BaumschützerInnen-Info vom 5.1.08

mit Beginn des neuen Jahres ist das Ringen um die Zukunft des Landwehrkanals in eine neue Phase getreten, und wieder sind erhöhte Wach- und Aufmerksamkeit angesagt, denn nun wird es im Rahmen der seit dem 19. November ’07 laufenden Mediationsverhandlungen endlich ernst, werden nach ausgiebigem Beschnuppern in langen Verfahrensdebatten die ersten Sachthemen angepackt…

Arbeitskreis zu kurzfristigen Maßnahmen erstmals zusammengetreten!

Wie berichtet, haben sich auf der zweiten Sitzung des Mediationsforums am 10.12.07 die ersten vier Arbeitskreise gebildet, und jener, der sich mit dem „Umgang mit kurzfristigen Maßnahmen“ befasst und dabei vor allem mit den Themenbereichen „Gefahr im Verzug“, dem „Umgang mit den gesicherten Bäumen“ und der „Gestaltung der Informationswege“, hat erstmals am 3. Januar getagt. Ohne vorgreifen zu wollen, können wir in dieser sehr produktiven Sitzung im Grünflächenamt Mitte, die in einer (wenn diese paradoxe Fügung erlaubt ist) zugleich konzentrierten wie entspannten Atmosphäre verlief, einen guten Start ins neue Jahr sehen.

Wegen der besonderen Bedeutung der verhandelten Probleme vor dem Hintergrund der Ereignisse des letzten Jahres hier eine detaillierte Darstellung.

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BaumschützerInnen-Info vom 5.1.08

Zum Umgang mit den Bauzäunen

Überall dort, wo die Taucher des WSA im vergangenen Sommer Auskolkungen unter der Ufermauer und Zerstörung der Klinkerflachschicht festgestellt haben — und diese Abschnitte betragen insgesamt 3,5 km — muss zum Personenschutz der sog. Gleitkreis, also jener Uferbereich, der beim Einsturz der Mauer höchstwahrscheinlich Richtung Kanal abrutschen würde, durch Bauzäune gesichert werden, übrigens ganz unabhängig von der Frage, ob dort Bäume stehen oder nicht. Für die Unterhaltung der Bauzäune ist ungeachtet dessen, dass sie nur gemietet sind, das WSA verantwortlich. Wie berichtet, ereignete sich letzten Oktober infolge umgeworfener Teile dieses Bauzauns ein folgenschwerer Fahrradunfall, doch da gegen Vandalismus kein Kraut gewachsen sei, Kupplungen zur Verbindung der Zaunelemente regelmäßig abgeschraubt und gestohlen würden, auch die Verdichtung der Kontrollen keine völlige Sicherheit gewähren könne, bleibe nur Sperrung der Uferwege oder Errichtung eines massiven und dann entsprechend kostspieligen Zauns, denn bis zur eigentlichen Sanierung gäbe es zur Abzäunung keine Alternative. Wasserseitige Aufschichtung sog. big bags vor den neuralgischen Bereichen, Verfüllen der Schadstellen, Injektion von Beton in die Fugen oder andere Behelfe könnten hier jedenfalls nichts ausrichten, da man nicht wisse, wie der Untergrund hinter der brüchigen Uferbefestigung beschaffen sei.

An der Frage, mit welcher Methode etwaige Hohlräume zweifelsfrei festzustellen sind: durch elektrische Widerstandstomographie oder durchs Bodenradar des Prof. Weihs, der auf Betreiben einer Arbeitsgruppe der BI im WSA hierüber bereits referierte, entspann sich eine lebhafte Diskussion. Drucksondierung scheide wegen des Gewichts des erforderlichen Geräts aus und ob die radiologische Untersuchungsmethode, die der genannte Göttinger Professor bislang erfolgreich zur zerstörungsfreien Lokalisierung von Baumwurzeln angewandt habe, auch für die Sondierung von Hohlräumen tauge [siehe auch hier und hier], sei für die Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) noch nicht ausreichend erwiesen, als dass sie das Verfahren zulassen könnte; ohne Zulassung aber darf es das WSA nicht anwenden, auch nicht probeweise auf einer Teststrecke und auch dann nicht, wenn sich quasi als Nebeneffekt die kostengünstige Ortung von Kampfmitteln ergäbe, denn das Amt sei keine Forschungsanstalt. Da es sich zudem ohnehin nur ums Kurieren von Symptomen im Vorfeld der eigentlichen Grundsanierung handele, zwinge die Bundeshaushaltsordnung zur preiswertesten unter den bewährten Lösungen.

Albrecht Biewald (Fachgebietsleiter Unterhaltung des Gewässerbetts) sicherte jedenfalls zu, dass nochmals überprüft werde, ob die Bauzäune an bestimmten Stellen näher zum Ufer hin platziert werden können. Und auch der Vorschlag, die Zäune nachts zu beleuchten, werde umgesetzt.

BaumschützerInnen-Info vom 5.1.08

Zum Umgang mit den gesicherten Bäumen

Die zu einiger Berühmtheit gelangten Brockelmannschen Würfel (an 22 Bäumen in einer insgesamt 370 Meter langen abrutschgefährdeten Uferzone) — eine aus hektischem Aktionismus geborene (und nicht eben billige) Notlösung, wie es jetzt heißt — sollen, da bereits eine Klage anhängig ist, möglichst schnell wieder verschwinden, nicht zuletzt weil die Anbindung der monströsen Balken die Bäume besonders in der Vegetationsperiode und bei Sturmereignissen empfindlich schädigt und bis zum Bruch führen kann.

Eine wasserseitige Vorrammung bzw. lärmarme Einpressung sog. Baugruben-Spundwände aus Z-förmigen Stahlbohlen in ca. 50 cm Abstand zur maroden Ufermauer mit anschließender Verfüllung des Zwischenraums würde eine weitere Baumsicherung erübrigen. Als dies schon letzten Sommer vorgeschlagen wurde, hieß es, das Material sei selbst auf dem Weltmarkt nur schwer und mit langen Lieferfristen erhältlich, woran sich inzwischen auch nichts geändert habe: nur die Stahlpreise seien weiter gestiegen. — Die erforderlichen Bohlen sind knapp 50 cm breit, 14 mm dick, würden 6 m tief in die Kanalsohle getrieben und (bei 2 m Wasserhöhe) noch weitere 2 m über die Wasseroberfläche hinausragen, was aus statischen Gründen zum Verfüllen notwendig sei. Die Bohlen müssen jeweils von oben ineinander gesteckt werden, was eine Arbeitshöhe von insgesamt 12 m verlangt, d. h. hineinragende Äste und überhängende Baumkronen müssten beseitigt werden. Im Falle, dass diese Spundwände als dauerhafte Lösung akzeptiert werden, würde der aus dem Wasser ragende Teil nach Verfüllen des Zwischenraums knapp unter der Wasseroberfläche abgebrannt. Wird indessen ein anderes Sanierungskonzept gewählt, wären die Spundbohlen zur weiteren Baustellen-Einrichtung sechs- bis achtmal wiederverwendbar, dürften dann allerdings nicht abgeschnitten werden.

Die dauerhafte Lösung, vergleichbar der Sanierungsvariante „Regelbauweise mit Fußsicherung“, scheint dazu angetan, alle Parteien zu befriedigen, indem sie der Gefahr im Verzug begegnet, die Bäume erhält, die hässlichen Betonwürfel verschwinden lässt, so dass der Uferbereich wieder begangen werden und der Schiffsverkehr, wenn auch weiterhin nur einspurig, aufrechterhalten werden kann.

Alternativen seien geprüft und verworfen worden — Kleinbohrpfahlwände wie sie am Fraenkelufer zum Einsatz kamen, genügen den statischen Anforderungen nicht; Schlitzwände aus Beton sind im Wasser nicht verwendbar, auch Plastik habe sich als ungeeignet erwiesen, Holz werde nicht mehr verwandt —, und die vorgestellte Variante sei bereits vom öffentlich bestellten Prüfingenieur genehmigt: Der Prüfbescheid samt den statischen Berechnungen kann ab kommenden Montag (7.1.) im „Gläsernen Büro“ (Columbia-Gebäude) eingesehen werden, und alle Beteiligten sind für ein Feedback dankbar! — Ansonsten bliebe nur noch übrig, die Kosten für die Unterhaltung/Errichtung der Bauzäune zu ermitteln, um die vorgeschlagene Lösung auch entlang dieser Uferbereiche als die wirtschaftlichere zu erweisen. — Doch natürlich kann und soll all das der Diskussion im Forum nicht vorgreifen!

