Infos unserer Schwester-BI Bäume für Kreuzberg

Wer wünscht eigentlich eine Umgestaltung des Luisenstädtischen Grünzugs?

Nachösterlicher Spaziergang mit Baustadträtin Kalepky lässt viele Fragen offen

Rund 25 AnwohnerInnen und Interessierte, darunter auch manche junge Mutter mit Kind, waren der Einladung von Baustadträtin Jutta Kalepky an Claudia Peter von der BI Bäume für Kreuzberg gefolgt und trafen sich Donnerstag (27. März) zum nachösterlichen Spaziergang in nur wenig wärmender Nachmittagssonne an der umstrittenen Pappelgruppe nahe Waldemarbrücke, um über das weitere Schicksal des Grünzugs entlang des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals und insbesondere seiner Bäume zu sprechen.

Frau Beyer vom Grünflächenamt ließ sich aus Termingründen entschuldigen, Frau Kalepky kam ohne Begleitung bzw. verließ sich allein aufs bekanntermaßen zuweilen etwas unberechenbare Sekundieren des grünen Bezirksverordneten Günther Schuhmacher, und so verdient ihr unerschrockenes Sicheinlassen auf die leicht gereizt wirkenden SO36erInnen jedenfalls durchaus Dank und Anerkennung!

Eigentlich wolle sie weder über Sicht- noch Symmetrieachsen sprechen, erklärte die Baustadträtin zur Begrüßung, sondernOsterspaziergang nur darüber, welche einzelnen Bäume bei einer denkmalgerechten Umgestaltung womöglich gerettet werden können, und schon die Formulierung „Rekonstruktion“ behage ihr in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Vielmehr gehe es um die planerische Gestaltung des Übergangs zwischen dem bereits sanierten Abschnitt ums Engelbecken mit seinen Pergolas, dem Waldpflanz- und Rosengarten einerseits und jener Strecke von der Waldemarbrücke bis zum Drachenbrunnen vorm O-Platz andererseits — und auch nicht darüber hinaus, denn entgegen anders lautender Informationen (z. B. seitens des Bürgervereins Luisenstadt) sei bis Reichenberger Straße oder gar Urbanhafen noch alles offen und eine Leitbild-Diskussion allererst noch anzustoßen.

Über Pläne wurde im folgenden viel geredet, Frau Kalepky führte im Rucksack auch einige mit sich, doch immer, wenn sich jemand der Anwesenden auf einen konkret beziehen wollte, wurde sie oder er beschieden: der sei ja längst nicht mehr aktuell und vom offenbar unablässig fortdauernden Planungsprozess schon wieder überholt. Wenn AnwohnerInnen anhand von Skizzen noch einmal ihre Befürchtung deutlich machen wollten, wonach doch offenbar der überwiegende Teil des vorhandenen Baumbestands verschwinden solle, wurden diese Skizzen umgehend für irrelevant erklärt, mochten sie auch von der Website des Bezirksamts selber stammen.

Auch über die Bewertung eben jenes ersten, 2007 fertig gestellten Abschnitts gingen die Ansichten von Amtsleiterin und BürgerInnen diametral auseinander: Diese sahen den Unterschied weniger zwischen kultivierter, ästhetisch ansprechender Parkanlage im Geiste Erwin Barths auf der einen, anarchisch sich selbst überlassenem Wildwuchs auf der anderen Seite, sondern vielmehr eine linear bis rechtwinklig barockisierende Konzeption, die vor lauter Blumenrabatten keinen Baum mehr übriglässt, gegenüber einer organisch entwickelten, lebendig mäandernden, von den NutzerInnen geschätzten Anlage, bei deren Gestaltung bspw. im effektvollen Arrangieren mächtiger Natursteinblöcke auch Kosten nicht gescheut wurden.

Die Diskussion mäanderte nun allerdings ihrerseits einigermaßen regellos dahin. Weder gelang es, sich über so etwas wieOsterspaziergang02 eine Tagesordnung zu einigen, noch sich über den Gebrauch von Begriffen wie „historisch“ oder „natürlich“ zu verständigen, geschweige darüber, in welchem partizipativen Verfahren denn nun jenes „Leitbild“ entwickelt worden sei, welchem nach den berühmten archäologischen Ausgrabungen um die Jahreswende 2006/7 die frühere Planung geopfert wurde. Diese war nach Meinung der AnwohnerInnen viel behutsamer mit dem Vorhandenen umgegangen, hatte z. B. eine Absenkung des Mittelwegs lediglich um 60 cm vorgesehen und eine bloß dreistufige Treppe, von zwei Rampen flankiert, die auch Behinderten oder Eltern mit Kinderwagen problemlosen Zugang ermöglichen würden. — Auf Grund der Entdeckung jener historischen Treppe jedoch sehe der auch in der Info- und Fragestunde am 12.3. im Rathaus vorgelegte Plan nun eine Niveauabsenkung des Hauptwegs um exakt 1,87 m vor, und die folglich viel höhere Treppe weise nun keine Rampen mehr auf, so dass der konzipierte „Hohlweg“ für Behinderte nur mehr von einer Seite her zugänglich sei.

