Ein Bäumchen für 60 Bäume

Pankower Bürgermeister entwürdigt Tag des Baumes
PflanzungAuch in diesem Jahr ließ es sich der Pankower Bezirksbürgermeister und Umweltstadtrat Matthias Köhne (SPD) am Tag des Baumes nicht nehmen, aus PR-Gründen symbolisch einen Baum zu pflanzen. Diesmal war’s eine Robinie in einer menschenleeren Pradelstraße, doch unter den wenigen Anwesenden — außer PolitkerInnen, Verwaltungsmenschen und BaumschützerInnen fand sich nur ein einziger Pressevertreter — herrschte eher Begräbnisstimmung: Zeitgleich zu dieser peinlichen Aktion wurden nämlich in der Mila- und der Gaudystraße wie gestern (24.4.) in der Ystarder und seit Anfang dieser Woche in anderen Straßen des Gleimviertels in Prenzlauer Berg ungeachtet der Proteste von Anwohner- und UmweltschützerInnen reihenweise die Traubenkirschen niedergemacht, und das mitten in ihrer Blütezeit.

TrauerDie AnwohnerInnen haben ihre Bäume mit Todesanzeigen, Kreuzen und Blumen bekränzt, protestieren lautstark mit Trillerpfeifen und Topfdeckeln, haben Parkverbotsschilder verschwinden lassen, so dass der Raum zugeparkt ist, umklammern gemeinsam die Delinquenten, vergießen sogar Tränen — es hilft alles nichts: Das Ordnungsamt lässt die Autos abschleppen, die jeweilige Straße wird „abgeflattert“, und massives Polizeiaufgebot bahnt dem Fällkommando von Baum zu Baum den Weg. Da vermögen auch die leidenschaftlichen Proteste von Grünen-PolitikerInnen wie MdA Volker Ratzman oder der Saiten-SpielerinBezirksverordneten Stefanie Remlinger nichts zu bewirken. Vogelnester in den Bäumen vermögen ein, zwei Fällungen erstaunlicherweise zu stoppen — nur ein kurzes Aufatmen —, dann werden die Gelege durch radikalen Kronenbeschnitt naturschutzgesetzwidrig regelrecht freigelegt. Eine Frau am Fenster kämpft mit versteinerter Miene und unablässigem Saitenspiel, so als wolle sie mit dem Bogen ihr Instrument zersägen, gegen den Lärm der Kettensägen an, die ihren Grünblick Stück für Stück zerteilen.

Wo Bäume fallen, lässt sich der Bürgermeister selbstredend nicht blicken: seine Anweisungen vor Ort zuNest rechtfertigen, sei nicht seine Aufgabe und würde zur Deeskalation auch nichts beitragen, versichert er. Das überlässt er Andreas Schütze, dem Leiter des Amts für Umwelt und Natur (AUN), oder Frau Koß von der Grünflächenpflege, die bei hartnäckigeren Nachfragen von Mitgliedern der BI Rettet die Straßenbäume ( (B.I.R.D.S.) allerdings von einem „Kommunikationsverbot“ spricht. — Von empörten BürgervertreterInnen und PolitikerInnen jetzt zur Rede gestellt, kann Köhne auch an seiner skurrilen Pflanzaktion, bei der ihn zwei trutzige Personenschützer flankieren, Makabres nicht finden: Jene insgesamt sechzig Traubenkirschen, denen es ohne Rücksicht auf Vegetations- und Brutperiode an den Kragen geht, seien allesamt verkehrsgefährdend, und er mache sich strafbar, wenn er sie nicht umgehend fällen lasse.

VergeblichDas lang erwartete Gutachten, worin genau dies behauptet wird (und das mit solchen juristischen Nötigungen deutlich seine Kompetenzen überschreitet), umfasst zwei Aktenordner; für ihre Sichtung aber wurden den BürgervertreterInnen lächerliche drei Tage Zeit gewährt. Ohnehin war die Kommunikation zwischen dem AUN und den BaumschützerInnen vom Bürgerverein Gleimviertel, wie berichtet, auf lange Strecken praktisch zum Erliegen gekommen. Der Auftrag der Gutachter war von 46 auf 161 Bäume erweitert worden, ohne dass die BI davon erfuhr [und wurde inzwischen auf das gesamte Kollektiv von 565 Traubenkirschen aufgestockt!]. Also zog sie Mitte April einen anerkannten Baumsachverständigen zu Rate, dem sogleich einige gravierende Mängel und Ungereimtheiten am Gutachten auffielen, deren detaillierte Darstellung hier jedoch den Rahmen sprengen würde. Bei dreißig Bäumen jedenfalls schien ihm eine Fällung durchaus nicht notwendig. Doch da waren sie schon im Gange.

