Wurzelaufgrabungen am Einsteinufer

Wurden elf Bäume umsonst gefällt?

Erlenwurzel Seit nunmehr zwei Wochen buddeln Botaniker und Bodenkundler im Auftrag der TU Berlin und von WSA und Bezirk genehmigt am Charlottenburger Einsteinufer. An fünf Stubben der dort vor ca. einem Jahr wegen angeblicher Verkehrsgefährdung gefällten elf großen Bäume führen sie Wurzelaufgrabungen durch, und zwar an Stubben aller vier betroffenen Arten — Pappel, Weide, Ahorn und Erle. Sorgfältig legen sie gerade vor Hausnummer 63 das weit verzweigte, mit dem des Nachbarbaums vielfach verschränkte Wurzelsystem einer Erle Bodenkundlerfrei, numerieren sie und erfassen die Daten, bevor sie alles wieder zuschütten und mit den ausgestochenen Rasenstücken fein säuberlich verschließen.

Mit einem Plastikhammer wird ein ums andere Mal ein Rohr in den Boden getrieben, der sog. Erdbohrstock, um anschließend den gezogenen Bohrkern nach bodenkundlichen Parametern penibel zu analysieren, um festzustellen, welche Bodenverhältnisse am Einsteinufer bestehen und wie hoch in der Böschung hinter der Mauer das Bodenwasser ansteht.

Neben der Erkundung der Wurzelverläufe in der Nähe der Ufermauer und daraus möglicherweise zu ziehenden Konsequenzen für ihre Sanierung, geht es auch darum, die Hypothese praktisch zu erhärten, wonach seinerzeit keinerlei Gefahr im Verzug und schon gar kein derart radikaler Handlungsbedarf bestanden hat, sondern dass ungeachtet der von WSA-Tauchern festgestellten Unterhöhlung der Ufermauer und daraus resultierender mangelhafter Stabilität der Uferböschung

  1. die Bäume zu keinem Zeitpunkt akut umsturzgefährdet waren und
  2. die Uferböschung durch die Durchwurzelung im Gegenteil an Stabilität gewonnen hatte.

Wurzelaufgrabung01Schon jetzt lässt sich sagen, dass die Aufgrabungen aufschlussreiche Erkenntnisse zutage fördern, doch wir wollen den wissenschaftlichen Auswertungen nicht vorgreifen.

Die Absperrung des Einsteinufers hat übrigens auch ihr Gutes, nämlich dazu geführt, dass sich erstmals aus dem artenarmen Rasen so etwas wie eine naturnahe Wiesenfläche entwickeln konnte mit allerhand Wildblumen und einem regen Schmetterlings- und Hymenopteren-Treiben, so dass der Kontrast zum naturnahen Salzufer vis à vis heuer mal weniger ins Auge springt. Es wäre wünschenswert, wenn der für das Einsteinufer zuständige Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hier einmal die Vorgaben des Unterhaltungsplans zu einer naturnäheren Uferentwicklung aufgreifen und umsetzen würde.

Mit dem Denkmal verbackene Wurzeln bisher nicht gefunden

Die Ausführungen von Prof. Geyer bezüglich eines besonders ausgeprägten mauerseitigen Feinwurzelgeflechts im Bereich der Wasserwechselzone, die Prüfung anhand einer Skizze der RegelbauweiseKlaus Lingenaubers Rede von einem „Verbackensein“ von ufernahen Bäumen und Mauerwerk zu bestätigen schien, sich aber in beiden Fällen auf die Situation am Spandauer Schifffahrtskanal bezog, bei dessen Sanierung ebenfalls reihenweise Bäume gefällt worden sind, konnte hier am Landwehrkanal bislang nicht bestätigt werden. — Es ist übrigens auch nicht so, dass ein Baum im Falle einer Schädigung eines solchen Feinwurzelgeflechts in seiner Lebensfähigkeit nachhaltig beeinträchtigt oder gar gefährdet würde, sondern er vermag in der Regel solche Wurzeln relativ schnell an anderer Stelle neu zu bilden und damit die Schädigung problemlos zu kompensieren. Die Selbsthilfe- und -heilungskräfte eines Baums, der schließlich ein lebendiger Organismus ist, werden leider allzu oft unterschätzt.

Einstein- und Salzufer

Einstein- und Salzufer

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2 Kommentare

  1. zett_b said,

    5. Juni, 2008 um 7:24

    Ich frage mich, wann die Baumschützer endlich begreifen, dass das grundlegende Problem in diesen Fällen die Standsicherheit der Ufermauer ist. Egal ob sich neben ihr ein Baum, ein kranker Baum oder gar kein Baum befindet … Der Anspruch der Meinungshoheit der in diesem Blog oft implizit formuliert ist, wird leider durch Engstirnigkeit kontakariert. Ihr tut euch damit keinen Gefallen.

  2. BaL said,

    6. Juni, 2008 um 14:57

    Das grundlegende Problem in diesen Fällen ist eben nicht nur die Standsicherheit der Ufermauer, sondern auch die Stabilität der Uferböschung (und hierbei die Frage, ob Durchwurzelung diese erhöht, die Absperrungen also womöglich so überflüssig sind, wie es die Fällungen waren), vor allem aber die zu wählende Sanierungsmethode der maroden Ufermauer insbesondere dann, wenn nahebei stehende Bäume zwangsläufig davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Aus diesen und noch einigen weiteren Gründen erfolgten die exemplarischen Wurzelaufgrabungen und bodenkundlichen Untersuchungen, deren wissenschaftliche Auswertung Mitte Juni vorliegen wird.

    Und noch was Grundsätzliches: Die Beiträge zum LWK in diesem Blog versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen und naturgemäß aus Sicht befangener BI- und Vereinsmitglieder über das laufende Mediationsverfahren und den jeweiligen Meinungs- und Diskussionsstand innerhalb der Bäume am Landwehrkanal zu berichten und dies als deren Stellungnahme in die Debatte um die Zukunft des Kanals einzubringen.

    Dabei soll die zuweilen polemische Zuspitzung dieser Stellungnahmen zu Gegenrede, Kommentar, Korrektur oder Ergänzung sowohl von interner wie externer Seite ermuntern, um so die bekanntlich hinter verschlossenen Türen stattfindenden Verhandlungen durch eine Art öffentlichen Diskussionsprozess reflektierend zu begleiten, das öffentliche Interesse an dieser komplexen planerischen Herausforderung wach zu halten und dabei die in diesem unserem Lande für solche Zwecke noch unzureichend genutzten Web2.0-Möglichkeiten zu erproben.


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