BaumschützerInnen-Info vom 17.03.08

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Zu den elf Pappeln an der Waldemarbrücke und anderem Wildwuchs

Aus der Frage- und Infostunde, zu der Baustadträtin Jutta Kalepky vergangenen Mittwoch (12.3.) Interessierte ins Rathaus Kreuzberg gebeten hatte, wurden schnell zweieinhalb, denn das Informationsgefälle zwischen Amt und BürgerInnen (und offenbar auch zwischen ihnen und dem sie angeblich vertretenden Bürgerverein Luisenstadt) erwies sich als sehr steil, und die offenen Fragen haben sich eher noch vermehrt.

Waldepappeln15 BürgerInnen hauptsächlich aus der neuen BI Bäume für Kreuzberg, aber auch von anderen Inis saßen den VertreterInnen aus Bezirksamt und Grünenfraktion gegenüber und staunten erst einmal nicht schlecht, als sie hörten, zum Bäumefällen brauche das Amt keine Genehmigung; für artenschutzrechtliche Begutachtung (Suche nach Brut- und Niststätten, die ganzjährig vor jeder Baumfällung erfolgen muss), brauche es keinen Fachmann, und überhaupt seien die Pappeln nicht etwa auf Grund irgendwelcher baumsachverständiger Expertise und dabei entdeckten mangelnden Standsicherheit auf die Fällliste geraten, sondern weil sie der geplanten gartendenkmalgerechten Rekonstruktion des Grünzugs und insbesondere der Anlage eines Spielplatzes im Wege stünden.

Pläne aus verschiedenen Jahren hingen an der Pinnwand: der erste noch von 1986 aus IBA-Zeiten, der einen geschwungenen, bachähnlich mäandernden Verlauf des Grünzugs zeigt — „eben wegen der Bäume“, wie ein an der damaligen Planung beteiligter Anwohner erklärte —, dann einer von 2005, noch vor den berühmten archäologischen Ausgrabungen, der schon reichlich rechtwinklig-preußisch daherkommt, und schließlich das „Strukturkonzept“ des Planungsbüros Topos von 2007 nach den Funden, das im Bereich des ehemaligen Kanals nur noch zwei Bäume übrig lässt. — Die BürgerInnen waren überrascht, dass der Plan, den ihnen der BV vor einigen Monaten als Grundlage der Baumaßnahmen überreichte, gar nicht aktuelle Planungsgrundlage ist, forderten baldmöglichst Informationen über die neue Planung und lehnten es ab, in diesem Stadium und in dieser Runde inhaltliche Detailfragen zu diskutieren.

Viel wichtiger sei zunächst die Klärung,

  • ob sich das Amt der Auffassung anschließe, dass der Bürgerverein Luisenstadt — seinerzeit beauftragt, „in einem Bürgerbeteiligungsverfahren die Wünsche der Anwohner zu ermitteln“ (Zitat Website) und dafür auch bezahlt — diesen Auftrag nicht erfüllt und es damit noch gar keine wirkliche Bürgerbeteiligung gegeben habe;
  • dass mithin die Planung in einem allererst auf den Weg zu bringenden Bürgerbeteiligungsverfahren neu vorzustellen und zumal das „Leitbild“ für den Südteil neu zu diskutieren sei (am besten beginnend mit der am
    9. April geplanten BürgerInnenversammlung
    , die jedenfalls eine große werden müsse und nicht wieder eine im kleinen Kreis, wie es der BV offenbar favorisiere); und last not least
  • ob die Baustadträtin bereit sei, mindestens bis zu diesem 9. April ein Fällmoratorium zu erklären.

Um mit dem letzten Punkt zu beginnen: Jutta Kalepky verweigerte die Verkündung eines solchen Moratoriums bzw.Waldepappeln erklärte sich dazu außerstande, da sie im Hinblick auf die Mittelsicherung erst einmal Rücksprache mit den Geldgebern, also der Städtebaulichen Denkmalpflege, halten müsse (und übrigens für den Baumschutz von dort bereits wenig ermutigende Signale empfangen habe…), und auch amtsintern gebe es einigen (Er-)klärungsbedarf: Schließlich seien hier wie auch auf Seiten des BV bereits viel Zeit, Energie und Engagement investiert worden. Ansonsten bot die Stadträtin eine Art Osterspaziergang an, um sich vor Ort gemeinsam ein Bild darüber zu machen, um welchen Baum möglicherweise herumgebaut werden könne. Ein konkreter Termin wurde noch nicht vereinbart.