Die rechtwinklig-regelmäßigen Nischen für Ruhebänke [eine historische Aufnahme findet sich hier]; die Abböschungen, die den gravierenden Niveauunterschied zum umliegenden Straßenland allmählich überbrücken sollen, dafür aber die Bäume kosten: all dies stieß auf Skepsis und fast einhelliges Kopfschütteln. Wieder und wieder wurde der in Zeiten immer heißerer Sommer, galoppierenden Artensterbens bei unverdrossen fortschreitender Versiegelung und Verdichtung gar nicht zu überschätzende Wert alter Bäume und gewachsener Biotope betont, wogegen man den Wert historischer Konzeptionen doch schließlich abzuwägen habe —, allein nicht einmal über Bedeutung und Begriff von Stadtnatur schien eine Verständigung möglich. Laut Jutta Kalepky müsse die nun einmal kultiviert werden, während es für die sich freier entfaltende in Kreuzberg ja die entsprechenden Areale auf dem Gelände des Gleisdreicks gäbe…

Nach gut einer Stunde verabschiedete sich die Stadträtin für diesmal aus der leidenschaftlich und teilweise erregt geführten Debatte. Die Forderungen nach Umleitung der Denkmalschutz-Gelder in lohnendere Projekte; nach Baumschutz-PlakatVerbesserung von Pflege und Erhalt des Bestehenden, mit dem die NutzerInnen und ihre Kinder doch offenbar vollauf zufrieden sind; nach Wiederaufnahme der Leitbilddiskussion auch für den in Rede stehenden Bereich —, diese Forderungen scheinen aus administrativer Sicht offenbar nicht ausreichend qualifiziert.

Die große Bürgerversammlung, die nunmehr auf Ende April terminiert ist, wenn das Planungsbüro TOPOS und Frau Bergander (hoffentlich) alternative Konzepte entwickelt haben werden, soll indessen Gelegenheit bieten, unter diesmal breiterer BürgerInnenbeteiligung das Themenspektrum im Licht der jüngsten Erfahrungen noch einmal gründlich zu diskutieren. — Dass bis dahin, wenn auch unausgesprochen, ein Fällmoratorium beobachtet wird, immer vorausgesetzt!

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2 Kommentare

  1. Rainer Böziger said,

    28. März, 2008 um 10:32

    Die Behörde liest ja mit, also für Euch:
    Ich will keine Baustelle, ich will nutzen , flanieren, ungehindert vom Engelbecken bis zum Urbanhafen spazieren gehen können.
    Die 200.000.-€ für diesen Abschnitt sollten darauf verwendet werden, die Bausünden am Oranienplatz ( keine Bäume auf der Mittelinsel, Gebüsch weg, Wüste in der Mitte) zu heilen.
    Lasst uns in Ruhe mit Eurer Postkartenplanung!
    Wir wollen nicht noch einmal monatelang am Bauzaun entlanggehen, um dann schlussendlich die katastrophalen Ergebnisse Eurer Planungssünden zu ertragen !
    Überall in Berlin werden Bäume und Sträucher geschliffen. Schande !
    Die neue Definition von „Natur in der Stadt“. Quadratisch, praktisch,…(kann man leichter sauber halten)
    Wer da nicht „fachlich“ mitdiskutiert ist ein dahergelaufener Lump, der sich hinter illegal angesiedelten Sträuchern versteckt.
    Wir erwarten von den Grünen was anderes.
    Wacht auf!

  2. xonra said,

    28. März, 2008 um 13:08

    Sehr geehrte Frau Kalepky,
    leider konnten Sie die Anwohner nicht überzeugen. Wie Sie selbst gemerkt haben, sind die Anwohner nicht der Meinung, dass der Grünzug einer „denkmalgerechten Aufhübschung“ bedarf. Die große Mehrheit der Anwohner lehnt Baumaßnahmen zur angeblichen Verbesserung des Gebiets unter Einsatz erheblicher Finanzmittel ab. Die Anwohner sind mit dem Zustand voll und ganz zufrieden. Die eingesparten Mittel können angesichts der Kassenlage in der Stadt nunmehr evtl. für den Neubau der Stadtschlosses verschwendet werden, oder sinnvoll für die Renovierung von Schulen und Kitas investiert werden.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Xonra


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