Die Forderung eines Fällmoratoriums bis zum 1. Juni, um ausreichend Zeit zur Prüfung zu gewinnen, weistGeschlachtet der Bürgermeister in schon provokanter gebetsmühlenartiger Manier mit dem Hinweis darauf zurück, dass die BI die Gutachter Dengler und Rinn selber vorgeschlagen und also die Ergebnisse ihres Gutachtens auch zu akzeptieren habe. Im Übrigen werde man am 25.5. im Umweltausschuss ja über alle Einwände und auch die gutachterliche Gegenpositionen reden können. Dass bis dahin auch alle strittigen Bäume längst in Brennholz verwandelt und vollendete Tatsachen geschaffen sind, ist für Köhne offenbar kein Argument. Solches Verhalten kann man nur zynisch nennen. Hier werden die FällungBedenken von BürgerInnen einfach nicht ernst genommen und ihre Vorschläge zu einer Deeskalation durch echte Bürgerbeteiligung von vornherein als indiskutabel abgetan. Die Auffassung, dass ein Gutachten immer Fehler enthalten könne, scheint von dieser Warte aus nicht nachvollziehbar; den Vorschlag, die Bäume bis zu einer neuerlichen Prüfung abzusichern, schlicht abwegig, so als wäre bspw. der Abbruch baufälliger Balkone nicht mitunter jahrelang hinausgezögert worden. Jedwedes Argument wird mit Hinweis auf die Gefahr im Verzug mundtot gemacht und ein Aufbegehren gegen eine derart aufreizende Kommunikationsblockade als Krawallmacherei denunziert. Dass in dem unwahrscheinlichen Fall, dass eine Traubenkirsche tatsächlich einen Sach- oder gar Personenschaden verursachen würde, wenn man noch einige weitere Wochen von ihrer Fällung absähe, um Möglichkeiten des Baumerhalts zu prüfen, kein Staatsanwalt bei Würdigung der Umstände als schuldhaftes Verhalten der Amtsleitung anklagen würde —, das beurteile nun mal die Rechtsabteilung seines Bezirksamt diametral anders, beharrt der Bürgermeister.

Köhne mit VolkIm Übrigen sei man doch dabei, eine Bauleitplanung zu erarbeiten, um Orte für Pflanzungen ausfindig zu machen, aber Peter Brenn, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der BVV, befürchtet, dass solche Orte dann aus den verschiedensten Gründen: Gasleitungen, Medientrassen, zu schmale Trottoirs etc. nicht gefunden werden. Und dass AUN-Chef Schütze sich jetzt rühmen könne, von der Sanierungsverwaltungsstelle 150.000 Euro für Neupflanzungen losgeeist zu haben, wäre ihm ohne den monatelangen BürgerInnenprotest schwerlich gelungen. Noch im Winter hatte der Bürgermeister das Wort „Nachpflanzung“ nicht mal in den Mund nehmen wollen.

PlakatErschöpft halten schließlich beide Seiten inne, die Mitarbeiter der Gartenbaufirma wollen auch mal Mittag machen, und so wirft Matthias Köhne, der einmal der Kühne genannt werden wollte, aber hier nur noch der Verhöhnte und Ausgepfiffene ist, hastig einige Schaufeln Erde in die Pflanzgrube, schwenkt fahrig die Gieskanne und macht sich endlich rotköpfig mit seiner betretenen Entourage davon.

BaumschützerInnen bekränzen den armen Pflänzling mit einer Foto-Girlande und bekleben seinen Haltebock mit Plakaten, auf dem sich das Motiv abgesägter Baumstümpfe vielfach wiederholt.

Am Mittwoch, 30.5., 17:30 Uhr gibt es im Rahmen der BVV-Tagung eine von der Fraktion von B’90/Die Grünen beantragte Aktuelle Fragestunde zu den Vorgängen.
Ort: BVV-Saal, Bezirksamtsgelände, 10405 Fröbelstraße Haus 7/Prenzlauer Allee

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: