BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Anmerkungen zur ersten Tagung des Arbeitskreises „Nachhaltige Schifffahrt und wirtschaftlichen Nutzung“

Mit der allseits gelobten Konstruktivität jener ersten Sitzung des Arbeitskreises zum „Umgang mit kurzfristigen Maßnahmen“ vom 3. Januar [siehe auch die Beiträge unterm 5.1.] kann die ebenfalls erste Zusammenkunft des Arbeitskreises zur „Nachhaltigen Schifffahrt und Wirtschaft“ zumindest nach Meinung mancher seiner TeilnehmerInnen nicht mithalten, doch kann man daraus der Runde, die am 8. 1. im Wasser- und Schifffahrtsamt über vier Stunden tagte, wohl schwerlich einen Vorwurf machen.


		
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BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Zu Begriff und Thematik von „Nachhaltigkeit“

Zunächst sollte es nämlich um eine Themensammlung gehen, bei der alle Beteiligten ihre Vorstellungen davon skizzierten, worin für sie im Hinblick auf die Sanierung des LWK Nachhaltigkeit denn nun eigentlich besteht bzw. bestehen müsse und woran sie sich nach dereinst erfolgter Sanierung zu bemessen habe, doch der, wie sich Mediator Kessen ausdrückte, eher philosophische Charakter der übergreifenden Thematik Nachhaltigkeit führte naturgemäß immer wieder zu Abschweifungen, kleineren Scharmützeln an wohlbekannten Frontverläufen, aber doch auch zu spannenden und höchst informativen Diskussionen: Wie ist dieser fundamentalen Anforderung — von hellsichtigen Zeitgenossen bekanntlich schon Anfang der 70er Jahre an unsere Lebens- und vor allem Wirtschaftsweise gestellt angesichts des hemmungslosen Raubbaus, den namentlich die hochindustrialisierten Länder der Nordhalbkugel in blindem Wachstumswahn an den endlichen, rapide schrumpfenden Ressourcen unseres Planeten begangen haben und weiterhin begehen — wie ist also dieser inzwischen etablierten, allseits verbal akzeptierten und bis zum Überdruss nachgeplapperten Maxime, dass unser Wirtschaften bei Strafe des Untergangs allen höheren Lebens nachhaltig zu sein habe, lokal und ganz konkret in der künftigen Sanierung und Nutzung des LWK Folge zu leisten?

BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Aus Sicht des Vorhabenträgers

Was sich zunächst einmal der Vorhabensträger, nämlich das WSA, unter nachhaltiger Nutzung des Kanals vorstellt, wurde noch nicht recht deutlich, sondern lediglich in diesem eigentlich wenig passenden Moment der gesetzliche Auftrag rezitiert, der bekanntermaßen in der „Gewährleistung der Sicherheit und Leichtigkeit der Schifffahrt“ besteht, aber sich doch im Hinblick auf Nachhaltigkeit hoffentlich nicht darin erschöpft. Die Tolerierung einer Verdopplung, ja Verdreifachung der Schiffsfrequenz bei Steigerung der Geschwindigkeit mittels immer leistungsstärkerer Motoren gerade seit der Zeit der WSA-Zuständigkeit hat sich für unser historisches, denkmalgeschütztes und für eine solch exzessive Nutzung nun mal nicht ausgelegtes Bauwerk als mitnichten nachhaltig erwiesen!

Auf der anderen Seite impliziert die Feststellung Jens Dinglers, beim WSA zuständig für den wasserpolizeilichen Bereich, dass der Kanal prinzipiell auch allen Arten von Sportbooten unter Einschluss muskelbetriebener offen stehe, in diesem Kontext jedoch, dass a fortiori auch Sicherheit und Leichtigkeit von deren Fahrt zu gewährleisten sind, was sich freilich in der Praxis nur allzu oft ganz anders darstellt.

