BaumschützerInnen-Info vom 03.03.08

Was „Emma“ nicht gelang, will Jutta besorgen…

Entschlossener Einsatz von AnwohnerInnen verhinderte Fällung der Pappelgruppen an der Waldemarbrücke — vorerst!

Fällkommando

Fällkommando

Noch vor sieben heute früh geriet die Welt um den Oranienplatz in Unordnung: Die Beobachtungsposten in oberen Etagen von Häusern nahe Waldemarbrücke sichteten ein Fahrzeug der Fa. GVS Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau, verdächtige Baumschnitzel im offenen Laderaum, eine Hebebühne im Schlepp. Über eine Telefonkette wurden Mitglieder der jungen BI „Bäume für Kreuzberg“ alarmiert und eilten den bedrohten Pappeln zu Hilfe, doch unversehens rückte das Fällkommando wieder ab — zu einer Notfällung gerufen, wie sich später herausstellte. Die BaumschützerInnen retirierten in ihre Behausungen, nur um gegen elf Uhr abermals alarmiert zu werden.

Polizei

Polizei

Der Transit mit insgesamt vier Arbeitern war zurückgekehrt, die nun unverzüglich Ernst machten und für die Umsetzung des Firmenmottos „Gekonnt Vegetation Schaffen“ erst mal Platz schaffen wollten: Das Gelände wurde mit Flatterleine abgesperrt, die Hebebühne ausgefahren, die Kettensägen angeworfen, und ratz fatz waren von zwei der hohen kerngesunden Pappeln, die gerade unbeschadet „Emma“ getrotzt und alle gutachterlichen Behauptungen mangelnder Standsicherheit Lügen gestraft hatten, die ersten starken Äste abgesäbelt. Die herbeigeeilten AnwohnerInnen missachteten die Absperrung und drangen unter lautem Protestgeschrei zu ihren Bäumen vor, was wiederum die Arbeiter veranlasste herabzukommen, um nach ihrem Verständnis Ordnung zu schaffen. Zum lautstarken Verdruss des Vorarbeiters wusste die inzwischen auf etwa 20 Personen angewachsene Menge jedoch von da an beherzt zu verhindern, dass auch nur noch ein einziger weiterer Ast abgesägt wurde.

Nicht fällen!

Keine Bäume fällen!

Der auf dem Schauplatz zwei Mann und eine Frau hoch erschienenen Polizei konnte der Fälltrupp keinerlei Genehmigung vorweisen. MedienvertreterInnen und Bezirksverordnete der Grünen tauchten auf, drei Kiddies skandierten unablässig „Wir sind dagegen, keine Bäume fällen!“, und so mussten die GVS-Mannen unter dem Jubel der BaumschützerInnen schließlich abziehen, nahmen’s gelassen mit Ausnahme ihres Vorarbeiters, der seit 25 Berufsjahren noch keine Fällgenehmigung benötigt haben will und trotzig versprach, morgen noch früher wiederzukommen…

Für die ursprünglich bereits am vergangenen Mittwoch fälligen beiden Baumgruppen von insgesamt etwa zehn Pappeln schien noch am Wochenende in letzter Minute ein Aufschub erwirkt; Baustadträtin Kalepky hatte sich gesprächsbereit gegeben, in mehreren Telefonaten das Schaffen vollendeter Tatsachen per Nacht-und-Nebel-Aktion definitiv ausgeschlossen und ein baldiges Treffen mit den AnwohnerInnen in Aussicht gestellt, die die sog. denkmalgerechte Rekonstruktion, welche angeblich auch noch mit ihrer Billigung erfolgt und der bis auf zwei Ausnahmen sukzessive alle Bäume und „wildgewachsenen“ Büsche entlang des Luisenstädtischen Grünzugs geopfert werden sollen, entschieden ablehnen.

Vergangenen Freitag nahmen BürgervertreterInnen mit baumsachverständigem Beistand im Rathaus Kreuzberg Akteneinsicht und staunten nicht schlecht angesichts der wahrhaft windigen Gutachten, die, von keiner sorgfältigen Einzeluntersuchung angekränkelt, ohne jede fachlich nachvollziehbare Begründung, gewissermaßen aus der Vogelperspektive die Pappeln als „für den Standort völlig ungeeignet“ und für ihren Stammumfang als zu hoch deklarieren. Aus der zunächst empfohlenen Einkürzung wurde — offensichtlich auf Intervention des Auftraggebers hin — eine dringend angeratene Rodung und sodann übrigens sehr richtig konstatiert, dass, wenn nur einige Bäume beseitigt würden, die übrigen bei Stürmen erst recht „umsturzbedroht“ wären. — Im Grünflächenamt weiß man übrigens nichts von einer mangelnden Verkehrssicherheit der Pappeln, sondern nur, dass sie einer Planung im Wege stünden.

Und den Unterlagen zum Bürgerbeteiligungsverfahren sieht man den Zeitdruck an, unter dem längst feststehende Ergebnisse erzielt werden mussten. Die Stimmen derer, die auch im Bürgerverein Luisenstadt gegen Fällungen votierten, wurden schlicht unterdrückt. — Im übrigen ist es durchaus nicht so, dass Mittel der Denkmalbehörde nur bei einer 1:1-Umsetzung von Originalplänen fließen: Davon zeugt z. B. ein zu einem historischen Ensemble gehörendes Schulgelände, dass nach den Vorstellungen lebendiger Kinder gestaltet werden darf.