Auch zum Eingeständnis, dass der BV nicht die Kreuzberger BürgerInnen repräsentiere, mochte sich die Stadträtin nicht durchringen, obwohl Zaungäste der BV-Veranstaltungen berichteten, dass die wenigen Teilnehmenden immer mehrheitlich aus Mitte und gerade nicht aus Kreuzberg stammen.

Die BI-Mitglieder machten demgegenüber geltend,

  • dass, wenn es um Respekt gehe, dieser auch den Planungen und Umsetzungen gebühre, die unter wirklicher Bürgerbeteiligung in den 80er Jahren erfolgten und sowohl die Bäume wie die Zeitschichten jüngster Vergangenheit berücksichtigten;
  • dass dieser Respekt aber vor allem den Bedürfnissen der AnwohnerInnen geschuldet sei, deren Lebens- und Erlebnisqualität gemindert werde, wenn man große, gesunde Bäume einem rigoristischen Verständnis von denkmalgerechter Rekonstruktion opfere;
  • dass demgegenüber eine baumschonende, naturverträgliche Rekonstruktion sehr wohl denkmalgerecht im Geiste des Reformers Erwin Barth sein könne;
  • dass Pläne auch geändert werden können;
  • dass es gerade in einem von den Grünen regierten Bezirk ein Unding sei, in Zeiten von Klimawandel und Artensterben als „verzichtbar“ deklarierte Bäume zu fällen, vom sog. Wildwuchs, nämlich all den Büschen und Sträuchern, die Vögeln und zahllosen Kleinlebewesen als Nahrungsquelle, Deckung und Habitat dienen, zu schweigen.

Über die Darstellung der wechselseitigen Positionen hinaus bestand die einzige konkrete Aussage, mit der sich die BI-Mitglieder durch Regen und Wind auf den Heimweg machten, also darin, dass die Fällung weiterhin beauftragt ist und jederzeit vollzogen werden kann, mithin der Protest vieler AnwohnerInnen wenig Eindruck gemacht hat und nötigenfalls schlicht ignoriert wird. — Interesse an einer konsensuellen Lösung und an Vertrauensbildung sieht anders aus!

Da sich die Menschen schon einmal entschlossen vor ihre Bäume gestellt haben, wird die Fällung nur unter Polizeischutz möglich sein, und auch ein solcher Einsatz ist bekanntlich nicht billig. Der bloße Hinweis darauf aber wurde bereits als Drohung aufgefasst.

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5 Kommentare

  1. Detlef said,

    24. März, 2008 um 19:10

    Mal übern Tellerrand schauen würde helfen so einen Dummfug zu verfassen.

    Nutzen die Leute aus Mitte den Kanal nicht und haben deshalb kein Mitspracherecht?

    Die Bürgerwehr wohnt offensichtlich am Kanal wo ja nur Eigentumswohnungen sind, an die der Bürgerverein, ja Einladungen zur Bürgerbeteiligung versandt hatte.

  2. Detlef said,

    25. März, 2008 um 5:02

    Ja, die BI macht geltend, das „dass dieser Respekt aber vor allem den Bedürfnissen der AnwohnerInnen geschuldet sei, deren Lebens- und Erlebnisqualität gemindert werde, wenn man große, gesunde Bäume einem rigoristischen Verständnis von denkmalgerechter Rekonstruktion opfere“

    In Wirklichkeit wollen die Anwohner dort ihre Ruhe und deshalb den Kinderspielplatz verhindern (!) der für die vielen Hinterhof Kinderläden in Kreuzberg so wichtig wäre.