Festzuhalten bleibt, dass sich nach Einschätzung des WSA die Beschränkung auf 6 km/h Höchstgeschwindigkeit sowie auf einspurigen Betrieb ausgezeichnet bewährt und für durchweg positive Rückmeldungen gesorgt habe: Vor Schleusen und Brücken sei es nicht mehr länger zu Staus gekommen, der Sicherheitsabstand vom Ufer sei endlich gewahrt worden — und Lärm und Emissionen, so dürfen wir ergänzen, sind zurückgegangen. Zufrieden konstatiert Jens Dingler, dass offensichtlich alle Beteiligten eine Sanierung des LWK anstreben, bei der Fahrgastschifffahrt und Sportbootverkehr auch weiterhin gewährleistet seien. — Bleibt mit Blick auf die Prognosen der Potsdamer Klimaforscher und die besonders in Brandenburg schon jetzt auffälligen Vorboten der Klimakatastrophe lediglich abzuwarten, ob die in zwei, drei Jahrzehnten übrig gebliebene Wassermenge eine Schleusung und damit Befahrung des LWK überhaupt noch zulässt…

BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Elemente eines zukunftsfähigen Nutzungskonzepts

Ausgehend von unserer Mind Map, jener „Gedankenkarte“ aus der Auftaktveranstaltung [siehe hier], wurde gemeinsam noch einmal das breite Themenspektrum abgeschritten, dass sich mit der Nutzung des LWK verknüpft, denn dabei ist ja nicht nur die wasserseitige Nutzung zu berücksichtigen und diese wiederum auf die Fahrgastschifffahrt einiger Großreeder zu fokussieren, so als hätten diese, was die ökonomischen Interessen angeht, quasi einen Alleinvertretungsanspruch. Es gibt einen steigenden Verkehr an Sportbooten, seien sie motor- oder muskelbetrieben; es gibt kleinere Fahrgastboote mit Solarantrieb; und es gibt bereits seit längerem das Bestreben, einen Wassertaxi-Service einzurichten. Dies führt sogleich auf die Problematik von Anzahl, Art und Nutzung der Anlegestellen: ob ihre Zahl wirklich ausreiche, wie die Großreeder und das WSA unisono behaupten, oder ob nicht vielmehr weitere, dafür aber kleinere Stege auch für Paddler und Kanuten einzurichten seien, ja wie überhaupt die gegenwärtige Vergabe- und Genehmigungspraxis zu bewerten und das schier undurchdringliche Gestrüpp derzeitiger Genehmigungsvorschriften, Kompetenzen und Zuständigkeiten zu lichten sei.

Berlin wird nämlich zunehmend auch als Wasserstadt entdeckt, deren touristische Highlights wunderbar vom Wasser aus erkundet werden können, nicht zuletzt auf sog. Wasserwanderrouten aus Richtung Brandenburger Umland, und um diese immensen Potentiale zu erschließen, müssen sich wasser- und landseitige Nutzungsformen enger verschränken, können insgesamt ungleich attraktiver gestaltet und auf diese Weise auch der LWK und seine erweiterten Uferbereiche womöglich regelrechter BesucherInnen-Magnet werden. Eine entsprechend auszubauende und zu optimierende logistische wie gastronomische Infrastruktur aber würde im Verbund mit anderen Formen ufernahen Gewerbes vor allem auch nachhaltige Arbeitsplätze gerade in solchen Bezirken schaffen, die nach wie vor mit hoher Arbeitslosigkeit geschlagen sind!

BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Der nicht nachhaltige Status quo

Dass in diesem Zusammenhang Erholungsnutzung und Naturerhalt höchste Bedeutung zukommen, braucht nicht extra erläutert zu werden. (Nur auf die Qualität der Barrierefreiheit ist immer wieder eigens hinzuweisen, denn Kleinkinder wie ältere Menschen und solche mit Behinderungen dürfen vom Erleben dieses einzigartigen Erholungs- und Erlebnisbereiches nicht a priori ausgeschlossen werden!) Die Erholung am LWK ist jedoch zumal in der Hochsaison, wenn rechnerisch alle zehn Minuten ein Fahrgastschiff den Kanal passiert, bekanntlich alles andere als ungetrübt: Übelriechende Dieselwolken verdunkeln periodisch die Sonne, Motorenlärm erstickt jede Unterhaltung, und die überlauten Megaphone der Reisebegleiter tun mit ihren stereotypen Durchsagen ein Übriges. — Als Veranstalter eines über viele Monate hindurch allabendlichen Protesttreffens auf der Admiralbrücke wissen wir, wovon wir reden und fordern deshalb, in solchen Hauptverkehrszeiten analog der Praxis an hochfrequentierten Straßenkreuzungen und im Hinblick auf die hier zulässigen Grenzwerte eine Messung der Feinstaub- und Lärmemissionen auf Brücken, in den Schleusen sowie frühmorgens im Urbanhafen, wenn unweit eines Krankenhauses die warmlaufenden Motoren zahlreicher hier über Nacht liegender Spree-Schiffe die Atmosphäre eines LKW-Parkplatzes erzeugen. Hier geht es um eine überfällige Bestandsaufnahme des Status quo, und da ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in der Pflicht, die anders als die Bezirke über die nötige Messtechnik verfügt, doch bezeichnenderweise haben weder diese noch jene in den Arbeitskreis „Nachhaltigkeit“ bislang VertreterInnen entsandt.

BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Gegenrede der Reeder

Während die Vertreterin der Reederei Riedel zu den obigen Vorhaltungen beharrlich schwieg, hielt der Geschäftsführer von Stern und Kreis, Jürgen Loch, sekundiert von seinem Leiter Technik, Bernd Grondke, all dem entgegen, dass ihre Schiffe in den letzten beiden Jahren sämtlich neu motorisiert worden seien (mit Ausnahme zweier Fahrzeuge!), und zwar nach dem modernsten auf dem Markt verfügbaren Standard, um die am 1.7.2007 in Kraft getretene Emissionsstufe II der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) erfüllen zu können, die die Grenzwerte für alle Dieselmotoren ab 19 KW erneut verringert hat. Katalysatoren seien jedoch wegen der niedrigen Verbrennungstemperatur im Standgasbetrieb nicht einsetzbar, weswegen derzeit sog. Nachbrenner erprobt würden, und auch Feinstaubfilter analog jener in modernen LKW-Motoren verwendeten würden wegen zu geringer Nachfrage für Schiffsmotoren, die mit nur 0,5 Prozent Marktanteil ja bloßes Abfallprodukt seien, überhaupt nicht produziert bzw. seien unbezahlbar. — Auch die Frage der Umrüstung auf alternative Antriebe wie Brennstoffzellen oder auf Photovoltaik basierend habe man gewissenhaft geprüft, doch leider ohne überzeugende Ergebnisse: Vor allem weigere man sich, in Fakes zu investieren, wo bloß „regenerativ und emissionsfrei“ draufstehe, aber nicht drin sei und dann die (bei der erforderlichen Transportkapazität ohnehin viel zu schweren) Akkus während der Liegezeit via Steckdose aufgeladen würden. Stattdessen wolle man sich auf die Erprobung alternativer Brennstoffe konzentrieren.

BaumschützerInnen-Info vom 11.1.08

Und es geht doch!

An dieser Stelle sei nun erlaubt, verschiedene, bereits existierende Prototypen großer Fahrgastschiffe mit Solar- bzw. Brennstoffzellenantrieb vorzustellen, die entweder bereits in Dienst genommen sind oder kurz davor stehen:

  • Hier zunächst eine Präsentation des für acht Personen ausgelegten Solar-Wanderboots „Swan“ der Singener Fa. Yacht Concept Solartechnology ;
  • hier und hier das 23 Personen fassende Salon-Solarschiff „Chassali“ der Fa. SolarWaterWorld AG, das seit 2003 vom Solarpavillon in Köpenick aus verkehrt;
  • hier von der gleichen Firma der Solarkatamaran „SunCat2000“ für 120 Personen;
  • hier der bis zu 110 Passagiere befördernde Solarkatamaran der Heidelberger Solarschifffahrtsgesellschaft mbH mit eindrucksvollem Video;
  • hier ein Bericht über das Brennstoffzellen-Fahrgastschiff der Fa. Proton Motor, das im Sommer bis zu 100 Fahrgäste auf der Alster und im Hamburger Hafen befördern wird, und last but not least
  • hier der bereits im Mai 2006 erprobte Dolmusch-Xpress.

All diese Boote und Schiffe aber gleiten lautlos und absolut emissionsfrei übers Wasser! Und wie wir aus berufenem Mund erfahren: Selbst in China, wo etwa auf der Insel Hainan solarbetriebene Fahrzeuge im Straßenverkehr bereits erfolgreich im Einsatz sind, bekundet man großes Interesse an Solarschiffen. Sehen wir also zu, dass wir mit Ausflüchten à la „Gibt’s nicht! Geht nicht!“ in Berlin nicht mal wieder abgehängt werden…

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