Die Durchführung des Bürgerbeteiligungsverfahrens zur Umgestaltung des Oranienplatzes und die Organisation solcher Verfahren im Bezirk überhaupt werfen mithin eine ganze Reihe von Fragen auf, die Mitglieder der neu gegründeten BI Bäume für Kreuzberg in einem Offenen Brief direkt an Bürgermeister Franz Schulz richteten.

Was da heute veranstaltet wurde, war jedenfalls eindeutiger Wortbruch und heimtückisches Vorgehen à la Brockelmann en miniature! Es steht zu hoffen, dass Frau Kalepky in der heutigen Sitzung der Grünenfraktion einen schweren Stand hatte und nunmehr bereit ist, öffentlich ein Fällmoratorium mindestens bis zum 9. April zu erklären, dem Zeitpunkt einer neuen BürgerInnenversammlung. Im übrigen muss auch und gerade in Kreuzberg endlich ernst gemacht werden mit BürgerInnenbeteiligung und Schluss sein mit manipulierten Alibiveranstaltungen und kaltschnäuzigen Überrumplungsmanövern!

Kommt morgen früh zur Waldemarbrücke
und zu den dortigen Treffen
montags & donnerstags ab 18 Uhr!
Tragt Euch in die Unterschriftenlisten ein!

Mit dem 1. März hat die Vegetations- und Brutperiode begonnen,
mit dem Fällen muss schon deshalb endlich Schluss sein!

Die elf Pappeln an der Waldemarbrücke

5 Kommentare

  1. 4. März, 2008 um 9:25

    Morgen,
    wenn das stimmt, was ich heute Morgen in eurem Bericht gelesen habe, dass dier Baumfälltrupp ohne Fällgenehmigung agieren wollte, aber gleichzeitig im Auftrag der Verwaltung handelte, dann liegt hier ein Fall von Amtsmissbrauch und Fehlverhalten vor der geahndet werden sollte. Also mindestens die Einleitung einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Ich habe eh den Eindruck dass die Kreuzberger Verwaltung sich immer mehr als Anti-Kreuzberger outen. Da möchte ich fast schon die Bezirkspolitiker in Schutz nehmen, die die Suppe dieser merkwürdigen Verwaltungskaste auszulöffeln hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass nicht wenige dieser Bürokraten schon längst beschlossen haben einen „Krieg“ gegen die Kreuzberger ausfechten wollen. Ich hoffe das klingt nicht zu hysterisch oder zu verschwörerisch aber wenn man mal anfängt alles aufzuzählen was die Verwaltung sich schon so geleistet hat, da ist ja fast schon ein innerer, gefestigter, systemimmanenter Widerstand gegen Kreuzberger Bürgerinteressen auszumachen.
    Bin gerade dabei einen Artikel über die unsägliche Beschilderungsaktion des Grünflächenamtes zusammenzuschreiben. Auf jedem noch so kleinen Flecken Grün werden alle paar Meter Schilderungetüme aufgestellt. An der Fontanepromenade sind dies alleine 19 Stück, auf dem Lausitzer Platz 13 Stück. Diese Verschleuderung von öffentl. Geldern könnte man gut und gerne für Bäume ausgeben als für diese affigen Schilder.

  2. xonra said,

    10. März, 2008 um 8:55

    Schilderwald ist pflegeleicht.

  3. Detlef said,

    24. März, 2008 um 15:21

    Auf dem Luisenstädischen Kanal wurde ein wahres Naturparadies mitten in der Stadt geschaffen. Hunderte von Bäumen wurden gepflanzt. Im gegensatz zur Bäume BI die nur Bestandsbäume erhalten will! Aufgeschwungene Helden, die nicht über den Tellerrand sehen können. Die öffentliche Darstellung des Bürgervereins durch die Bäume BI ist völlig falsch.
    Eine Fällgenehmigung lag auch vor nur hatte die Firma diese ebend nicht dabei.
    Der ganze Papierkram. Immerhin hatten Sie die zur Durchführung ihrer Arbeit notwendigen und von der Bäume BI geforderten Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitserlaubnisse mit.Diese wurden nur gefordert weil in der Gartenbaufirma Menschen anderer Hautfarbe tätig sind. Das ist doch rassistische Scheiße.

  4. Gunther said,

    25. März, 2008 um 5:04

    Ja, die BI macht geltend, “dass dieser Respekt aber vor allem den Bedürfnissen der AnwohnerInnen geschuldet sei, deren Lebens- und Erlebnisqualität gemindert werde, wenn man große, gesunde Bäume einem rigoristischen Verständnis von denkmalgerechter Rekonstruktion opfere”

    In Wirklichkeit wollen die Anwohner dort ihre Ruhe und deshalb den Kinderspielplatz verhindern (!) der für die vielen Hinterhof Kinderläden in Kreuzberg so wichtig wäre.

    Einen Kommentar hinterlassen

  5. Klaus said,

    25. März, 2008 um 5:07

    Früher hat die Katholische Kirche die Kanalgartenpläne verhindert, heute die katholischen Anwohner.


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