenfalls ein Überlauf in den Vorfluter. Diese Anlagen sind schwer anzulegen und sehr teuer und es besteht nicht die Absicht, weitere zu bauen.

Da der Querschnitt der Kanäle zumeist ausreicht — die größten messen fünf Meter! —, lässt sich durch die Erhöhung/Anpassung der Regenüberlaufschwellen die Kapazität der Mischwasserkanalisation selber erhöhen. Auch kann durch Kanalnetz- und Stauraumbewirtschaftung ungleich kostgünstiger das Speichervolumen erhöht werden als durch den Bau weiterer Regenrückhaltebecken.

Aufs Leit- und Informationssystem Abwasser (LISA) zur zentralen Steuerung der Abwasserströme bei Starkregenereignissen, die ja zumeist lokal begrenzt sind, hin zu Anlagen mit noch freien Kapazitäten und damit Reduzierung der Überläufe ging Joswig nicht eigens ein.

Für Investitionskosten in Höhe von 84 Mio. Euro soll das Speichervolumen von 160.000 m³ in 2006 auf 320.000 m³ in 2020 verdoppelt werden, wobei 36% aufs Kanalnetz, 27% auf die Schwellenanhebung, 20% auf Regenüberlaufbecken und Stauraumkanal und 17% auf die Kanalbewirtschaftung entfallen. Dadurch soll die Zahl der derzeit ca. 30 Mischwasserentlastungen in den LWK auf ca. 15 jährlich halbiert und die Wasserqualität erheblich verbessert werden. Da sich jedoch die Katastrophenregen häufen und zum Auffangen von deren Überläufen der Kanal mit Becken gesäumt werden müsste, wird es bei ungünstigen Randbedingungen immer wieder zu Massenfischsterben kommen.

Baden im Kanal?

Und die im Zitty-Interview von Ralf Steeg ausgemalte Vision eines Freibads LWK sei aus vielen Gründen illusorisch, würden doch die benötigten Pontons mit den Schmutzwassertanks an jedem Mischwassereinlauf benötigt und damit nicht nur die Fahrrinne beeinträchtigen, sondern auch das Erscheinungsbild des Denkmals. Auch beim Projekt Spree 2011 sei ja die Idee des Badens in der Spree längst aufgegeben.

Letzterem widerspricht Steeg allerdings nachdrücklich. Der Bau seiner Pilotanlage sei schließlich genehmigt und die Idee vom Schwimmen in der Spree mitnichten vom Tisch. Um allerdings auch nur für einzelne Abschnitte des LWK wie Studentenbad oder Urbanhafen in dieser Hinsicht belastbare Aussagen zu treffen, wären erst einmal detaillierte Gutachten zu Wasserqualität und Sedimentschicht erforderlich, doch davon ganz abgesehen, gebe es eine Vielzahl von Beispielen, wo die Wasserqualität von Gewässern inmitten von Ballungsräumen und Industrieparks nach geeigneten Sanierungsmaßnahmen die Güteklasse II erreicht hätten.

Auch erscheinen uns 15 Mischwasserentlastungen pro Jahr noch immer zuviel, die Hinnahme des jährlichen Fischsterbens allzu fatalistisch und die Ziele von Senat und BWB im Hinblick auf die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) bei weitem nicht ehrgeizig genug —, doch Kay Joswig mahnt zur Geduld: Man möge doch erstmal die laufenden Sanierungsmaßnahmen bis 2020 abwarten, deren Kosten zu 60 Prozent die BWB aufbrächten und also nicht vergessen, dass sie an den Endverbraucher weitergegeben werden müssten. So sehen wir einmal mehr, wie sinnreich die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung ist…

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1 Kommentar

  1. 20. Mai, 2008 um 11:03

    […] erzählt hat. Dann könnte auch Käptn Ahab baden gehen. Das wird aber nicht ganz einfach, erklärten die Wasserbetriebe den Baumschützern vom […]


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