  3. 26. März, 2008 um 12:23

    […] mehr direkt beim Lanwehrkanal Blog: https://baumschutz.wordpress.com/2008/03/15/liebe-baumschutzerinnen-5/ […]

  4. Helke said,

    27. März, 2008 um 23:00

    Die Firma TOPOS war vor Jahren gutachtend tätig für zwei riesige Schattenspender vor der Humboldt-Universität. Die Bäume sollten angeblich den Untergrund des Zaunes beschädigen. Dieser – irrigen – Meinung schloß sich auch die Universitätsleitung – gegen den Widerstand von Naturschützern – an. Die Bäume wurden heimlich Anfang Januar – noch während der Weihnachtsferien – abgeholzt. Diese ehemalige idylle ist auch heute noch ein traurig trostloser kahler Univeristäts-Vorplatz.

  5. Anne said,

    27. März, 2008 um 23:13

    Lieber Detlef,

    Tatsächlich ist es so daß viele der direkten Anwohner bis vor kurzem leider überhauptnicht informiert waren, was dort vor ihrer Haustür passieren sollte.
    Da können die vom BV Luisenstadt noch so oft ihr Mantra von den 3.000 Flugblättern (oder noch mehr?!) runterbeten die angeblich am ehem. Kanal entlang verteilt worden seien.

    „Nutzen die Leute aus Mitte den Kanal nicht und haben deshalb kein Mitspracherecht?“

    Mitspracherecht sollten natürlich alle Anwohner haben.
    Und das bedeutet auch die Nutzer der Anlage aus der unmittelbaren Umgebung: z.B. Naunyn-, Oranien-, Dresdener-, Ritterstraße usw.,
    und zwar nicht nur für die Teilstücke die direkt vor ihrer Nase liegen
    sondern für den gesamten Grünzug, da von den meisten der gesamte Grünzug sowohl als wichtiger und angenehmer Verkehrsweg als auch zur Erholung täglich genutzt wird.

    …“In Wirklichkeit wollen die Anwohner dort ihre Ruhe und deshalb den Kinderspielplatz verhindern (!) der für die vielen Hinterhof Kinderläden in Kreuzberg so wichtig wäre.“

    Aha. Dieser Kritikpunkt entspringt tatsächlich einer sehr interessanten denkweise…in Wirklichkeit, soso. Wieviele Kinder hast du denn???

    Vielleicht hast du schon bemerkt, daß dort bereits ein Spielplatz ist?

    Mit hohem Erlebniswert für die Kids durch die Granitblöcke auf denen man super Bergsteigen und Expedition und so spielen kann! (Ja, da spielen tatsächlich Kinder!)
    Ein paar ordentliche Kletterbäume wären noch super…
    Außerdem gibt es in unmittelbarer Nähe und ebenfalls sehr beliebt den Spielplatz in der Naunynstraße/O-Platz, in der Dresdener Straße neben der Ina-Kita, in der Waldemarstraße neben dem Bethanien, den Kinderbauernhof am Mauerplatz …

    Meine Kinder hassen es jedenfalls durch die Laubengänge am Engelbecken zu flanieren (da ist es so langweilig) und geradlinig durchgestylte Spielplätze mit Steg und Pseudospielbooten neben einem „Wasserlauf“ der sowieso versiffen wird dank mangelnder Pflege (siehe Becken vom Drachenbrunnen) sind auch nicht der Renner.
    Gerade weil wir mitten in der Stadt leben brauchen wir den Kontrast!
    Wir brauchen das wilde, wuchernde Grün!
    Wir brauchen riesige Bäume!
    Und die vielen Hinterhof-Kinderläden brauchen noch ganz andere Sachen!
    Zum Beispiel brauchen die auch den Verkehrsgarten am Wassertorplatz. Was sieht da denn die historisch-denkmalgerechte Sanierung vor?!
    Aber darüber wollen die Planer lieber nicht sprechen, auch ein Statement.
    Oder der Skateplatz und die Seilbahn über das Wiesental auf der anderen Seite der Skalitzer Straße?

    Wem das nicht passt, der kann sich ja ans Engelbecken setzen, das ist eh schon ruiniert, da fällts dann nicht mehr so auf. So ist dann für jeden was dabei.


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