Die Lieferzeit der Spundbohlen beträgt fünf Monate, die reine Bauzeit nur ca. vier Wochen, so dass also frühestens zur Jahresmitte, und d. h. auch mitten in der Schifffahrtssaison, begonnen werden könnte und deshalb mit Rücksicht auf die Fahrgastschifffahrt vorzugsweise nachts gearbeitet werden müsste, vorausgesetzt der Senat erteilt im Hinblick auf die vom Stromgenerator ausgehende Lärmbelästigung hierfür die Genehmigung. Angesichts der Preisentwicklung beim Stahl sei auch aus Kostengründen Eile geboten.

Doch da zauberte zur allgemeinen Überraschung der Revierleiter von Mitte, Wolfgang Leder, eine mögliche Alternative aus dem Hut, die eine Verschiebung bis nach der Schifffahrtssaison möglich und damit teure Nachtarbeit überflüssig machen würde: Er wolle sich um die Erkundung einer baumfreundlicheren Anbindung der betroffenen Bäume bemühen. (Unabhängig davon sollten die Spundbohlen jedoch umgehend bestellt und bis zum voraussichtlichen Baubeginn Ende Oktober zwischengelagert werden…)

BaumschützerInnen-Info vom 5.1.08

Zum Komplex „Gefahr im Verzug“

Bei dieser Frage, deren Behandlung seitens des WSA (und nicht zu vergessen auch des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg) im vergangenen Sommer für soviel Aufregung, Ungemach und überflüssige Fällungen gesorgt hat, fand nun der Arbeitskreis in überraschend kurzer Zeit Verfahrensvorschläge, die zumindest alle Anwesenden zufrieden stellten, so dass wir auf Seiten des WSA von einem erfolgreichen Lernprozess ausgehen dürfen.

Folgender Handlungsablauf soll dem Forum vorgeschlagen werden:

Erfordert eine Gefahrensituation am oder auf dem Kanal Maßnahmen, die nach Einschätzung des WSA keinen Aufschub dulden, werden sie unverzüglich eingeleitet und alle Mitglieder des Arbeitskreises baldmöglichst per E-Mail darüber informiert. Baumfällungen sind von solchen Sofortmaßnahmen jedoch „zu hundert Prozent“ ausgeschlossen!

Im Falle, dass Bäume involviert sind, wird die Mail des WSA

  1. eine Beschreibung des Sachverhalts enthalten, nach Möglichkeit mit aussagekräftigen Digitalfotos illustriert;
  2. die vorgesehenen Maßnahmen incl. evtl. noch bevorstehende Ortstermine mitteilen und
  3. die Frist angeben, bis wann ein evtl. Veto beim Absender eingegangen sein muss. Angepasst an den Zeitpunkt des Versands dieser Mail soll die Frist mindestens 12 Stunden betragen. — Legt daraufhin auch nur ein einziges Mitglied des Arbeitskreises sein Veto ein, das mit kurzer Begründung über den gesamten Verteiler zu versenden ist, so hat dies grundsätzlich aufschiebende Wirkung, und es kommt, wenn es die Tageszeit noch erlaubt, binnen zwei Stunden zu einem Ortstermin, möglichst unter Hinzuziehung von Sachverständigen. Positive, also den Maßnahmen zustimmende Rückmeldungen, sind wünschenswert, aber nicht obligatorisch und sollten ebenfalls sowohl ans WSA wie auch alle Arbeitskreis-Mitglieder gehen.

Bleibt nur noch abzuwarten, wie das Mediationsforum diese Vorschläge aufnimmt und wie sich die schließlich einvernehmlich zu beschließende Lösung praktisch bewährt.